Körperregeln
Ausgabe Nr. 18, 05. Juni 2012

Bild zur Ausgabe „Körperregeln”

Beim Kampf gegen bestehende Herrschaftsverhältnisse geraten mehr und mehr Körper ins Blickfeld. Körper nehmen dabei zwei Funktionen ein: Zum einen werden anhand der Zuschreibung körperlicher Merkmale und Eigenschaften verschiedene Formen von Unterdrückungsverhältnissen legitimiert und begründet, zum anderen schreiben sie sich in Körper ein. Denn Körpernormen und Körperbilder wirken sich auf die Selbstwahrnehmung, aber auch auf den Blick dessen, was als „schön“ oder „attraktiv“ empfunden wird, aus. Das scheinbar individuelle Handeln, das sich in alltäglichen körperlichen Selbstinszenierungen oder Zurschaustellungen manifestiert, ist im Umkehrschluss durchzogen von gesellschaftlichen Normvorstellungen. Körperdiskurse legitimieren Körper anhand bestimmter Maßstäbe als „gesund“, während andere, die diesen Normen nicht entsprechen, als abweichend konstruiert werden. Diese Normen zu hinterfragen und Linien zwischen „krank“/„gesund“, „schön“/„hässlich“, „fit“/„faul“, „stark“/„schwach“ aufzubrechen sind wichtige Aufgaben linker Politiken.

In dieser Ausgabe wird sich dem umfangreichen Thema aus unterschiedlichen Perspektiven genähert. Zunächst empfielhlt Ulrike Roth das Buch Projekt Körper und hält fest, dass es auch als gelungene Analyse einer neoliberalen Gesellschaft am Beispiel Körper gelesen werden kann. Anschließend zeigt Heinz-Jürgen Voß in der Rezension des Buchs Ein Junge namens Sue „Lebensgeschichten von Trans*-Menschen" auf. Die Studie Schönheit als Praxis zeigt anschaulich, dass im Schönheitsdiskurs gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse verhandelt werden, eignet sich aber laut Rezensent Ulrich Peters eher nicht zum Einstieg in die Thematik. Hingegen hält Peps Perdu Fleischmarkt für eine gute Einstiegslektüre. Sie sieht in dem Buch eine Kampfansage gegen die Rolle, die weiblichen Körpern im Kapitalismus zugeschrieben wird. Zwar vermisst sie einen intersektionalen Zugang, sieht aber dennoch neue feministische Perspektiven unterstützt. Thomas Möller bespricht den Sammelband Körper haben, dem das Ziel einer interdisziplinäre Herangehensweise an das Thema zu Grunde liegt. Diese wird laut Möller durch einen zu allgemeinen theoretischen Rahmen jedoch nur unzureichend eingelöst. Den Abschluss des Schwerpunkts liefert Heinz-Jürgen Voßs Rezension des Ausstellungsbegleitbandes 1-0-1 (one ´o one) intersex , der als eine der besten deutschsprachigen Publikationen gewürdigt wird, die für die Rechte der Intersexen eintreten.

Unter den aktuellen Rezensionen lobt zunächst Patrick Schreiner die Widerlegung vieler unhinterfragter neoliberaler Mythen, die der Ökonom Ha-Joon Chang in seinem fundierten populärwissenschaftlichen Buch 23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen vornimmt. Zu einem vernichtenden Urteil kommt dagegen Philippe Kellermann in seiner Rezension von Transparenzgesellschaft: Der Autor und Philosoph Byung-Chul Han verbaue sich mit seiner Kritik an dem Konzept eine nuancierte Betrachtung der Fallstricke der Transparenzforderung und verunmögliche damit auch eine emanzipatorische Antwort. Das Buch Wir kommen von Inan Türkmen wurde vor allem in Österreich breit diskutiert. Sebastian Kalicha bemängelt in seiner Rezension trotz des möglichen subversiven Potenzials des Essays das Fehlen eines über Provokationen mit neuen Klischees hinausgehenden Inhalts. Für die Mehrheit der Gesellschaft provokante Thesen enthält auch Markus Bernhardts Darstellung der „Hintergründe, Verharmloser und Förderer“ des NSU-Terrors, die Michael Lausberg in seiner Besprechung Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) und die Inlandsgeheimdienste als gelungene Einstiegslektüre in das Thema empfiehlt. Thomas Trueten bespricht schließlich in Der Kampf ist noch nicht vorbei Mumia Abu Jamals bereits 2004 in den USA veröffentlichtes Buch über sein Leben in der Black Panther Party, das nun auch in deutscher Übersetzung erschienen ist.

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Und nun viel Spaß beim kritisch(en) Lesen!

Rezensionen zum Schwerpunkt

  • Schönheit oder das Versprechen von Nutzen

    Buchautor_innen
    Waltraud Posch
    Buchtitel
    Projekt Körper
    Buchuntertitel
    Wie der Kult um die Schönheit unser Leben prägt

    Wie wirkt das Schönheitsideal, warum ist es uns nicht egal und was haben die neoliberalen Werte der Individualisierung und Leistung, der Freiheit und Selbstverantwortung damit zu tun? Weiterlesen...

    Rezensiert von
    Ulrike Roth
    Vom
    05. Juni 2012

    Eingeordnet in
  • Lebensgeschichten von Trans*-Menschen

    Buchautor_innen
    Alexandra Köbele
    Buchtitel
    Ein Junge namens Sue
    Buchuntertitel
    Transsexuelle erfinden ihr Leben

    Den Menschen im Mittelpunkt – nicht das Geschlecht. In „Ein Junge namens Sue“ erzählen Transsexuelle ihre Lebensgeschichte. Alexandra Köbele lässt hierfür Raum – und wertet gleichzeitig wissenschaftlich aus. Weiterlesen...

    Rezensiert von
    Heinz-Jürgen Voß
    Vom
    05. Juni 2012

    Eingeordnet in
  • Sie tun es für sich selbst

    Buchautor_innen
    Otto Penz
    Buchtitel
    Schönheit als Praxis
    Buchuntertitel
    Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit

    Die Studie „Schönheit als Praxis“ von Otto Penz widmet sich dem Schönheitshandeln, das im Gegensatz zur Frage, welche Aspekte an Personen als „schön“ empfunden werden, bisher kaum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen war. Weiterlesen...

    Rezensiert von
    Ulrich Peters
    Vom
    05. Juni 2012

    Eingeordnet in
  • Reclaim your body

    Buchautor_innen
    Laurie Penny
    Buchtitel
    Fleischmarkt
    Buchuntertitel
    Weibliche Körper im Kapitalismus

    "Fleischmarkt" ist keine wissenschaftliche Analyse von Geschlechterverhältnissen oder die Auswirkung des Kapitalismus auf Körperbilder - es ist eine Kampfansage. Weiterlesen...

    Rezensiert von
    peps perdu
    Vom
    05. Juni 2012

    Eingeordnet in
  • Zwölf Perspektiven auf das Körper Sein und Haben

    Buchautor_innen
    Michael R. Müller, Hans-Georg Soeffner, Anne Sonnenmoser (Hg.)
    Buchtitel
    Körper Haben
    Buchuntertitel
    Die symbolische Formung der Person

    Der menschliche Körper spielt eine wesentliche Rolle im sozialen Miteinander. Wobei er aber nicht nur Instrument ist, sondern zugleich auch sozio-kultureller wie individueller Ausdruck einer Person. Weiterlesen...

    Rezensiert von
    Thomas Möller
    Vom
    05. Juni 2012

    Eingeordnet in
  • Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung

    Buchautor_innen
    Neue Gesellschaft für Bildende Kunst / AG 1-0-1 intersex (Hg.)
    Buchtitel
    1-0-1 [one’o one] intersex
    Buchuntertitel
    Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung

    „1-0-1 (one ´o one) intersex. Das Zwei-Geschlechtersystem als Menschenrechtsverletzung“ ist eine der besten deutschsprachigen Veröffentlichungen, die wissenschaftlich fundiert und politisch klar für die Rechte der Intersexe argumentiert. Weiterlesen...

    Rezensiert von
    Heinz-Jürgen Voß
    Vom
    05. Juni 2012

    Eingeordnet in

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