Die Idee des Nationalstaates ist untrennbar mit der Homogenisierung der Bevölkerung verbunden. Genozide, Massaker und Vertreibungen dienen neben weniger gewaltsamen Methoden dazu, diese Homogenisierung zu erreichen. Dies beschränkt sich keineswegs nur auf autoritäre Systeme oder gar nur auf „totalitäre“ Regime. Demokratische Staaten waren durchaus in der Lage, Teile der Bevölkerung als „anders“ zu definieren und diese Gruppen dann mehr oder weniger gewalttätig zu dezimieren. (Vgl. Mann 2007: 109ff)

Der Durchsetzung des Nationalstaates als die dominante Form der politischen Ordnung führte so dazu, dass unzählige Gruppen Opfer staatlicher Gewalt wurden. Einen Ausschnitt dieser Geschichte soll das Lexikon der Vertreibungen (Brandes u.a. 2010) darstellen. Das 800-seitige Lexikon mit über 300 Artikeln beschränkt sich auf Europa im 20. Jahrhundert. Eine umfassende Rezension zu liefern, wäre sowohl aufgrund der Textmenge als auch aufgrund der Unterschiedlichkeit der einzelnen Artikel recht schwierig. Hier sollen einige Leerstellen und Merkwürdigkeiten exemplarisch erwähnt werden.

Die erste Auffälligkeit ist, dass das Schicksal vertriebener Deutscher sehr viel Platz erhält. Allein unter „Deutsche aus …“ lassen sich 22 Artikel finden, so etwa „Deutsche aus Dobruscha“. Problematisch ist aber nicht nur das quantitative Übergewicht „deutscher“ Artikel: Wie im Dobruscha-Artikel dargestellt wird, handelt es sich hierbei um die freiwillige Übersiedelung von ca. 14.000 Deutschen aus Rumänien in das Deutsche Reich, wobei das zurückgelassene Eigentum erstattet wurde. Offen bleibt, ob es sich hier überhaupt um Vertreibung handelt. Im Übrigen erhält diese Übersiedlung im Lexikon in etwa gleich viel Raum wie der Genozid an denr Armeniern (1915) im Osmanischen Reich mit über eine 1 Millionen Todesopfern.

Diese Konzentration auf die deutschen Vertriebenen wird im Übrigen weder thematisiert noch erklärt. Eine wohlwollende Erklärung könnte sein, dass die Autoren das Buch ausschließlich für Leser konzipiert haben, die bisher wenig über deutsche Vertriebene erfahren konnten. Diese Erklärung wäre allerdings absurd, weil die Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland organisiert und mit staatlicher Unterstützung gepflegt wurde. Dies lässt sich anhand der über 50jährigen Geschichte des Bundes der Vertriebenen (BdV) und der deutschen Debatten der letzten Jahrzehnte (einschließlich derer in den Massenmedien) nachvollziehen.

Eine weitere Merkwürdigkeit bezieht sich auf die Sowjetunion als Täterin von Vertreibungen und Massaker. So geht es bei dem einzigen Artikel über die Kurden um die etwa 10.000 Kurden, die in der Sowjetunion in den 1930er und 1940er Jahren nach Zentralasien deportiert wurden, und die Benachteiligung der Kurden in den postsowjetischen Staaten Armenien und Aserbaidschan. Dass die Kurden im Iran, Irak und Syrien nicht erwähnt sind, lässt sich noch mit der Begrenzung auf Europa eventuell erklären. Aber dass die Kurden in der Türkei völlig ausgeblendet werden, ist sehr merkwürdig. Weder die Vertreibungen und Massaker noch die kurdischen Aufstände gegen die staatliche Türkisierungspolitik werden erwähnt.

Jetzt könnte spekuliert werden, worauf das zurückzuführen ist. Ist es lediglich ein Eurozentrismus, der sich nach jahrzehntelangen Debatten immer noch aufrecht erhalten kann? Oder geht es weniger um die Kurden als Opfergruppe, als vielmehr um die Betonung der sowjetischen Vertreibungen? Oder wusste der Autor einfach nichts über das Schicksal der kurdischen Bevölkerung in der Türkei?

Was lässt sich also über das Lexikon der Vertreibungen sagen? Auf einer methodischen Ebene lassen sich zwei zentrale Schwachstellen ausmachen. Erstens handelt es sich hierbei nur bedingt um eine gesamteuropäische Geschichte der Vertreibungen – zumindest wenn man Europa nicht mit Mittel- und Osteuropa gleichsetzt. Zweitens führt die Konzentration auf die deutsch-sowjetische Geschichte dazu, dass dieser Blickwinkel auch dort dominiert, wo andere Zusammenhänge relevanter wären. Auffällig ist, dass diese beiden Schwachstellen im starken Kontrast zu den konzeptionellen Überlegungen der Herausgeber im Vorwort stehen. Hier ist die Rede von einem weiten Europabegriff, der „Levante und Kaukasus (…) miteinschließt, desgleichen auch die asiatischen Bestandteile von Zarenreich bzw. Sowjetunion“ (S. 8) und dass „alle Zwangsmigrationen in Europa gleichgewichtig“ (ebd.) behandelt werden sollen, unabhängig davon, ob Deutsche beteiligt waren. Angesichts eines solchen Selbstanspruchs der Herausgeber fallen diese beiden Punkte besonders stark ins Gewicht.

Möglicherweise ist diese Kritik jedoch zu wohlwollend und übersieht, dass das Lexikon der Vertreibungen dreierlei bewirkt. Erstens werden die Unterschiede zwischen Genozid, Massaker, Vertreibungen und „sanfteren“ Formen der Bevölkerungspolitik verwischt. Zweitens wird ein Geschichtsbild konstruiert, in dem viel von deutschen Opfern und sowjetischen Tätern die Rede ist. Dies alles führt dazu, dass das Lexikon politisch fragwürdige Tendenzen in den deutschen Geschichtsdebatten fördert.

Zusätzlich verwendete Literatur

Mann, Michael (2007): Die dunkle Seite der Demokratie. Eine Theorie der ethnischen Säuberung. Hamburger Edition, Hamburg.

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Eine kürzere Fassung dieser Buchrezension erscheint in der iz3w (Nr. 326, September/Oktober 2011).