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		<title>„Empowerte“ Arbeiterklasse</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Torsten Bewernitz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit – Soziales]]></category>
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		<description><![CDATA[„Arbeiterkämpfe“, und dann auch noch selbstorganisierte, scheinen eher ein historisches Thema zu sein. Durchaus mit Rückblick auf diese Geschichte zeigen die AutorInnen in diesem Band auf, dass das Thema immer noch Aktualität besitzt. „Empowerment“ ist das neue Zauberwort, das in der Politik- und Sozialwissenschaft umgeht. „Selbstermächtigung“, in deren Zeichen das vorliegende Buch steht, ist eigentlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Arbeiterkämpfe“, und dann auch noch selbstorganisierte, scheinen eher ein historisches Thema zu sein. Durchaus mit Rückblick auf diese Geschichte zeigen die AutorInnen in diesem Band auf, dass das Thema immer noch Aktualität besitzt.<span id="more-3790"></span></p>
<p>„Empowerment“ ist das neue Zauberwort, das in der Politik- und Sozialwissenschaft umgeht. „Selbstermächtigung“, in deren Zeichen das vorliegende Buch steht, ist eigentlich nichts als die deutsche Übersetzung dieses Begriffs. Und dennoch könnten die beiden Schlagworte kaum weiter auseinanderliegen.</p>
<p>Die sozialwissenschaftlichen Studien, die den englischen Begriff nutzen, konzentrieren sich nämlich zumeist auf eine individuelle Selbstermächtigung. Die Selbstermächtigung, die in dem von Anna Leder herausgegeben Buch dagegen hervorscheint, ist die Selbstermächtigung einer sozialen Gruppe, der Arbeiterklasse.</p>
<p>Hervorgegangen ist der Sammelband aus der Rundreise streikender KollegInnen aus Serbien durch die drei deutschsprachigen Staaten. Dementsprechend sind hier Arbeiterkämpfe aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dem serbischen Beitrag vorangestellt. Hinzu kommt ein Beitrag von Rainer Thomann zu Frankreich, wobei der Autor sich allerdings auf einen einzigen Konflikt bei dem Reifenhersteller <em>Continental</em> bezieht. Für die Diskussion ist dieser Beitrag insofern von besonderem Interesse, als dass der Branchenriese <em>Continental</em> auch in anderen Staaten für heftige Konflikte gesorgt hat. Thomann geht sowohl auf die deutschen wie auch auf die mexikanischen Kämpfe bei <em>Continental</em> ein.</p>
<p>Abgesehen vom französischen Einzelbeispiel betten alle Beiträge die beschriebenen Konflikte historisch ein, allerdings durchaus mit sehr verschiedenen Schwerpunktsetzungen. Peter Haumer und (wiederum) Rainer Thomann gehen in ihren Beiträgen zu Arbeiterkämpfen in Österreich (Haumer) und der Schweiz (Thomann) im Wesentlichen chronologisch vor. Dabei picken sie sich die Konflikte heraus, die ihnen unter dem Aspekt der Selbstermächtigung besonders erwähnenswert erscheinen. Haumer findet dabei in seiner Geschichte der österreichischen Selbstermächtigungskämpfe die einzige Entsprechung in den Studierendenprotesten der vergangenen paar Jahre.</p>
<h3>Verborgene Kämpfe</h3>
<p>Christian Frings dagegen geht etwas anders vor: Von Anfang an setzt er seine Darstellung in Bezug zu der globalen Krise und der globalen Streikwelle. Sozialwissenschaftlich fundiert er seine Beobachtungen mit den Analysen Beverly Silvers, Frances Fox Pivens und Richard A Clowards. Frings Beitrag unterscheidet aber vor allem in einem von den übrigen Beiträgen des Sammelbandes. Er betont: „Gerade Kämpfe, in denen sich Tendenzen der Selbstermächtigung zeigen, bleiben oft im Verborgenen und nur in direktem Kontakt mit den Akteuren wird die Bedeutung ihres Handelns sichtbar.“ (S. 20) Nun ist es offensichtlich, dass die weiteren Beiträge des Bandes von Menschen geschrieben wurden, die aktiv zumindest an einigen der beschriebenen Betriebskämpfe teilgenommen haben – allerdings in unterschiedlicher Weise. Während Peter Haumer und Rainer Thomann nämlich direkt aus dem Arbeitsleben heraus auch ihre eigenen Erfahrungen beschreiben (was sie – leider – scheinbar zu verbergen suchen), sind die serbischen Autoren Milenko Srećković und Ivan Zlatić solidarische Aktivisten, die von außen an die Betriebskämpfe herangehen. Das mag für Christian Frings ähnlich sein. Sein Ansatz, die Kämpfe im Verborgenen zu suchen und mit dem globalen Geschehen zu vermitteln, lässt aber Konfliktaspekte nachvollziehbar machen, die Haumer, Thomann, Srećković und Zlatić oftmals in ihrer Deskriptivität entgehen: Wo Haumer in Österreich keine aktuellen Arbeitskämpfe mit Selbstermächtigungsaspekt finden kann, findet Frings zahlreiche Konflikte, die man aber, um von ihnen zu erfahren, eben sehr akribisch suchen muss.</p>
<p>Auch wenn der Beitrag über selbstermächtigte Kämpfe von Frings deshalb in der Tat am lesenswertesten ist, so bleibt – zumindest für mich als Leser aus der BRD – der Erkenntnisgewinn auch der anderen Beiträge außerordentlich hoch: Wie häufig liest man schon von historischen und aktuellen Arbeitskämpfen in Österreich und der Schweiz? Gerade in diesem Sinne ist es auch äußerst lobenswert, hier einmal die serbische Perspektive zu erfahren. „Serbien“ ist in deutschsprachigen Landen nahezu ein Synonym für Nationalismus und Krieg. Dabei sind die Selbstermächtigungskämpfe auf serbischem Gebiet – über die im Buch dargestellten Beispiele hinaus – zahlreich. Die Kontrastierung der „westeuropäischen“ Kämpfe mit jenen aus einem osteuropäischen Land sind dabei besonders aufschlussreich: Auch wenn die beiden Autoren des Beitrags zu Serbien anfangs konstatieren, das jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltungssystem unterscheide sich in der Praxis kaum vom bundesdeutschen Mitbestimmungssystem (S. 196), so wird in der Beschreibung der aktuellen Kämpfe – die sich allesamt gegen zunehmende Privatisierungstendenzen richten – deutlich, dass die Arbeiterselbstverwaltung doch noch etwas weiter ging und dass es in Serbien nach wie vor ein Verständnis für Kollektiveigentum gibt. Interessant wäre zu erfahren, ob sich diese Einschätzung auf die anderen postjugoslawischen Staaten erstreckt.</p>
<h3>Kämpfe ohne offizielle Vertretung</h3>
<p>Ein weiterer Aspekt ist im Abgleich der vier Aufsätze des Bandes hoch aufschlussreich: Nahezu alle Kämpfe in Deutschland, Frankreich, Österreich und der Schweiz fanden und finden gegen den Willen der offiziellen Gewerkschaften statt beziehungsweise wendeten sich im Kampfesverlauf gegen diese. Die Selbstermächtigung der ArbeiterInnen, so muss man nach den ersten 190 Seiten Lektüre unabdingbar schließen, findet auch und gerade gegen die Arbeiterorganisationen statt. Und dann kommt der Beitrag zu Serbien. In den hier beschriebenen Kämpfen sind es meist Gewerkschaften, kommunale Politik, zivilgesellschaftliche Organisationen und die ArbeiterInnen, die gemeinsam gegen den Staat und die Investoren zu kämpfen haben. Ob es sich bei diesem Unterschied nun um einen Unterschied in der Sichtweise der Autoren handelt oder aber um einen tatsächlichen Unterschied in den Arbeitskämpfen, der mit den verschiedenen Status der ökonomischen und politischen Entwicklung dieser Staaten zu tun hat, darüber lässt sich letztlich nur spekulieren. Es wäre aber ein interessanter Ansatz, der weiter zu verfolgen wäre, die Arbeitskämpfe in den Staaten mit etablierten Gewerkschaften mit jenen Staaten, in denen sich völlig neue Organisierungstendenzen auftun, zu vergleichen.</p>
<p>Unter diesem Aspekt ist der Diskussionsansatz, den „Arbeitskämpfe im Zeichen der Selbstermächtigung“ liefert, nicht nur für eine europäische Debatte spannend, die die Ungleichzeitigkeit Ost- und Westeuropas mit im Fokus haben muss, sondern auch für die Beurteilung der globalen Krise und der Krisenrevolten: Wo übernehmen Gewerkschaften das Heft, wo sind die Arbeiterkämpfe tatsächlich selbstermächtigt und wo steht eine radikale Linke ohne Rückendeckung auf der Straße, weil es diese selbstermächtigten und ermächtigenden Kämpfe gar nicht gibt beziehungsweise. weil diese nicht entdeckt werden – weil eben der direkte Kontakt mit den AkteurInnen fehlt, vielleicht gar, weil es gar kein Interesse daran gibt, diese selbtsermächtigten Kämpfe zu entdecken.</p>
<p>In diesem Sinne ist Anna Leders Sammelband eine Pflichtlektüre für alle, die sich zu Krisenprotesten und Widerstand gegen die aktuelle oder allgemeine Krisenpolitik berufen fühlen. An fünf Länderbeispielen wird der Bezug zu den „anderen“ Arbeiterbewegungen hergestellt oder doch zumindest darauf aufmerksam gemacht, dass es diese gibt. Das ist heutzutage viel. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch nicht nur auf Interesse stößt, sondern darüber hinaus anregt zu eigenen solidarischen Erforschungen und einem Sich-in Beziehung-setzen zu den ökonomischen Widerständen des Alltags.</p>
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		<title>Paternalismus, Lohnarbeit &amp; Staatsfetisch</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Martin Birkner</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit – Soziales]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[arbeitskampf]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Buch, das zur Entwicklung einer Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation oder zur Befreiung von Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen nur wenig beiträgt. Nein, ich habe das Buch tatsächlich nicht fertig gelesen. Und: Ja, ich werde – in aller Kürze – versuchen zu begründen, warum. Gut zehn Jahre nach seinen „Metamorphosen der sozialen Frage“ erscheint eine Sammlung von Essays [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Buch, das zur Entwicklung einer Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation oder zur Befreiung von Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen nur wenig beiträgt.<span id="more-3786"></span></p>
<p>Nein, ich habe das Buch tatsächlich nicht fertig gelesen. Und: Ja, ich werde – in aller Kürze – versuchen zu begründen, warum. Gut zehn Jahre nach seinen „Metamorphosen der sozialen Frage“ erscheint eine Sammlung von Essays von Robert Castel, einem der einflussreichsten Soziologen Frankreichs (so der Klappentext), aus den Jahren 1995 bis 2008 nun auf Deutsch. Dass in der Zwischenzeit die schwerste Krise des Kapitalismus über diesen hereingebrochen ist, würde wohl in jedem Fall Analysen aus der Zeit kurz davor einer schweren Prüfung durch die historische Entwicklung unterziehen. Das ist die eine Seite und kann dem Autor nur schwerlich angekreidet werden. Die andere ist, dass selbst ganz ohne Krise Castels Texte als Beitrag zur Entwicklung einer Perspektive gesellschaftlicher Emanzipation oder gar – wenn auch schrittweiser – Befreiung von Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen völlig unbrauchbar ist. Aber warum?</p>
<p>Castel schreibt aus einem Blickwinkel, der weder grundsätzliche Kritik an der Lohnarbeit noch an kapitalistischer Staatlichkeit zulässt, noch einer solchen Kritik zumindest wissenschaftlich brauchbare Argumente liefern könnte. Der Sozialstaat war gut, sein Abbau durch den Neoliberalismus ist schlecht, die historische ArbeitERbewegung gut, die Verbände des Kapitals schlecht, Vollzeitarbeit gut, Prekarisierung schlecht usw. Früher war alles besser, so einfach kann in diesem Fall eine Zusammenfassung eines 380-seitigen Buches sein. Dass gesellschaftlicher Widerstand, dass soziale Bewegungen wenn schon nicht die ausschlaggebende, so doch zumindest eine wichtige Rolle in Prozessen sozialer Veränderung einnehmen, dass zumindest bestimmte Aspekte des Prozesses der Prekarisierung auch befreiende Wirkungen gegenüber der homogenen Geschlossenheit des fordistischen Sozialstaats haben könnten, dass MigrantInnen wie auch ArbeiterInnen überhaupt auch eigensinnig Handelnde und nicht lediglich interessensverbandlich bzw. repräsentativ-politisch zu Behandelnde sein könnten, all das kommt Castel tatsächlich nicht in den Sinn. Überwiegend von Frauen geleistete Reproduktions- und Care-Arbeit als zentrale Aspekte neuerer Diskussionen zur Transformation von Arbeit und emanzipatorischer Strategien? Fehlanzeige! Soziale Bewegungen als Triebkräfte gesellschaftlicher Transformationsprozesse? Nicht die Spur! Dabei ist in erster Linie nicht die  mangelnde „Radikalität“ der politischen Position kritikwürdig, sondern der nicht vorhandene Blick auf die feinen Veränderungen „von unten“ im Rahmen der „Krise der Arbeit“. Wenn diese ausschließlich durch die fordistisch-korporatistische Brille betrachtet wird, so wird tatsächlich Staatsideologie produziert. Zitat gefällig? </p>
<blockquote><p>
„Die Möglichkeit ein Individuum zu sein, wurde zumindest für die ‚Nichteigentümerklasse‘ durch den Sozialstaat geschaffen (…) Manche seiner heutigen Kritiker haben offenbar keine Vorstellung davon, wie eine ‚Gesellschaft der Individuen‘ ohne Staat aussehen würde; man lese dazu noch einmal den ‚Leviathan‘ von Hobbes.“ (S. 366)</p>
</blockquote>
<p>Daher weht der Wind also! Dementsprechend befinden sich alle Veränderungsvorschläge von Castel strikt im nationalstaatlichen Rahmen, ihre Durchführung wird in schlechtester sozialtechnischer Manier den Regierungen überlassen – die ja bekannter Weise schon seit Jahren nichts Besseres zu tun haben als Reformen durchzuführen, die die Situation der breiten Masse der Bevölkerung verbessern…</p>
<p>Deshalb habe ich das Buch nicht zu Ende gelesen. Und deshalb werde ich auch nicht allzu viel Zeit für weitere Facetten meines Ärgers in diese Nicht-Rezension fließen lassen. Zwei Dinge seien jedoch abschließend noch erwähnt: Wer heutzutage tatsächlich noch glaubt, dass Formen des klassischen sozialdemokratischen Reformismus eher umsetzbar sind als andere – ja, durchaus auch revolutionäre – Strategien gesellschaftlicher Transformation, der, so viel Arroganz muss sein, ignoriert schlicht die gegenwärtige gesellschaftliche Realität. Und wer zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch glaubt, dass nationalstaatliche Formen der Re-Regulierung in Europa eine brauchbare politische Strategie befeuern können, der war auch schon vor der Krise auf dem Holzweg. 2012 hingegen ist das nur mehr absurd. Wer allerdings heute noch immer auf den Beweis dafür wartet, dass die Sozialdemokratie am Ende ist, dem beziehungsweise der sei das Buch nachdrücklich empfohlen –  denn damit lässt es sich fröhlich weiter warten; oder auch Bankenrettungs- und Bevölkerungsbelastungspakete beschließen, Abschiebungen organisieren und Leute „fit“ für miserabel bezahlte Scheiß-Jobs zu machen! </p>
]]></content:encoded>
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		<title>Eine Klasse gegen sich</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andrea Strübe</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit – Soziales]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Autor_innen nehmen die Bild-Kampagne über den „Arbeitslosen Arno Dübel“ unter die Lupe und untersuchen, mit welchen Argumentationen auch die Leser_innen zu klassistischer Rede greifen. Arno Dübel fungierte im Jahr 2010 als Figur einer Bild-Kampagne, die sich den Erwerbslosen zur Zielscheibe menschenverachtender Hetze aufgrund seines sozialen Status machte. Die Rede war vom „Sozialschmarotzer“, er sei [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Autor_innen nehmen die Bild-Kampagne über den „Arbeitslosen Arno Dübel“ unter die Lupe und untersuchen, mit welchen Argumentationen auch die Leser_innen zu klassistischer Rede greifen.<span id="more-3739"></span></p>
<p>Arno Dübel fungierte im Jahr 2010 als Figur einer <em>Bild</em>-Kampagne, die sich den Erwerbslosen zur Zielscheibe menschenverachtender Hetze aufgrund seines sozialen Status machte. Die Rede war vom „Sozialschmarotzer“, er sei „Deutschlands frechster Arbeitsloser“, der seit 36 Jahren von Sozialhilfe lebe und keinerlei Bereitschaft zeige, arbeiten zu gehen. Ergänzt wurde das Bild durch Stereotype wie ein ungepflegtes Äußeres, Zigaretten, Alkohol und <em>natürlich</em> fehlende Sozialkompetenz. Die <em>Bild</em> reproduzierte eifrig das Klischee der „Person aus der Unterschicht“. Doch damit war die Redaktion nicht allein. Das soeben erschienene Buch „Faul, Frech, Dreist“ legt den Fokus auf die Leser_innenkommentare, die auf <em>bild.de</em> Position zur dargestellten Lage Dübels beziehen. </p>
<p>Die hier auffindbaren Aussagen entsprechen zwar weitgehend den Paradigmen des herrschenden Unterschichtendiskurses, doch übersteigen die Anfeindungen in ihrer Vehemenz und Brutalität mancher Forderungen zum Umgang mit Erwerbslosen das „gewohnte Maß“. Es werden Forderungen ausgesprochen, die Arno Dübel gern als Obdachlosen „unter der Brücke“ oder in einem Arbeitslager sehen würden. Die Rede von jemandem, der_die von „Steuergeldern lebt“, aber „nichts zur Gemeinschaft beiträgt“, löst fortwährend ein beachtliches Getrete nach unten aus, sogar innerhalb der häufig prekär beschäftigten Arbeiter_innenklasse. Im Fokus der Studie steht, mit welchen Argumentationen Erwerbslosigkeit im Sinne der „sozialen Hängematte“ von den Leser_innen delegitimiert und gleichzeitig Ungleichheit legitimiert wird, nicht nur von den Eliten, sondern sogar von Teilen der Gesellschaft, die selbst absturzgefährdet sind.</p>
<p>Im Buch werden fünf Legitimationssemantiken zusammengetragen, anhand derer sich die (De)Legitimation von Sozialleistungen und die daraus resultierenden Argumentationen für klassistische Ungleichwertigkeit aus den Leser_innenkommentaren ablesen lassen. Hierbei ist der Fall Arno Dübel schlicht als Beispiel zu werten für eine die Gesellschaft durchziehende Abwertung von Erwerbslosen. </p>
<h3>Die Klasse im Kapitalismus</h3>
<p>Die theoretische Folie, die die Autor_innen Christian Baron und Britta Steinwachs für die Betrachtungen der Kampagne und der Reaktionen darauf anwenden, ist die des Klassismus. Dieser ist einerseits durch Ausbeutungsverhältnisse im Produktionsprozess gegeben und verursacht andererseits, dass Menschen aufgrund ihrer prekären sozialen Lage in der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Denn im Klassismus gilt nicht die ungleiche Verteilung von Ressourcen als verantwortlich für Armut, sondern die Armen selbst werden als Problemursache identifiziert. Sie hätten sich nicht genügend angestrengt und seien demnach an ihrer Lage selbst schuld. Was dementgegen fehlt, so die Autor_innen, ist das subjektive Klassenbewusstsein, ein Gefühl der „Klasse für sich“, die sich emanzipativ und solidarisch ihrer Lage bewusst wird. Stattdessen gebe es in weiten Teilen der kapitalistisch strukturierten Gesellschaft nur eine „Klasse an sich“. Die Individuen im kapitalistischen Ausbeutungsverhältnis stehen in Konkurrenz zueinander, was eine Angriffsfläche für klassistische Diskriminierung bietet, die Menschen aufgrund ihrer ökonomischen und sozialen Position mit den Attributen Verwahrlosung, Faulheit, Dummheit, Wert(e)losigkeit belegt. </p>
<p>Es wird deutlich, dass nicht allein die soziale Position ausschlaggebend für eine klassistische Diskriminierung ist, sondern diese ideologisch reproduziert wird. Armut wird auf diese Weise medial und politisch konstruiert als natürlich (weil beispielsweise Intelligenz erblich sei) und kulturell bedingt (denn „Erwerbslose sind nun mal faul“). Weiterhin zementiert wird sie durch Institutionen, wie Gesetze zur staatlichen Sozialversicherung, die klassistisch strukturiert sind. So dienen soziale Hilfen der Ausbeutung der Arbeiter_innen durch Kapitalist_innen und legitimieren außerdem das bestehende Herrschaftssystem als Schutz vor Aufständen. Doch kommt der Staat für diese Hilfen nicht selbst auf, sondern zwingt die Arbeitenden dazu, mit ihrem Lohn die Sozialabgaben zu decken. Die durch das Kapital hergestellten Notlagen müssen unter den darunter Leidenden selbst getragen werden. Hinzu kommt, dass aufgrund der spaltenden Sozialpolitik, verknüpft mit ausgrenzender Rede, zwischen würdigen (weil zum Beispiel kranken) und unwürdigen („faulen“) Bedürftigen unterschieden wird, was mitunter auch jene gegen Hilfeempfänger aufbringt, die selbst in einer prekären Lage sind, es sich aber nach eigenem Bemessen nicht in der „sozialen Hängematte gemütlich machen“, sondern sich den „Arsch aufreißen“. </p>
<p>In dieser Gegenüberstellung von Fleiß und Faulheit liegt der Kern der modernen Arbeitsmarktpolitik. Der aktivierende Sozialstaat garantiert nicht mehr für das Wohl des_der Einzelnen, sondern fordert gleichzeitig Leistungen. Für Erwerbslose bedeutet dies, dass sie sich beteiligen, engagiert zeigen, dankbar sein und zur Not jede Auflage akzeptieren müssen, um aus ihrer „selbstverschuldeten“ Misere mit eigenen Kräften wieder hinaus zu gelangen. Im Falle Arno Dübels beispielsweise ein Bügelkurs. Arbeit wird hier im Sinne einer sich steigernden Ökonomisierung der Gesellschaft „ein zentrales Integrations- und Anerkennungsmedium“ (S. 32). Kommen Erwerbslose diesem Druck nicht nach, werden Sanktionen verhängt. Doch dies nicht nur auf staatlicher Ebene, sondern toleriert und in weiten Teilen von der Öffentlichkeit getragen. </p>
<h3>Legitimation von Ungleichheit</h3>
<p>In der vorliegenden Diskursanalyse wird die Wirkung der <em>Bild</em>-Kampagne, die 37 Artikel im Jahr 2010 umfasst, auf die Leser_innenkommentare untersucht. Dass die <em>Bild</em> dabei den „Charakter“ Dübels völlig überzeichnet, dürfte klar sein, dennoch wird dabei das Bild des „typischen Erwerbslosen“ verstetigt. Seine Arbeitshaltung, sein Konsumverhalten, Emotionen, Krankheiten und „falsches Gejammer“ werden so zusammengezimmert, dass daraus eine Person entsteht, die entweder Mitleid oder Aggression bei den Kommentator_innen hervorruft. Ersteres versucht Dübel und seine Hilfebedürftigkeit zu verteidigen, letzteres erkennt ihm jede Hilfeleistung ab und fordert Sanktionen. Argumentiert wird hier beispielsweise mit dem Paradigma der Leistungsgerechtigkeit. Wenn Andere sich so abmühen, sollen Erwerbslose nicht mit Nichtstun durchkommen. Das geht soweit, dass Erwerbslosigkeit kriminalisiert wird, wenn Arno Dübel vorgeworfen wird, er hintergehe den Staat. </p>
<p>Ein anderes Legitimationsmuster ist das der Bedürfnisgerechtigkeit (nur wirklich Bedürftige dürfen Leistungen erhalten), Gleichheit (es sollen alle gleich behandelt werden, Dübel werde vom Amt aber bevorteilt), wohlverstandenes Eigeninteresse (man muss nur wollen) und Naturalisierung von Erwerbsarbeit (Arbeit muss sein). </p>
<p>Demgegenüber stehen vereinzelte Forderungen nach Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen oder die Schuldzuweisung in Richtung „oben“ (Banken, Konzerne, Politik). Doch diese die Sozialleistungen legitimierenden Argumentationen stehen den Delegitimationen zahlenmäßig weit zurück. Daraus resultiert die Meinung, dass, wenn Erwerbslose nicht den erwarteten Anforderungen entsprechen, sie auch kein Recht auf Unterstützung haben und deshalb eine klassistische Abwertung – sowohl ökonomisch als auch ideell – nicht zu kritisieren sei. Die Ideologie dafür liefert eine Melange aus Politik, Medien und Ökonomie &#8211; alle miteinander eng verzahnt – die einen erheblichen Beitrag leistet in der Schaffung solcher Stereotype. </p>
<h3>Klassengesellschaft neoliberal</h3>
<p>Was an den Betrachtungen bemerkenswert ist, ist, dass hier nicht nur ein Klassenkampf von oben oder aus der Mitte zu beobachten ist, sondern auch aus jenen Schichten, die selbst sehr prekär leben. Baron und Steinwachs merken an, dass ein Großteil der Gesellschaft sich selbst als Mittelschicht bezeichnet, woraus sich ablesen lässt, dass das Streben nach oben sehr dominant ist: „Die wirkungsvollste Art, die Armen unschädlich zu machen, besteht darin, daß man sie lehrt, die Reichen imitieren zu wollen.“ (Zafon, zitiert nach Baron / Steinwachs, S. 81). </p>
<p>Die Frustration über die Verhältnisse, die in der Arbeiter_innenklasse aufgrund des aktivierenden Drucks am höchsten ist, entlädt sich jedoch paradoxerweise an jenen, die scheinbar von der von oben aufoktroyierten Norm abweichen, aus Angst, selbst dorthin abzurutschen. Anstatt den Frust gegen jene zu richten, die ihn verursachen, wird er gegen Schwächere gewendet, was als „Imitation des Habitus der Reichen“ und „Selbstgeißelung“ (S. 82) interpretiert wird. Die Chance, diese Frustration als Motor für einen Klassenkampf zu nutzen, wird durch das Versprechen des individuellen Reichtums und dem leicht zum Schuldigen ernannten Erwerbslosen, der auf Kosten der Gesellschaft lebt, vertan. So wird denn auch mitunter gefordert, den Sozialstaat abzuschaffen und Hilfeleistungen aus der Mildtätigkeit Wohlhabender zu finanzieren. Hier wird eine Huldigung der Reichen besonders deutlich. Umgekehrt wird die eigene soziale Unsicherheit durch alle Klassen hindurch nach unten hin abgewälzt und aktivierende und disziplinierende Forderungen des Arbeitsmarktes, derer Adressat_innen die Arbeiter_innenklasse eigentlich selbst ist, umso stärker von unten eingefordert. Dadurch fungiert diese selbst noch als nachdrückliche Instanz der Arbeitsmarktpolitik. Nach unten braucht es Abgrenzung, um die Chancen des Aufstiegs für sich aufrecht erhalten zu können. Denn schließlich – so die hegemoniale Meinung – ist jede_r ihres_seines Glückes Schmied und selbst schuld oder zu dumm gewesen, wenn&#8217;s nicht klappt.</p>
<p>Das Buch liefert mit der Analyse der Leser_innenkommentare tiefe Einblicke in jene Seite der <em>Bild</em>, die jenseits der Hau-Drauf-Politik des Blattes selbst selten zum Vorschein kommt. Mit dem Instrument der Kritischen Diskursanalyse wurde ein Mittel gewählt, welches sowohl Arno Dübel nicht als Einzelfall ausgrenzender Rede markiert und außerdem der Gefahr entgeht, selbst Klassismen zu reproduzieren, da es die Aussagen in einen weiteren Kontext bettet. Doch wird der Aufbau der Studie im Mittelteil etwas statisch, da die erhobenen Daten in wissenschaftlicher Exaktheit dargelegt werden, wo eigentlich eine Konzentration auf die Analyse ausgereicht hätte. Allerdings bleibt das Buch dadurch auch sehr übersichtlich, besonders die theoretischen Schlussfolgerungen machen die partielle Langamtigkeit der vorigen Seiten wieder wett, wenn es darum geht, die Ergebnisse in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Und trotz des wissenschaftlichen Vorgehens bleibt die Studie flüssig lesbar.</p>
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		<title>Don’t mourn, organize!</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Torsten Bewernitz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In ihrer jüngst erschienen Dissertation „Die Organisierung der Unorganisierbaren“ vergleicht Hae-Lin Choi die Prekarisierungstendenzen und die sich dagegen wendenden gewerkschaftlichen Aktivitäten in den USA, Südkorea und Italien. Zentral sind dabei die Versuche, die prekär Beschäftigten gewerkschaftlich zu organisieren. Wer mit dem Schlagwort „Organizing“ wenig anfangen kann, dem sei Ken Loachs Film „Bread and Roses“ aus [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In ihrer jüngst erschienen Dissertation „Die Organisierung der Unorganisierbaren“ vergleicht Hae-Lin Choi die Prekarisierungstendenzen und die sich dagegen wendenden gewerkschaftlichen Aktivitäten in den USA, Südkorea und Italien. Zentral sind dabei die Versuche, die prekär Beschäftigten gewerkschaftlich zu organisieren.<span id="more-3795"></span></p>
<p>Wer mit dem Schlagwort „Organizing“ wenig anfangen kann, dem sei Ken Loachs Film „Bread and Roses“ aus dem Jahr 2000 ans Herz gelegt. Ken Loach beschreibt hier die Situation – und insbesondere die Arbeitssituation – mexikanischer MigrantInnen in Los Angeles. Im Mittelpunkt des Films steht die Organizing-Kampagne „Justice for Janitors“ (etwa: Gerechtigkeit für Reinigungskräfte) der US-amerikanischen Dienstleistungsgewerkschaft SEIU (<em>Service Employees International</em> Union), vergleichbar mit <em>ver.di</em>, mit der die SEIU auch eng zusammenarbeitet. Choi beschreibt die SEIU ausführlich (S. 136- 140) und geht auch auf die genannte Kampagne tiefgehender ein (S. 161-171).</p>
<p>Wie die Autorin selber anmerkt, erfreut sich „die Forschung über neue Strategien, Methoden und Techniken der Mitgliedergewinnung oder Organizing […] großer internationaler Popularität“ (S. 19). Die Fülle an Publikationen ist tatsächlich mittlerweile nahezu unüberschaubar, dennoch lohnt sich der Blick gerade in diese Studie. Das liegt einerseits natürlich an dem vergleichenden Aspekt, zweitens ist es eine besondere Beachtung wert, das Choi die sogenannten „triangulären“ Beschäftigungsverhältnisse fokussiert: Die „Knechte zweier Herren“ sind keineswegs nur LeiharbeiterInnen. Auch Selbstständige oder sogenannte Soloselbstständige (insbesondere in Italien), Werk- und Honorarverträge und ähnliches fallen darunter und werden in den Blick genommen. Trianguläre Beschäftigungsverhältnisse liegen immer dann vor, wenn es in der sozialen Realität – auch wenn das auf dem Papier und arbeitsrechtlich anders ist – mehr als einen Arbeitgeber gibt. Das gilt etwa, um bei Beispielen aus der Untersuchung zu bleiben, für Reinigungskräfte, die für eine Reinigungsfirma arbeiten, aber auch die Wünsche des Auftraggebers der Firma berücksichtigen müssen oder für Callcenter-AgentInnen, die im sogenannten „Outhouse“-Betrieb für eine andere Firma telefonieren. Die Probleme sind vergleichbar: Mindestens eine der Unternehmensparteien weist die Zuständigkeit für Soziales, Arbeitsrechte und Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften von sich.</p>
<p>Das Besondere an diesem Buch ist aber vor allem auch, dass die Autorin selber Organizing-Erfahrungen von allen drei beschriebenen Kontinenten mitbringt: Choi hat nicht nur ExpertInneninterviews mit den OrganizerInnen der Gewerkschaften, die sie beschreibt, geführt, sondern war und ist auch selber als Organizerin tätig.</p>
<p>Trotz recht unterschiedlicher Ausgangslagen und einem diagnostizierten zeitlich unterschiedlichem Beginn der Prekarisierung – jeweils als Krisenreaktion – wie auch trotz der recht unterschiedlichen Gewerkschaftslandschaft, finden sich sowohl in den Prekarisierungstendenzen wie auch in den gewerkschaftlichen Aktivitäten in den drei beschriebenen Staaten überwiegen letztlich doch Ähnlichkeiten. Hae-Lin Choi kommt zu dem Schluss, dass die vermeintlich „Unorganisierbaren“ eben doch organisierbar sind. Das klingt nach einem optimistischen Forschungsergebnis. Es ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Choi beurteilt die Organizing-Kampagnen durchaus nicht durchweg positiv, auch nicht, wenn sie ihr primäres Ziel – die Mitgliedergewinnung – erreichen. Denn die angewendeten Strategien bedeuten durchaus nicht automatisch eine Ermächtigung oder gar Selbstermächtigung der organisierten Prekären – oft genug handelt es sich sogar im Gegenteil um die Entmächtigung autonomer Strukturen zugunsten eines Gewerkschaftsapparats. Wo Gewerkschaften den service-orientierten „Top-Down“-Ansatz – also letztlich den Gang professioneller OrganizerInnen in die Betriebe mit einem Serviceangebot – nicht anwenden, bedeutet Organizing oft genug, die komplette bisherige Gewerkschaftsstruktur umzukrempeln – ein Schritt, den gerade die großen und etablierten Gewerkschaften scheuen, nicht zuletzt, um ihre meist zahlungskräftigere Stammklientel nicht zu enttäuschen. In den USA zum Beispiel erkaufen sich Gewerkschaften die Erlaubnis zum betriebsinternen Organizing teilweise mit einer Garantie, den Betriebsfrieden aufrechtzuerhalten, also auf Konfrontation, Forderungen und Arbeitskämpfe in einem bestimmten Unternehmenszweig, bei einer Firmenkette oder in einer organisierten Branche zu verzichten (vgl. dazu auch Choi/Schmalstieg 2008).</p>
<p>Das Beste, was sich über Chois Buch sagen lässt, ist, dass es unglaublich inspirierend ist. Es fiel mir letztlich sehr schwer, diese Rezension zu schreiben, weil die Gedanken immer wieder vom Gelesenen abschweiften. Dies aber nicht etwa, weil das Geschriebene uninteressant gewesen wäre, sondern vielmehr, weil die zahlreichen Fakten, Informationen und Analysen immer wieder dazu anregen, das Beschriebene mit der hiesigen Situation zu vergleichen. Prekäre Beschäftigung in Deutschland ist natürlich anders organisiert als in den beschriebenen Staaten USA, Südkorea und Italien und die dort angewendeten Organizing-Strategien lassen sich selbstverständlich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Dennoch ist man als LeserIn immer wieder angehalten, die Situationen zu vergleichen und die Strategien der Gewerkschaften – wie auch deren Fehler – für die eigene Gewerkschaftsarbeit nutzbar zu machen. So muss wissenschaftliche Arbeit aussehen: Übertragbar und anwendbar auf die eigene Alltagspraxis.</p>
<h3>Zusätzlich verwendete Literatur</h3>
<p>Chio, Hae-Lin / Schmalstieg, Catharina 2008: Licht und Schatten. Organizing in den USA. In: Hälker, Juri (Hg.): Organizing. Neue Wege gewerkschaftlicher Organisierung. Supplement der Zeitschrift Sozialismus 9/2008. S. 58-64.</p>
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		<title>Der revolutionäre Prinz und das proletarische Dornröschen</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Franziska Plau</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit – Soziales]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[1968er]]></category>
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		<category><![CDATA[jan ole arps]]></category>
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		<category><![CDATA[organizing]]></category>

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		<description><![CDATA[Knapp vier Jahrzehnte später kramt Jan Ole Arps die Untersuchungen und Interventionen in den Fabriken der 1970er Jahre wieder aus der linken Geschichte hervor und präsentiert eine Analyse, in deren Mittelpunkt die Kluft zwischen betrieblichem Alltag und revolutionärem Anspruch steht. Linke Fabrikinterventionen in den 1970er Jahren – der Untertitel beschreibt ein Phänomen, welches oft als [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Knapp vier Jahrzehnte später kramt Jan Ole Arps die Untersuchungen und Interventionen in den Fabriken der 1970er Jahre wieder aus der linken Geschichte hervor und präsentiert eine Analyse, in deren Mittelpunkt die Kluft zwischen betrieblichem Alltag und revolutionärem Anspruch steht. <span id="more-3731"></span></p>
<p>Linke Fabrikinterventionen in den 1970er Jahren – der Untertitel beschreibt ein Phänomen, welches oft als ein <em>Experiment</em> in der Geschichte linker Gruppen bedacht wird. Dieses Phänomen wird in dem Buch durch Jan Ole Arps’ ausführliche Darstellung aber auch als politische <em>Praxis</em> beleuchtet. Dass dabei durchaus Anknüpfungspunkte zu aktuellen Problemen auch jenseits der Fabrik zu finden sind, zeigt die 2011 durchgeführte Aktion und im Anschluss herausgegebene Broschüre <a href="http://fels.nadir.org/de/material/broschuere-militante">„Macht mit, macht´s nach, macht´s besser! Eine militante Untersuchung am Jobcenter Neukölln“</a> der Gruppe FelS. </p>
<h3>Vom Vorlesungssaal in die Fabrik</h3>
<p>Der Titel „Frühschicht“ bezieht sich nach Arps’ eigenen Angaben auf ein Schlagwort, welches die Radikalität dieses Schrittes für die Beteiligten kennzeichnet: Aus der Universität in die Fabriken zu gehen und von Studierenden zu Arbeiter_innen zu werden, bedeutete für sie einen drastischen Lebenswandel, der nicht allein im verdammt frühen Aufstehen endete. Eine Frage drängt sich daher als erste auf: Was motivierte die jungen Linken zu diesem Entschluss, ja, wie kamen sie überhaupt auf eine solche Idee?</p>
<p>Ausgangspunkt waren die Proteste 1968, auf deren Höhepunkt sich die Frage nach Anknüpfungspunkten und weiteren Handlungsmöglichkeiten stellte. Wirklich revolutionäre Effekte, da waren sich die studentischen Aktivist_innen einig, konnte man (treu marxistisch) nur in Allianz mit der Arbeiter_innenklasse erreichen, da diese die Basis der kapitalistischen Produktion bilde. Inspiration fanden sie vor allem in Frankreich, aber auch in Italien, wo sich an die studentischen Proteste Kämpfe von Arbeiter_innen anschlossen. In Deutschland boten die Septemberstreiks von 1969 erste Berührungspunkte, die – gepaart mit der Suche nach einer neuen Perspektive – Auslöser für die „proletarische Wende“ (S. 40) der 68er-Bewegung wurden. Es galt, organisatorische Strukturen und revolutionäres Bewusstsein im Proletariat zu schaffen &#8211; der intellektuelle Prinz sollte das Dornröschen der Fabriken „wachküssen“, damit sie zum Traumpaar werden.</p>
<p>Jan Ole Arps’ Beschreibungen der Fabrikinterventionen gelten zwei Gruppen mit  unterschiedlichem theoretischen Hintergrund, die teils unterschiedliche Herangehensweisen und Strategien verfolgten, aber ähnliche Erfahrungen machen mussten. Das sind zum einen Gruppen aus der Sponti-Szene, wie der <em>Revolutionäre Kampf</em> oder die <em>Arbeitersache</em>, die durch maoistische K-Gruppen kontrastiert werden, vor allem durch die KPD/ML. </p>
<p>Die letztgenannten Parteien und Gruppierungen betrachteten es als eine Notwendigkeit, kommunistische Gruppen zu gründen, die der Arbeiter_innenbewegung den richtigen revolutionären Rahmen geben sollte. Inspiriert durch Lenins Aufsatz „Was tun?“ galt die Vorstellung, dass die Arbeitskämpfe innerhalb des Betriebs nur auf ökonomische und gewerkschaftliche Interessen beschränkt blieben, wenn nicht eine revolutionäre Partei den Arbeiter_innen die Notwendigkeit der Überwindung der kapitalistischen Klassenverhältnisse nahebringen würde.</p>
<p>Die Fabrikinterventionen der Sponti-Gruppen zielten hingegen eher darauf ab, die Situation der Arbeiter_innen in den Betrieben zu analysieren, mögliche Ansatzpunkte für die Agitation zu finden und einen gemeinsamen Erfahrungshorizont zwischen Studierenden und Arbeitenden aufzubauen. Dabei bezogen sie sich besonders auf die zentralen Ansätze des sogenannten Operaismus, der italienischen Arbeiter_innenbewegung in den 1970er Jahren, die theoretisch durch (post-)marxistische Analysen von Antonio Negri, Mario Tronti und anderen fundiert wurden. Grundlegend für sie war die Annahme, dass die Zusammensetzung der Arbeiterklasse nicht (mehr) einheitlich sei und sich daraus Widersprüchlichkeiten entsprechend der Qualifikationen und/oder Positionen der Arbeiter_innen im Betrieb ergeben. Diese „technische Zusammensetzung der Arbeiterklasse“ müsse untersucht werden, um an den Widersprüchen ansetzen und Widerstand entsprechend initiieren zu können. Die „Untersuchungen“ in den Betrieben sollten gleichzeitig als Mittel der Aufklärung und Mobilisierung der Arbeiter_innen dienen. </p>
<h3>Entfremdete Arbeit und entfremdete Agitation</h3>
<p>Für Arps waren allerdings „nicht in erster Linie die Konzepte der Organisationen und die individuellen und kollektiven (Fehl-)Entscheidungen ihrer Mitglieder interessant, sondern die Frage, wie die revolutionären Absichten auf den Alltag in der Fabrik prallten und sich bei diesem Zusammenstoß verformten“ (S. 8).</p>
<p>Die Aktivist_innen beider Gruppen mussten ähnliche Erfahrungen in den Betrieben machen: Die Arbeiter_innen waren in der alltäglichen Verrichtung ihrer Arbeit für die revolutionäre Agitation der kommunistischen und operaistischen Gruppen wenig empfänglich und hatten andere Probleme als eine sozialistische Revolution. Die Aktivist_innen mussten daher einen Spagat zwischen den realen Ansprüchen ihrer Kolleg_innen im Betrieb und den radikalen Theorien ihrer Genoss_innen in der Organisation vollbringen. Viel schwerer wog zudem das Problem, dass sie sich durch radikales Auftreten in den Betriebsräten und Arbeitskämpfen schnell einen Ausschluss aus dem Betriebsrat oder eine Kündigung einhandelten. Andererseits brachte das Vorgehen im Rahmen der betrieblichen Spielregeln Vorwürfe des Rechtsopportunismus von Seiten der Partei oder der Organisation ein.</p>
<p>Auf diese Schwierigkeiten gab es nach längeren Kämpfen, die alle nicht so recht in einen breiten revolutionären Umsturz münden wollten, verschiedene Reaktionen. Die, die in den Betrieben verblieben, konzentrierten sich oftmals auf oppositionelle Betriebsrats- und Gewerkschaftsarbeit. Viele andere, die der Fabrik den Rücken kehrten, wandten sich – auch inspiriert durch ihre Erfahrungen in den Betrieben – anderen Themenfeldern zu. Mit den in den späten 1980er Jahren einsetzenden Umstrukturierungen der Betriebe, die unter anderem Auslagerungen von Betriebsteilen und die Flexibilisierung von Arbeit zur Folge hatten, verlor die fordistische Fabrik an Bedeutung. Die Macht der Unternehmen wuchs und Arbeitskämpfe wurden durch die zunehmende Unsicherheit wegen steigender Arbeitslosigkeit und globaler Konkurrenz aussichtsloser. Auch die weitere politische Arbeit der ehemaligen Fabrikaktivist_innen, die im Buch zum Teil bis in die Gegenwart hinein verfolgt wird, zeigt die Widersprüche und Schwierigkeiten ihrer revolutionären Ansprüche.</p>
<h3>Und die Moral von der Geschicht’?</h3>
<p>Was nach diesen Kapiteln bleibt, ist zunächst vielleicht ein leichter, fader Beigeschmack der Ernüchterung. Und, unwillkürlich, die Erinnerung an die einleitend vom Autor selbst aufgeworfene Frage nach dem Sinn beziehungsweise der heutigen Relevanz dieses Themas &#8211;  in einer (scheinbar) völlig anderen Ära kapitalistischer Produktions- und Arbeitswelten. Diese Relevanz sieht Arps vor allem in der Frage, wie die Verbindung von radikaler Kritik und Arbeitsalltag, von abstrakt-theoretischen Analysen und alltäglicher Realpolitik in den Betrieben aussehen kann. Denn: „Eines ist klar: Eine Politik, die die Welt des Alltags und die Macht des Alltäglichen ignoriert, kann nicht gelingen.“ (S. 9) </p>
<p>Der Autor überlässt es letztlich den Lesenden selbst, aus der Schilderung der Erfahrungen der Aktivist_innen in der Fabrik eigene Antworten auf die aufgeworfenen Frage zu finden. Arps sieht sich allerdings veranlasst, eine Kritik an der heutigen linken Szene zu formulieren, die sich gleichzeitig wie die Quintessenz der Fabrikinterventionen lesen lässt:</p>
<blockquote><p> „Trotz dieser Erfahrungen haben sich viele Vorstellungen aus der Zeit des Avantgardismus gehalten und prägen als Gespenster die politischen Haltungen fast aller linken Strömungen (…): die Vorstellung, Wahrheiten zu kennen, die die meisten Menschen und Bewegungen nicht kennen und die man ihnen beibringen muss; folglich die Vorstellung, dass politisches Handeln vor allem darin bestehe, andere (und zwar möglichst viele) von diesen Wahrheiten zu überzeugen und sie hinter den eigenen Losungen zu versammeln. In diesem Modell stehen auf der einen Seite die ‚Aktivisten‘ oder ‚Kader‘, auf der anderen Seite die passive Menge oder die defizitäre Bewegung, auf die es einzuwirken gilt (…).“ (S. 216) </p></blockquote>
<p>Berechtigt oder nicht, ist dies jedoch eine wichtige Warnung. Der Autor plädiert daher auch für ein gemeinsames Gespräch, welches jedoch „in den seltensten Fällen von allein entsteht, man muss es organisieren. Und man muss eine Sprache dafür finden – und nicht die Sprache linker Floskeln oder distanzierter Analysen, sondern eine, die aus dem gemeinsamen Gespräch und im Konflikt entsteht.“ (S. 222)</p>
<p>Wem das als Fazit zu dünn ist, muss selbst zum Buch greifen und über die dort beschriebenen Erfahrungen nachdenken. Als aufschlussreiche Lektüre eines durchaus spannenden Beispiels linker Geschichte allemal empfehlenswert, bleibt der Wert für Anknüpfungspunkte aktueller linker Politik und Praxis an den Ansprüchen der Leserin oder des Lesers zu messen.</p>
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		<title>Kampf um Arbeit</title>
		<link>http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/kampf-um-arbeit/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgaben]]></category>

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		<description><![CDATA[Pünktlich zum 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiter_innenbewegung, erscheint die kritisch-lesen.de Schwerpunktausgabe zum umfangreichen Themenfeld „Arbeit“. Die Tatsache, dass die Geschichte, die hinter diesem Tag steht – nämlich der Haymarket Riot 1886 in Chicago und die anschließende Ermordung von acht Anarchisten durch den Staat – kaum mehr Erwähnung findet, ist einerseits ernüchternd, andererseits aber auch [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Pünktlich zum 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiter_innenbewegung, erscheint die kritisch-lesen.de Schwerpunktausgabe zum umfangreichen Themenfeld „Arbeit“. Die Tatsache, dass die Geschichte, die hinter diesem Tag steht – nämlich der Haymarket Riot 1886 in Chicago und die anschließende Ermordung von acht Anarchisten durch den Staat – kaum mehr Erwähnung findet, ist einerseits ernüchternd, andererseits aber auch als Aufforderung zum Aktivwerden zu verstehen. An eben jene Geschichte und an jene Ideen gilt es für die Gegenwart anzuknüpfen um aus dem 1. Mai wieder einen <em>revolutionären</em> 1. Mai zu machen. Das Titelbild dieser Ausgabe zeigt das Jobcenter Neukölln – eine Institution, die darauf verweist, dass der Kapitalismus unter neoliberalen Vorzeichen auch andere Schauplätze eines „Kampfs um Arbeit“ hervorbringt, die weder theoretisch noch praktisch ausgeblendet bleiben dürfen. <span id="more-3726"></span></p>
<p>In diesem Sinne ergründen wir zunächst mit Torsten Bewernitz und seiner Rezension <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/„empowerte-arbeiterklasse">„Empowerte“ Arbeiterklasse </a>die Frage, in wie weit heute Arbeitskämpfe noch im Zeichen der Selbstermächtigung der Arbeiter_innen stehen und wie sich das in diversen europäischen Ländern in der Praxis auswirkt.  Auch der französischer Soziologe Robert Castel hat sich in dem Buch <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/paternalismus-lohnarbeit-staatsfetisch">„Die Krise der Arbeit“</a> seine Gedanken zu aktuellen Fragen in der Arbeitswelt gemacht, von denen Martin Birkner jedoch nur mäßig beeindruckt war. Die sich im Laufe der Zeit veränderten Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen und die möglichen Schlüsse, die man als Gewerkschaftsaktivist_in daraus ziehen kann (oder muss?), untersucht Torsten Bewernitz am Beispiel des Buches <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/dont-mourn-organize">„Die Organisierung der Unorganisierbaren“</a> von Hae-Lin Choi. In einem durch neoliberale Maximen bestimmten Arbeitsmarkt ist es unabdingbar, dass jene, die sich dieser Verwertungslogik nicht unterwerfen wollen oder können, massiv unter Beschuss geraten. Wie die <em>BILD</em>-Zeitung und ihre Leser_innen gegen Arbeitslose herziehen, untersucht Andrea Strübe in ihrer Rezension <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/eine-klasse-gegen-sich/">„Eine Klasse gegen sich“</a>. Franziska Plau beschäftigt sich in <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/der-revolutionare-prinz-und-das-proletarische-dornroschen">Der revolutionäre Prinz und das proletarische Dornröschen</a> mit den „Betriebsinterventionen“ linksradikaler Studierender in den1970er Jahren und damit, was man heute daraus lernen kann. Eine innovative und interessante Facette des Arbeitskampfes im 21. Jahrhundert sind die sogenannten „Militanten Untersuchungen“ der Gruppe FelS (Für eine linke Strömung). Mira Douro untersucht diese anhand der dazu herausgegebenen Broschüre <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/von-der-fabrik-zum-jobcenter">„Macht mit, macht´s nach, macht´s besser!“</a>. Sebastian Kalicha geht in <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/gegen-die-mythen">Gegen die Mythen </a>zurück in die Zeit der spanischen Revolution und der französischen Volksfront und beschäftigt sich mit den Thesen des US-amerikanischen Historikers Michael Seidman, der die Dynamiken in den selbstverwalteten Betrieben in Barcelona und Paris dieser Zeit analysierte.</p>
<p>In den weiteren aktuellen Rezensionen empfiehlt zunächst Selma Haupt den Sammelband „Irrsinn der Normalität“ der Projektgruppe Nationalismuskritik, weist in ihrer Rezension aber auch auf bisherige Leerstellen bei der Erforschung des neuen <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/‚endlich-wieder-deutsch-sein-durfen">,Endlich wieder deutsch sein dürfen‘</a>-Nationalismus hin. Mit dem Aushalten von Widersprüchen, Gegensätzen oder Mehrdeutigkeiten beschäftigt sich Heinz-Jürgen Voß in seiner Besprechung von <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/ambiguitat-getilgt-von-der-europaischen-moderne">Die Kultur der Ambiguität</a>  – eine Studie, die aufzeigt, wie der europäische Anspruch der eindeutigen Wahrheit auch den arabischen Raum beeinflusste. Paul Gensler rezensiert den Roman <a href="http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/das-stille-bose-in-der-burgerlichen-existenz">„Das Schweigen des Sammlers“</a> des katalanischen Schriftstellers Jaume Cabré, der thematisch wie stilistisch zwar eine interessante Richtung einschlägt, allerdings auch Raum für fragwürdige Interpretationen lässt. Christian Marazzi, der Autor von „Verbranntes Geld“, analysiert in seiner neuesten Arbeit die Finanzialisierung des Kapitals – Adi Quarti stellt in seiner Besprechung <a href=“LINK“>„Sozialismus der Reichen“</a> wichtige Aspekte dieser Analyse heraus. </p>
<p>Diesen Monat finden im Übrigen fünf Veranstaltungen von kritisch-lesen.de statt, weil wir nicht nur abgeschottet von der Außenwelt kritisch rezensieren, sondern auch mit euch gemeinsam diskutieren wollen. Hier die Liste unserer Veranstaltungen:</p>
<p>Freitag, 04.05., 20 Uhr, <b>Bremen</b>, Infoladen: „Darum Feminismus!“ – Buchvorstellung und Diskussion mit einer der Herausgeberinnen, moderiert von Andrea Strübe (kritisch-lesen.de). Mehr Infos <a href="http://femrefbremen.wordpress.com/">hier</a>.</p>
<p>Dienstag, 08.05., 20 Uhr, <b>Berlin</b>, Subversiv: „Linke Fußballfankultur – geht das?“ – Vortrag und Diskussion mit Gabriel Kuhn, moderiert von Gerd Dembowski. Mehr Infos <a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,3,0,652.html">hier</a>.</p>
<p>Mittwoch, 09.05., 20 Uhr, <b>Berlin</b>, Liniencafé: „Whiteness is not abolished in a workshop, it is abolished in struggle“ – Vortrag und Diskussion mit Gabriel Kuhn, moderiert von Laura Janßen (kritisch-lesen.de). Mehr Infos <a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,3,0,653.html">hier</a>.</p>
<p>Montag, 14.05., 20 Uhr, <b>Hannover</b>, Kulturzentrum Faust: „Krise und Aufstand – England im Sommer 2011“ – Moritz Altenried im Gespräch mit Sebastian Friedrich (kritisch-lesen.de). Mehr Infos <a href="http://www.kulturzentrum-faust.de/index.php?article_id=2623&#038;clang=0<br />
">hier</a>.</p>
<p>Sonntag, 20.05., 17 Uhr, <b>Köln</b>, Autonomes Zentrum: „Krise und Aufstand – England im Sommer 2011“ – Moritz Altenried im Gespräch mit Sebastian Friedrich (kritisch-lesen.de). Mehr Infos <a href="http://bookfair.blogsport.eu/files/2012/04/flyer_20052012.jpg">hier</a>.</p>
<p>Wer immer rechtzeitig über die neuen Ausgaben von kritisch-lesen.de informiert werden will, kann sich in der rechten Spalte für unseren Newsletter eintragen.</p>
<p>Und nun viel Spaß beim kritischen Lesen!</p>
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		<title>Ambiguität – getilgt von der europäischen Moderne</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Heinz-Jürgen Voß</dc:creator>
				<category><![CDATA[Gender – Sexismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[eurozentrismus]]></category>
		<category><![CDATA[heinz-jürgen voß]]></category>
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		<category><![CDATA[sexualität]]></category>
		<category><![CDATA[sexualitätsdiskurs]]></category>
		<category><![CDATA[thomas bauer]]></category>

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		<description><![CDATA[„Die Kultur der Ambiguität“ ermöglicht, ausgehend von Betrachtungen zum arabischen Raum, neue Blickweisen auf die europäische Moderne. Bauer arbeitet eindrucksvoll heraus, wie sich die im abendländischen Denken ansatzweise vorhanden Tendenz zur Auslöschung von Widersprüchlichkeiten und Mehrdeutigkeiten mit der europäischen Moderne vertiefte und schließlich auch Gelehrte aus arabischen Ländern beeinflusste. Die umfassende Arbeit des Arabisten und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>„Die Kultur der Ambiguität“ ermöglicht, ausgehend von Betrachtungen zum arabischen Raum, neue Blickweisen auf die europäische Moderne. Bauer arbeitet eindrucksvoll heraus, wie sich die im abendländischen Denken ansatzweise vorhanden Tendenz zur Auslöschung von Widersprüchlichkeiten und Mehrdeutigkeiten mit der europäischen Moderne vertiefte und schließlich auch Gelehrte aus arabischen Ländern beeinflusste.<span id="more-3764"></span></p>
<p>Die umfassende Arbeit des Arabisten und Islamwissenschaftlers Thomas Bauer bietet eine exzellente Ausgangsbasis für kritische Menschen weiterzudenken. Einerseits können nun die sich mit der ‚Moderne‘ etablierenden Gegensatzpaare Homosexualität vs. Heterosexualität und Frau versus Mann (im Sinne eindeutiger und &#8220;wahrer&#8221; Zweigeschlechtlichkeit) als Modernisierungsphänomene vertiefend erforscht werden. Andererseits wird die Bedeutung von Ambiguität – das heißt von Widersprüchlichkeit und Mehrdeutigkeit – gründlich erschlossen: Mit der &#8220;Moderne&#8221; habe sich – so führt Bauer plastisch aus – die zuvor bereits in abendländischem Denken vorhandene Tendenz, nach Eindeutigkeit und Wahrheit zu suchen, weiter verstärkt. Widersprüchlichkeiten galten nun als Problem und wurden nach Möglichkeit beseitigt. Im arabischen Raum habe man sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts und mit Bezug auf europäische Quellen der Tilgung von Ambiguität angeschlossen.</p>
<h3>„sexuell handeln“ versus „Sexualität“: Die Substantivierung des Miteinanders von Menschen</h3>
<p>Anschließend an die Veröffentlichungen von Michel Foucault wird Sexualität in der substantivischen Form als Modernisierungsphänomen verstanden. Bei Foucault heißt es treffend: </p>
<blockquote><p>„Die Sodomie – so wie die alten zivilen oder kanonischen Rechte sie kannten – war ein Typ von verbotener Handlung, deren Urheber nur als ihr Rechtssubjekt in Betracht kam. Der Homosexuelle des 19. Jahrhunderts ist zu einer Persönlichkeit geworden, die über eine Vergangenheit und eine Kindheit verfügt, einen Charakter, eine Lebensform, und die schließlich eine Morphologie mit indiskreter Anatomie und möglicherweise rätselhafter Physiologie besitzt. (…) Der Sodomit war ein Gestrauchelter, der Homosexuelle ist eine Spezies.“ (Foucault 1983: S. 58) </p></blockquote>
<p>Führte Foucault aus, dass sich bereits beginnend mit dem Beichtgeheimnis christlicher Religion das Sprechen über den Sex etablierte, setzte er die &#8220;Moderne&#8221; insofern zentral, als er mit ihr eine Verfestigung des Diskurses feststellte, der nun auch die sich konstituierenden modernen Wissenschaften einbezog. Klar wurde: Erst mit der &#8220;Moderne&#8221; bildeten sich die Identitäten &#8220;homosexuell&#8221; und &#8220;heterosexuell&#8221; (und &#8220;bisexuell&#8221;) heraus. Zuvor bedeutete &#8220;sexuell zu sein&#8221; – trotz der kirchlichen Interventionen –, dass Menschen eine konkrete Handlung ausführten (adjektivisch). Diese Handlung konnte gegebenenfalls rechtlich sanktioniert sein. Mit der &#8220;Moderne&#8221; und der Verwissenschaftlichung wurden Menschen nun zu kategorialen Gruppen zusammengefasst. Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex hatten, sollten nun als &#8220;Homosexuelle&#8221; über eine für sie &#8220;typische&#8221; Lebensgeschichte, über gemeinsame Erfahrungen und ähnliche Verhaltensmerkmale oder gar – biologistisch – über ähnliche &#8220;Gene&#8221; und &#8220;Hormone&#8221; verfügen. Heute ist es in westlichen Gesellschaften kaum mehr möglich, unabhängig solch kollektiver Identitäten zu denken.</p>
<p>Georg Klauda hat im Anschluss an Foucault und mit Fokus auf den arabisch-islamischen Raum in dem Buch „Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ (2008) herausgearbeitet, dass dort nicht beziehungsweise stark verzögert diese kollektiven Identitäten in Bezug auf Sexualität aufkamen und aufkommen. Erst mit der kolonialen Unterdrückung etablierten die europäischen Herren nun gesetzliche Regelungen, die sich gegen &#8220;homosexuelle Handlungen&#8221; wandten; zuvor gab es solche Gesetze in den arabischen Staaten nicht. Des Weiteren kamen religiöse Regelungen, die sich gegen bestimmte und konkrete sexuelle Handlungen aussprachen, kaum zur Anwendung, weil die entsprechenden Passagen von den Rechtsschulen entweder nicht aufgenommen wurden oder weil – sofern die religiösen Regelungen doch herangezogen wurden – in diesen dermaßen hohe Hürden für das Anzeigen einer solchen &#8220;problematischen&#8221; sexuellen Handlung vorgesehen waren, dass eine derartige Anzeige praktisch nicht oder nur ausnahmsweise vorkommen konnte. Entsprechend machte Klauda bereits im Untertitel seines Buches deutlich, dass es sich sowohl bei &#8220;Homosexualität&#8221; als auch bei &#8220;Homophobie&#8221; um Modernisierungsphänomene im Anschluss an europäische Traditionen handelt.</p>
<h3>Ambiguität versus &#8220;Wahrheit&#8221; in Bezug auf Lust und Sexualität</h3>
<p>Klauda verwies insbesondere auf Texte des arabisch-islamischen Mittelalters, in denen auffallend frivol und lustvoll über gleichgeschlechtlichen Sex zwischen Männern diskutiert wurde. Er führte auch einige aktuelle Beispiele an, aus denen plastisch deutlich wurde, wie beispielsweise britische Soldaten in Afghanistan auf Grund ihrer mitgebrachten europäischen Homophobie den Umgang und die Nähe unter einigen afghanischen Männern nur schwer einordnen konnten. Thomas Bauer beleuchtet den Zeitraum der europäischen &#8220;Moderne&#8221; nun intensiver, auch mit Wirkung auf Arabien. Das gelingt ihm einerseits explizit für sexuelle Handlungen, denen er ein ganzes Kapitel widmet, andererseits mit einem systematischen Blick auf religiöse Texte und sprachwissenschaftliche Auseinandersetzungen.</p>
<p>Der Autor widerspricht der gängigen These, dass die &#8220;Moderne&#8221; im Islam nie stattgefunden habe. Vielmehr zeigt er, dass es genau dieser &#8220;Moderne&#8221; geschuldet ist, dass sich ein Sexualitätsdiskurs auch im arabischen Raum etablieren konnte. In Europa wurde diskutiert, wie verbreitet gleichgeschlechtlicher Sex unter Männern beispielsweise in Ägypten sei und dass die „Reichen (…) davon ebenso infiziert wie die Armen“ seien, wie sich der „Forschungsreisende und Orientalist Richard Burton“ Ende des 19. Jahrhunderts echauffierte. Burton entschuldigt sich bei seiner europäischen Leserschaft dafür, dieses Thema überhaupt erörtern zu müssen, „um ein großes und wachsendes Übel, tödlich für die Geburtenrate (…) zu bekämpfen.“ (S. 304 f) Bauer legt nun dar, wie dieses europäische Sprechen über die vermeintliche orientalische Dekadenz auch im arabischen Raum wahrgenommen wurde – und dort schließlich auch seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu der Sichtweise führte, die eigene Geschichte sei dekadent gewesen. </p>
<blockquote><p>„Auch in der arabischen Welt wurde [nun] die arabische Geschichte immer unter Heranziehung westlicher Konzepte von Geschichte und Zivilisation betrachtet und damit der ‚Blick der arabischen Historiker fest auf die Einschätzung ihrer Zivilisation durch die Europäer gerichtet‘. Schließlich wird auch das westliche Konzept der ‚Natürlichkeit‘ in den Diskurs eingeführt. (…) Gestützt auf westliche Autoren beginnt man jetzt auch im Nahen Osten, den Sex zu klassifizieren, um ihm seine Ambiguität auszutreiben.“ (S. 306 f) </p></blockquote>
<p>Gleichwohl ist das bis heute nicht vollständig &#8220;gelungen&#8221; und es hat im arabischen Raum – zum Glück – bis heute keine solchen massiven rechtlichen Verfolgungen von Menschen, die gleichgeschlechtlichen Sex haben oder denen dies auf Grund von Verhaltensmerkmalen unterstellt wird, gegeben. Anders in Europa, wo Verurteilungen zunächst unter Sodomie-Paragraphen durchgeführt wurden und seit dem 19. Jahrhundert zunehmend und schließlich systematisch erfolgten.</p>
<p>In diesem Sinne bietet Bauers Arbeit eine weitere Basis, um die aktuell sehr aufgeregt geführten Debatten zu grundieren. So regt auch er, im Anschluss an Joseph Massad und Georg Klauda, ein Umdenken an: Das derzeitige Engagement westlicher Schwulenorganisationen bewertet er skeptisch, da es damit überhaupt erst nötig werde, die westliche Eindeutigkeit und Wahrheit, die strikten Identitäten &#8220;homosexuell&#8221; und &#8220;heterosexuell&#8221; – Homophobie eingeschlossen – in den arabischen Raum zu implementieren. Weitere Anschlussmöglichkeiten an diese Ausführungen zu Ambiguität sind augenscheinlich. Bereits aus dem Verweis von Richard Burton auf eine „Geburtenrate“ erscheint es interessant, diese Untersuchungen in den Kontext der &#8220;Biopolitik&#8221;, die sich mit der europäischen Moderne etablierte, einzuordnen. Eine weitere Anschlussmöglichkeit ist praktischer Natur: Wie kann aktuell aus nicht-europäischen Regionen gelernt werden, um Alternativen zu dem europäischen Modell der strikten Identitäten zu entwickeln?</p>
<h3>Systematische Anbindung der Sexualitätsdiskurse</h3>
<p>Die europäischen Sexualitätsdiskurse mit ihrer – begrenzten, aber doch deutlichen – Reichweite für den arabischen Raum zieht Bauer aber nur als Beispiel dafür heran, wie mit der europäischen &#8220;Moderne&#8221; und im Anschluss an sie, Ambiguitäten beseitigt wurden und werden. Er arbeitet die historisch und auch aktuell große Bedeutung von Ambiguitäten heraus, die in den arabischen Ländern die Sprache und Schriften sowie das soziale Handeln präg(t)en und sich exemplarisch selbst in der religiösen Sphäre, so unter anderem am Koran, zeigen lassen: </p>
<blockquote><p>„Die klassischen Gelehrten waren (…) der Überzeugung, der Variantenreichtum des Korantextes sei von Gott gewollt. Ja, sie sahen in ihm ein besonderes Zeichen seiner Gnade, bedeutete doch die Vielfalt der Varianten sowohl eine Erleichterung für die Menschen als auch einen Ansporn zur Beschäftigung mit dem heiligen Text.“ (S. 115) </p></blockquote>
<p>Ambiguitäten – Widersprüchlichkeiten, Gegensätzlichkeiten, die gleichzeitige Gültigkeit mehrerer Interpretationen – konnten, wie der Autor herausarbeitet, gerade dazu führen, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Perspektiven durch den Koran beziehungsweise eine seiner Lesarten angesprochen fühlen konnten. Variantenreichtum erschloss und öffnete somit Raum für Pluralität, Toleranz und Miteinander. Ausführlich stellt Bauer unterschiedliche anerkannte Rezitationstraditionen des Korans vor – und skizziert, dass grundlegende europäische Missverständnisse des Korans aus einem fehlenden Zugang zu dessen Variantenreichtum resultieren können. Europäisch geprägt werde gerade der Schriftform besonders viel ‚Wahrheitsgehalt‘ zugeschrieben, in der aber bezüglich des Korans der Variantenreichtum häufig nur angedeutet oder gänzlich getilgt sei. Bauer betont, dass im Gegensatz hierzu traditionell die Rezitation (mündlich!) die Form der Überlieferung des Korans ist und hier unterschiedliche Traditionen vorliegen, die jeweils gleichzeitig und gleichermaßen gültig sind.</p>
<p>Als bedeutendes „Ambiguitätstraining“ arbeitet Bauer „Sprachspiel“ und „Sprachernst“ heraus. In westlichen Darstellungen, die Arabien einigermaßen wohlgesonnen seien, würden zumindest die Beiträge zu Philosophie, Mathematik und Naturwissenschaft anerkannt, was aber zugleich eine Eingrenzung auf die aktuell in der europäischen Moderne als bedeutsam erachteten Bereiche bedeute. Die Sprachwissenschaft hingegen sei gänzlich vernachlässigt worden, und die europäische Sprachwissenschaft habe erst spät beziehungsweise auch heute noch nicht den Stand der arabischen Reflexion erreicht. Neben einem „sprachpflegerischen Interesse“ (S. 235) an der Entwicklung und Etablierung einer gemeinsamen Verwaltungs- und Wissenschaftssprache, das dabei Traditionen aus den verschiedenen geographischen Regionen einbezog (und nicht zu tilgen suchte), arbeitet Bauer für diese bedeutsame Entwicklung der Sprachwissenschaft im arabischen Raum das „literarische“ und „spielerische Interesse“ (S. 235) heraus. Anders seien einzelne Schwerpunkte kaum erklärlich, etwa Monographien zur Gruppe der „Wörter mit Gegensinn“. Diese Gruppe fasst Wörter zusammen, die gleichzeitig eine Sache beziehungsweise einen Sachverhalt und das jeweilige Gegending bezeichnen. Fernab davon, hier Eindeutigkeit erreichen zu wollen, stellten die Autoren Listen solcher Wörter zusammen. Ein solches Spielen mit Sprache, ein ausgeprägtes Sprachbewusstsein zeigt der Autor auch für den Umgang mit Passagen des Korans sowie für Poesie und Lyrik. Diesbezüglich interessant ist auch die „Rangstreitliteratur“, deren „beliebte Themen (…) der Wettstreit zwischen verschiedenen Pflanzen oder Tieren (etwa Rose und Narzisse), Jahreszeiten (Winter und Sommer), einzelnen Städten, verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen oder, in neuerer Zeit, zwischen Esel und Fahrrad, Tram und Bus“ waren (S. 256).</p>
<p>Für Witz und Spiel hingegen zeigten moderne europäische Rezipienten kein Verständnis, sondern lasen sie als symptomatisch für einen zurückgebliebenen, erstarrten gesellschaftlichen Entwicklungsstand. So warnte der Leipziger Arabist Heinrich Leberecht Fleischer 1851 bei der Vorstellung des Werkes des zeitgenössischen libanesischen Autors Nâsîf al-Yazidji vor dieser „Kunstspielerei“. Konkret schreibt er, wiederum zitiert nach Bauer: </p>
<blockquote><p>„Die eitle Lust an solcher Technik und der unverhältnissmässige Werth, den man ihr beilegt, sind bei allen Völkern von der stagnirenden Bildung der heutigen Morgenländer ein mächtiges Hinderniss der Erzeugung des Geschmacks an frischem wissenschaftlichen Realismus und der Erhebung zu ernsterer Geistesarbeit. (…) Es ist ein Theil von einem alten, zähen, verwickelten Uebel, an dem der Orient krankt; nicht über Nacht und mit einem Male wird es zu heben seyn; aber gehoben muss es werden, wenn der, jetzt noch in dürrer Scholastik und selbstgefälligem Redespiel befangene morgenländische Geist die Kraft gewinnen soll, den wissenschaftlichen Gesichtskreis des Westens zu umspannen, in dessen Ideen einzugehen und an seinen Arbeiten selbstständig Theil zu nehmen.“ (S. 251) </p></blockquote>
<p>Bauer stellt dar, wie Spiel und Uneindeutigkeit – Ambiguität – im „Morgenland“ europäisch als Mängel dargestellt wurden, die zu beheben seien. Gleichzeitig offenbart sich ein Bild der europäischen &#8220;Moderne&#8221;, die nach &#8220;Eindeutigkeit&#8221; und &#8220;Wahrheit&#8221; strebt – woran wissenschaftliches Forschen und gesellschaftliche Entwicklung sich orientieren. Aufschlussreich ist sein Buch auch deshalb, weil deutlich wird, dass die europäische &#8220;Moderne&#8221; auch Einfluss auf den arabischen Raum hatte und im Anschluss an sie auch dort Ambiguitäten problematisiert wurden.</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>„Die Kultur der Ambiguität“ ist eine exzellente Arbeit und regt zum gründlichen Umdenken an. Die Auseinandersetzungen mit Sexualität zeigen vielfältige Anknüpfungspunkte auf. Sich darüber hinaus sehr grundsätzlich der Bedeutung von Ambiguität zuzuwenden, kann in den Blick bringen, wie Uneindeutigkeiten seit der europäischen Moderne ausgelöscht werden. Ganz deutlich wird dies in Bezug auf die so wirkmächtig gewordenen Variablen &#8220;Norm/Normalität&#8221; und &#8220;Geschlecht&#8221;. Varianz wurde hier mit der Moderne als &#8220;Abweichung&#8221; und &#8220;Störung&#8221; verstanden, die es genauer zu verstehen und schließlich zu tilgen gelte – verbunden mit massiver Gewalt gegen Menschen. Das Buch von Thomas Bauer bereitet die Grundlage, um zu neuen Einsichten und Forschungsfragen zu gelangen.</p>
<h3>Zusätzlich verwendete Literatur</h3>
<p>Foucault, Michel (1983): Der Wille zum Wissen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. </p>
<p>Klauda, Georg (2008): Die Vertreibung aus dem Serail. Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt. Männerschwarm Verlag, Hamburg. </p>
<p>**</p>
<p>Diese Rezension erschien zuerst in leicht geänderter Fassung Anfang 2012 auf <a href="http://www.querelles-net.de/index.php/qn/article/view/994">querelles-net.de</a>, Jg. 13, Nr.1.</p>
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		<title>‚Endlich wieder deutsch sein dürfen‘</title>
		<link>http://www.kritisch-lesen.de/2012/05/%e2%80%9aendlich-wieder-deutsch-sein-durfen/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Selma Haupt</dc:creator>
				<category><![CDATA[Faschismus – Neonazismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<category><![CDATA[nationalismus]]></category>
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		<category><![CDATA[projektgruppe nationalismuskritik]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Sammelband zeigt, wie sich der (neue) deutsche Nationalismus entwickelt und warum er gerade mit der WM 2006 so populär wurde. „Mit dem Deutschlandstipendium für morgen sorgen“, „Deutschland ist führend durch seine Ideen“ oder „Verwirklichen Sie Ihre Ideen mit Europas führender Forschungsnation“. So wirbt die Bundesregierung, in diesen Fällen das Bundesministerium für Bildung und Forschung, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Sammelband zeigt, wie sich der (neue) deutsche Nationalismus entwickelt und warum er gerade mit der WM 2006 so populär wurde.<span id="more-3735"></span></p>
<p>„Mit dem Deutschlandstipendium für morgen sorgen“, „Deutschland ist führend durch seine Ideen“ oder „Verwirklichen Sie Ihre Ideen mit Europas führender Forschungsnation“. So wirbt die Bundesregierung, in diesen Fällen das Bundesministerium für Bildung und Forschung, für den Standort Deutschland als Bildungs-, Forschungs- und Wirtschaftsstandort, der im internationalen Wettbewerb der Nationen gute Chancen habe sich durchzusetzen. Nicht nur im Kontext von Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft, auch in der Begeisterung für die deutsche Fußballnationalmannschaft – die natürlich ebenso ökonomisch durchdrungen ist – so haben es die letzten Weltmeisterschaften gezeigt, ist der Bezug auf die deutsche Nation und der damit einhergehende Nationalismus öffentlich weitgehend akzeptiert und vielfältig begrüßt worden. Dass schwarz-rot-gold (wieder) ‚normal‘ sei, damit beschäftigt sich der Sammelband „Irrsinn der Normalität“, der von der Projektgruppe Nationalismuskritik herausgegeben wurde.</p>
<p>Zum Anlass für die Auseinandersetzung und die Diagnose einer „Reartikulation des deutschen Nationalismus“ nehmen die Herausgeber_innen die WM 2006. Sie wählen dieses Ereignis, da das „öffentliche, im wörtlichen Sinne unverschämte Bekenntnis zur Nation (…) im Sommer 2006 Normalität geworden“ (S. 7) sei. Die Fragen, denen sie auf den Grund gehen, sind: Warum kann seit und mit diesem Ereignis wieder ein scheinbar unproblematischer Bezug auf die Nation hergestellt werden, warum bieten populäre Massenereignisse und Gemeinschaftserlebnisse – wie zum Beispiel Sport oder Popkultur – einen beliebten Ort für nationalistische Spielarten, warum ist ein (neuer) Nationalismus genau zu diesem Zeitpunkt möglich, wie gestaltet sich der Umgang mit der deutschen Geschichte in diesem Kontext und nicht zuletzt, wieso wird dieser „Irrsinn“, gemeint ist die „Selbstbeschreibung der deutschen Nation“ (S. 15), in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit ständig wiederholt und für normal befunden? Anhand der Themenbereiche Nation, Hegemonie, Geschlecht; Geschichtsdiskurse; Sport und Popkultur untersuchen die Autor_innen diese Fragen. </p>
<h3>Deutschland wird normal</h3>
<p>Daniel Keil beschäftigt sich im ersten Block mit der „zarten Wiederentdeckung des Deutschen“ (S. 20). Der Rolle der Intellektuellen misst er dabei sowohl in der historischen Entwicklung der Nation (im 19. Jahrhundert) als auch in ihrem gegenwärtigen Wiederaufleben große Bedeutung bei. Die Analogie, die Keil zwischen diesen beiden Entwicklungen herstellt, ist problematisch, da sie die spezifischen historischen Umstände vernachlässigt und Keils aktuelle Analyse ohne diese scheinbaren Ähnlichkeiten plausibler wäre. Eine der zentralen Veränderungen in der „Normalisierung der deutschen Nation“ (S. 29) sei die Abgrenzung vom Nationalsozialismus und bereits hier zeigt sich, dass die Analogiesuche unsinnig ist. Wichtig ist jedoch sein Verweis auf eine neue Qualität des Nationalismus, wie sie sich unter anderem in Kampagnen wie „Du bist Deutschland“ ausdrücken, die eine „Verschiebung vom nationalen ‚Wir‘ auf das nationale ‚Du‘“(S. 37) schaffen und so eine individualisierte Integration der Einzelnen in die Nation ermöglichen. </p>
<p>Mit dieser Kampagne und dem Projekt „Deutschland – Land der Ideen“ sowie deren spezifischem Umgang mit der deutschen Geschichte beschäftigt sich Joannah Caborn in ihrem Text. Der abweisende Umgang mit der NS-Zeit bringe einen „neuen Nationsdiskurs“ (S. 88) hervor, der gleichzeitig ein neues nationales Selbstbewusstsein ermögliche. In der „alten Geschichtskonstruktion“ (S. 89), die durch ein erinnerndes und schuldbeladenes Verhältnis zum Nationalsozialismus geprägt war, war ein positiver Bezug auf die Nation undenkbar. Die Distanzierung von dieser Geschichte sei der Grund dafür, dass das Nationale nicht mehr tabuisiert werde. Die beschriebenen Kampagnen leisten durch ihre „Geschichtsvergessenheit“ (S. 101) einen entscheidenden Beitrag zu dieser Distanzierung. Der Nationalismus erscheine heute zudem nicht mehr aggressiv und mache somit seinen immer vorhandenen „ausgrenzenden Charakter“ (ebd,) unsichtbar. Denn wenn selbst Kriegsführung unter deutscher Flagge wieder möglich sei, zeige sich spätestens hier die andere Seite des scheinbar so seichten und gemeinschaftsstiftenden Nationalismus. Dieser Aspekt, den Caborn selbst hervorhebt, beweist das Grundübel des Nationalismus und dieses sollte nicht nur dem Nationalsozialismus zugeschrieben werden. Caborns Aufruf, „sich angemessen an [die] Vergangenheit zu erinnern“ (S. 93), könnte missverstanden werden, denn auch wenn Geschichte und Erinnerung mit Sicherheit die vernichtende Seite eines Nationalismus zeigen, muss einerseits die über den Nationalsozialismus hinausgehende historische Verankerung dieser Ideologie betont und andererseits der anhaltenden Bedrohung des Nationalismus in neuen, historisch noch nicht auffindbaren Formen, Aufmerksamkeit geschenkt werden. </p>
<h3>Die WM zeigt, was ‚normal‘ heißt</h3>
<p>Die treffendste Analyse der Ideologie des Nationalismus in diesem Sammelband bietet Katharina Rheins Text, der den die <em>BILD</em> zitierenden Titel „Jetzt kommen die Miesmacher“ trägt. Die Debatte um die GEW-Broschüre „Argumente gegen das Deutschlandlied“ diskutierend, macht sie besonders deutlich, dass es keinen „guten“ oder „leichten“ Nationalismus gibt. Die GEW brachte besagte Broschüre anlässlich der WM 2006 heraus und distanzierte sich nach öffentlicher Kritik äußerst schnell von ihrem zuvor vertretenen Standpunkt, da man doch niemandem, so der Vorstand, die Stimmung während der WM „vermiesen“ (S. 130) wollte. Rhein weist darauf hin, dass „die Reaktionen auf Kritik [zeigt], dass es mit der Entspanntheit und Fröhlichkeit nicht allzu weit her war“ (S. 132). Auch dem Argument, man könne doch das Nationalgefühl nicht dem rechten Rand überlassen und solle viel eher diesem „‚negativen‘ Nationalismus [einen] ‚positive[n]‘ Nationalismus“ (S. 138) entgegensetzen, widerspricht sie überzeugend, indem sie an Zitaten aus der <em>BILD</em> zeigt, dass Nationalismus durchgängig aggressive, ausgrenzende und abgrenzende Grundzüge hat. Es wäre mit Sicherheit nicht notwendig gewesen, sich hierfür auf die <em>BILD</em> zu beziehen, denn ganz ähnliche Aussagen lassen sich auch in den bereits erwähnten Kampagnen finden. Überzeugend bindet sie ihre Kritik an dem zum neuen Nationalismus gehörenden Umgang mit der NS-Vergangenheit im Sinne einer „Schlussstrichmentalität“ (S. 143) ein, wenn sie Norbert Lammerts Rückblick auf die WM zitiert: „Ich habe den Eindruck, dass die Deutschen nach der Weltmeisterschaft auf dem Weg sind zu einem neuen, anderen Wir-Gefühl: nicht Vergangenheits-fixiert, sondern Zukunfts-orientiert, nicht nationalistisch verengt, sondern weltoffen tolerant.“ (S. 144)</p>
<p>Auch Gerd Dembowski widmet sich ausführlich dem „Nationalismus im deutschen Fußball“ (S. 182). Seine Analyse fokussiert die bereits angesprochenen Kampagnen als „Nation-Branding“, das heißt als Unterfangen Deutschland bewerben zu wollen, nicht als Staat, sondern als Marke. Fußball, und gerade große Fußballereignisse wie die WM, eignen sich besonders gut für dieses Vorhaben, da die Zuschauer für einige Stunden als Teil der vorgestellten nationalen Gemeinschaft fühlen, wie sie der bekannte Nationalismusforscher Benedict Anderson gefasst hat. Wie Rhein ist es auch Demboswkis Anliegen, auf die Kehrseite dieser Euphorie, die besonders in den unzähligen Public Viewings deutlich wird, hinzuweisen. „Nationalistisch aufgeladene[] Attacken“ (S. 189) zeigen sich so zum Beispiel während der WM 2006 in Angriffen auf italienische Restaurants und ebenso während der EM 2008. Auch wenn diese nationalistischen Aggressionen öffentlich nicht wahrgenommen werden wollen, sei doch eindeutig: „Nationalismus ohne Vergleich, ohne Erhebung über andere Nationen funktioniert nicht“ (S. 192).</p>
<h3>Was zu tun bleibt</h3>
<p>Die Beiträge des Blocks „Popkultur“ machen schließlich deutlich, auf welchem Gebiet es noch Forschungsbedarf gibt. Martin Büsser analysiert den „Pop im Dienste der Nation“, indem er die Entwicklung von dem Mythos eines linken Pop zum „Deutschpop-Boom“ (S. 206) nachzeichnet und deutlich macht, dass dieser – ähnlich wie die Fußball WM – emotional integrierend und ein scheinbar unproblematischer Bezug auf die Nation sei. Michael Elm spricht in diesem Sinne von einem „medial angeleiteten Eventnationalismus“ (228). Dennoch erfassen die Texte dieses Abschnittes den Bereich Popkultur wesentlich knapper als die Analyse der Ereignisse um die WM und den Umgang mit der deutschen Geschichte. Gerade Sensationen wie die um den Sieg von Lena Meyer-Landrut im Eurovision Song Contest 2010 (der nach dem Erscheinen des Buchs liegt) machen deutlich, dass der mediale popkulturelle Bereich noch wesentlich tiefgreifender auf seine nationalisierenden und nationalistischen Elemente erforscht werden müsste. </p>
<p>Im Ganzen bietet der Sammelband eine differenzierte und kritische Analyse aktueller Formen von Nationalismus. Allen, die sich über den euphorischen Gebrauch der Fahnen während der letzten WMs geärgert oder auch nur gewundert haben, seien diese Untersuchungen wärmstens empfohlen. Wobei nicht nur die verschiedenen Seiten des Nationalismus immer mit beleuchtet werden müssen, sondern auch die grundsätzliche Problematik. So machen die Herausgeber_innen im Nachwort deutlich, dass die Nation als Identitätskategorie nicht unterschätzt werden darf. Der von ihnen analysierte „neue deutsche Nationalgeist“ (S. 254), und dies ist zu bedenken, sollte jedoch nicht nur auf seinen Umgang mit dem Nationalsozialismus sondern gleichsam auf seine lange historische Verankerung, gerade auch im deutschen Imperialismus, und verstärkt auf seine ökonomisierte Form als „Standortnationalismus“ untersucht werden. </p>
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		<title>Sozialismus für die Reichen</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Adi Quarti</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ökonomie – Kapitalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>In der Textsammlung befasst sich Christian Marazzi mit den ökonomischen Veränderungen der letzten zehn Jahre und der Entwicklung eines neuen Regimes. <span id="more-3800"></span></p>
<p>Christian Marazzi, Professor für Wirtschaftswissenschaften in Lugano und Autor der vielbeachteten Studie über die gegenwärtige Finanzkrise „Verbranntes Geld“ (Marazzi 2011), kreist in einer neuen Arbeit seinen Forschungsansatz genauer und von unterschiedlichen Richtungen ein. Der Autor hatte bereits im Jahr 1977 in der amerikanischen Zeitschrift <em>Zerowork</em> einen Aufsatz über „Das Geld in der Weltkrise“ publiziert, welcher auch heute noch spannend zu lesen ist und wenig an Aktualität eingebüßt hat. Marazzi kommt aus einer Ecke der radikalen Linken, welche heute mit dem etwas unscharfen Begriff Post-Operaismus umschrieben wird, einer ewigen Baustelle des nicht traditionellen Marxismus.</p>
<p>Marazzi liest noch einmal den berühmten Vorlesungszyklus zur Biopolitik des französischen Philosophen Michel Foucaults (Foucault 2004), welcher mit Verzögerung seit Jahren zu teilweise heftigen Diskussionen führt – insbesondere durch die positive Wende des Begriffs im Werk von Michael Hardt und Antonio Negri. Der Wirtschaftswissenschaftler Marazzi interessiert sich allerdings in erster Linie für die wirtschaftspolitische Wende zum Ende der 1970er Jahre, die häufig mit den Namen Ronald Reagan und Margaret Thatcher verbunden wird, und den programmatischen Verflechtungen des amerikanischen Neo- und deutschen Ordoliberalismus, welche eine Abkehr von Fordismus und Keynesianismus zur Folge hatte. </p>
<p>Die Ergebnisse sind zwar schon ausgiebig beschrieben worden (zum Beispiel in Boltanski/Chiapello 2003), hier ist jedoch interessant, wie ein ehemaliger Operaist diese Entwicklungen als Individualisierung der räumlich und sozial verstreuten Arbeitskraft einschätzt: „So gesehen ist die Finanzialisierung des Kapitals ein Zeichen für die Krise der politischen Repräsentation der Multitude“ (S. 23). Finanzialisierung meint hier die Tendenz des Kapitals in immer kreativere Rücklagen zu flüchten (Renten- und Aktienfonds und diverse toxische Papieranlagen), oder auf Miet- und Leasingmaschinenparks, um schließlich die Risiken vollständig zu sozialisieren. Ein Sozialismus für die Reichen und Superreichen. </p>
<p>Im folgenden Kapitel, ein Interview von Cosma Orsi, dem Autor von „Die Chimäre der Weltregierung“ (2010) macht Marazzi deutlich, dass die Finanzialisierung des Kapitals durch den Staat vor allem die Überdeterminierung der Real- durch die Finanzökonomie zur Folge habe. Nun gehe es dem Staat darum das Vertrauen in die Finanzmärkte wieder herzustellen, notleidende, systemisch wichtige Banken zu retten oder einfach nur die Finanzmärkte zu beruhigen. Stattdessen tritt Marazzi für ein garantiertes Mindesteinkommen ein. </p>
<p>An einer anderen Stelle des Buches (S. 136) setzt sich der Autor kritisch mit dem Begriff der immateriellen (kognitiven) Arbeit auseinander, welcher seiner Meinung nach zu einer Reihe von Missverständnissen geführt habe. Arbeit sei immer materiell, auch wenn sie kognitiv ist, sie sei mühevoll, „sowohl als Verausgabung körperlicher als auch Verausgabung intellektueller Arbeitskraft“. Ein Beispiel für das mit ihr verbundene Leid sei die Zunahme der Anzahl der Depressionen und psychischen Erkrankungen.</p>
<p>Leider enthält das Buch noch keine Einschätzung zur europäischen Finanzkrise, die in den betroffenen Ländern als Diktat des Modells Deutschland wahrgenommen wird. Man wird wohl mit Marazzi rechnen können.</p>
<h3>Zusätzlich verwendete Literatur</h3>
<p>Christian Marazzi (2011): Verbranntes Geld. Diaphanes, Zürich.</p>
<p>Michel Foucault (2004): Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik. Vorlesungen am Collège de France 1978 – 1979. Suhrkamp, Frankfurt a.M.</p>
<p>Luc Boltanski / Eve Chiapello (2003): „Der neue Geist des Kapitalismus“. UVK, Konstanz.</p>
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		<title>Von der Fabrik zum Jobcenter</title>
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		<pubDate>Tue, 01 May 2012 10:00:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Mira Douro</dc:creator>
				<category><![CDATA[Arbeit – Soziales]]></category>
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		<description><![CDATA[Eine Militante Untersuchung von FelS (Für eine Linke Strömung) am Jobcenter Neukölln. Bei der November 2011 erschienenen Broschüre handelt es sich um einen Werkzeugkasten zur Untersuchung des modernen Klassenkampfs. Methodisch schließt FelS damit an die Militante Untersuchung mit dem Gleich-zu-Gleich Gespräch und das Community Organizing an. Die Studie ist zunächst eine Einführung in eine neue [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Militante Untersuchung von FelS (Für eine Linke Strömung) am Jobcenter Neukölln.<span id="more-3746"></span></p>
<p>Bei der November 2011 erschienenen Broschüre handelt es sich um einen Werkzeugkasten zur Untersuchung des modernen Klassenkampfs. Methodisch schließt FelS damit an die Militante Untersuchung mit dem Gleich-zu-Gleich Gespräch und das Community Organizing an.</p>
<p>Die Studie ist zunächst eine Einführung in eine neue politische Praxis: die der Militanten Untersuchung sowie des Community Organizing. Die Militante Untersuchung entstammt dem Operaismus, der in Italien in den 1960er Jahre aufkam. Er beschäftigt sich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeiter_innen, vorwiegend in den Fabriken von FIAT und Olivetti. Ziel dieser Untersuchungen waren die Widerstandsformen der Arbeiter_innen. </p>
<p>Ergänzend dazu wird in der Jobcenter-Studie das Konzept des Community Organizing von Saul Alinsky, das in den 40er Jahren in den USA entwickelt wurde, herangezogen.</p>
<p>Diese beiden Ansätze waren Teil der Befragung am Jobcenter Neukölln. Aus ihnen ergibt sich das Gleich-zu-Gleich Gespräch (gegenseitige Befragung von selbst Betroffenen), welches dazu dienen soll, zunächst die als ungerecht empfundenen Zustände der Erwerbslosen zu benennen, damit in einem zweiten Schritt die Hoffnung auf Veränderung gestärkt werden kann. In einem weiteren Prozess soll dadurch Protest oder eine gemeinsame Aktionsform erwachsen können. Die Broschüre von FelS soll als Werkzeugkasten dienen und die Motivation für weitere Untersuchungen bei anderen Interessent_innen wecken. Ihr können sowohl Anleitungen des Gleich-zu-Gleich Gesprächs, als auch Ideen geeigneter Orte des modernen Klassenkampfs entnommen werden. Das Jobcenter Neukölln wurde als Untersuchungsgegenstand gewählt, weil es der Ort ist, an dem soziale Unsicherheit und Entrechtung zusammen kommen und für viele spürbar werden.</p>
<p>Die Broschüre besteht aus sechs Kapiteln. Beginnend mit Hintergrundinformationen über die angewendete Praxis, wird der_die Leser_in zu den Gesprächen und deren Auswertung geführt. Leider erweckt die Auswertung den Anschein, dass die Probleme beim Jobcenter bereits vor der Untersuchung bekannt waren und der Fragebogen zu keinen neuen Erkenntnissen führte. So werden Mehraufwandsentschädigungen (MAE) als sinnlos empfunden, da sie keine Aussicht auf eine Stelle bieten. Auch wird die späte Geldüberweisung des Jobcenters für die Miete als Problem beklagt, da dies bereits zu Wohnungsverslust führte. Die langen Wartezeiten werden als Schikane empfunden, weil sie den Beftroffenen signalisieren sollen, dass Erwerbslose sowieso nichts Besseres zu tun hätten. Diese Vorannahmen verwundern nicht, wenn der_die Leser_in das Kapitel über die Innenansicht am Jobcenter Neukölln liest, in dem es genau um die Massenabfertigung der Antragsteller_innen und die Überforderung der Sachbearbeiter_innen geht. Im Anschluss daran folgt eine theoretische Ausführung der Klassenzusammensetzung im Individualkapitalismus und der darauf aufbauenden Idee des „Zusammen dagegen!“ – eine Form des Widerstands gegen Stigmatisierungsversuche des Jobcenters Neukölln. Die Studie fasst den Klassenbegriff relativ breit, damit er der individuellen Behandlung der Antrag_stellerinnen am Jobcenter entgegen wirkt. Laut der Leitung des Jobcenters Neukölln gibt es einen Verhältnisschlüssel, der 150-170 Antragsteller_innen pro Sachbearbeiter_in festlegt. Tatsächlich liegt die Quote aber bei 400 Erwerbslosen pro Mitarbeiter_in. (S. 48) Daraus lässt sich die Strategie erklären, dass Hartz IV-Empfänger¬_innen als „Kunden“ behandelt werden, sodass sich die Menschen als Bittsteller_innen und nicht als Menschen mit sozialen Rechten verstehen. </p>
<blockquote><p>„Die Methode der Militanten Untersuchung entwickelt sich dabei nicht zufällig gemeinsam mit dem Konzept der Klassenzusammensetzung. Bei einer solchen eingreifenden Untersuchung geht es darum, die derzeitige Situation zu analysieren und gleichzeitig zum Aufbau einer politischen Klassenzusammensatzung beizutragen, zur Organisierung und Sichtbarmachung eines kämpferischen Subjekts.“ (S. 37) </p></blockquote>
<p>Im letzten Kapitel folgen schließlich noch Interventionsmöglichkeiten, die bereits zur Anwendung kamen. Die Autor_innen stellen fest, dass es sich als nicht ganz einfach erweist, gemeinsame Kämpfe von Erwerbslosen zu formieren. So haben Industriearbeiter_innen beispielsweise die Möglichkeit, zu streiken und somit einen materiellen Schaden zu verursachen. Erwerbslose haben relativ wenig Druckmittel in der Hand. „Sie können lediglich Jobcenter besetzen oder andere Arme dazu aufrufen, massenhaft ihre ‚verdeckte Armut‘ offen zu legen und öffentliche Leistungen zu beantragen, um auf diese Weise Sozialbürokratie zu überfordern.“ (S. 97)</p>
<p>Es lässt sich erkennen, dass die Broschüre aus einer Studie hervorgegangen ist, die aus vielen einzelnen Teilen besteht und in unterschiedlichen Phasen entstanden ist, die von verschiedenen Menschen durchgeführt wurde. So wurde jedes Kapitel mit einer eigenen Einleitung versehen, in dem die Vorgehensweise jedesmal neu beschrieben wird. Schade ist, dass dadurch die Themen relativ vereinzelt nebeneinander stehen, was hoffentlich wiederum anregt, weitere Untersuchungen anzustellen und neue Wege auszuprobieren.</p>
<p>Die Broschüre lebt andererseits auch von ihren unterschiedlichen stilistischen Mitteln. Dadurch lässt sich einerseits der Aufbau einer Militanten Untersuchung nachvollziehen, andererseits bieten die Interviews mit Aktivist_innen einen Einblick in die persönliche Erfahrung der gesprächsführenden Personen. Des Weiteren dienen die Illustrationen der besseren Übersicht zum Aufbau des Jobcenters Neukölln. Dem Anhang lassen sich gut vorbereitete Arbeitsmaterialien für weitere Ansätze entnehmen.<br />
In diesem Sinne: ein guter Ansporn um es nach zu machen!</p>
<p>**</p>
<p>Diese Broschüre zum Runterladen gibts umsonst <a href="http://fels.nadir.org/de/material/broschuere-militante">hier</a></p>
]]></content:encoded>
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