Die gegenwärtigen Debatten um die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union haben zu einem wachsenden Interesse an der türkischen Innenpolitik geführt. In der Auseinandersetzung zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen des EU-Beitrittes der Türkei spielt der Umgang des türkischen Staates mit ethnischen und religiösen Minderheiten eine zentrale Rolle.

Die „Kurdenfrage“ als Schlüsselkonflikt in der Türkei

Der zentrale Konflikt dabei ist die „Kurdenfrage“, durch die die Türkische Republik seit ihrer Gründung geprägt ist. Der Versuch des türkischen Staates, die kurdischen Regionen unter direkte Kontrolle zu bekommen, führte zu einer Reihe von Aufständen zwischen 1925 und 1938. Der Staat zerschlug die Aufstände durch massive militärische Gewalt und schreckte nicht davor zurück, auf Massaker und Vertreibungen von größeren Bevölkerungsgruppen zurückzugreifen. In den darauffolgenden Jahren haben kurdische AkteurInnen in der Türkei auf den bewaffneten Kampf weitgehend verzichtet und ihre Interessen durch zivile politische Mittel zu erreichen versucht. Allerdings waren die Antworten des türkischen Staates auf diese zivilen Ansätze Verbot von Organisationen und Verhaftung der AktivistInnen. Der Staat bestritt die Existenz einer kurdischen Bevölkerung in der Türkei, was dazu führte, dass türkische HistorikerInnen, SozialwissenschaftlerInnen und LinguistInnen die KurdInnen zu einem türkischen „Stamm“ erklärten und die Existenz einer eigenständigen kurdischen Sprache leugneten. Diese „Friedhofsruhe“ wurde dann Ende der 1970er Jahre mit der Entstehung von politischen Organisationen, die sich explizit als kurdische Akteure verstanden haben, durchbrochen. In den Kämpfen zwischen rivalisierenden kurdischen Gruppen bis zum Militärputsch 1980 setzte sich die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) unter Abdullah Öcalan durch. Während die meisten kurdischen Gruppen, ebenso wie viele türkische linke Gruppen, während der Militärdiktatur schnell zerschlagen wurden, überlebte die PKK diese Phase und begann 1984 mit einer Reihe von Angriffen auf die türkische Armee den offenen bewaffneten Konflikt. Seit dieser Zeit lässt sich die „Kurdenfrage“ in der Türkei nicht mehr von der PKK trennen.

Dieser Zusammenhang prägte auch die in den 1990er Jahren beginnende Beschäftigung mit dem Thema in Deutschland, wobei die „Kurdenfrage“ vielfach als Synonym für den bewaffneten Kampf der PKK genutzt wurde. Dies hat sich deutlich gewandelt: Während die Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung eine – wenn auch beschränkte – Aufmerksamkeit erhält, lässt sich dies über die PKK nicht sagen: Die Zahl der deutschsprachigen Bücher, die in den letzten zehn Jahren über die PKK erschienen sind, lässt sich an einer Hand abzählen.

Eingeschränkte Perspektive...

Insofern ist das 510-seitige Buch „PKK - Perspektiven des kurdischen Freiheitskampfes“ für diejenigen, die sich mit dieser Organisation beschäftigen wollen, Pflichtlektüre. Denn eine andere aktuelle deutschsprachige Gesamtdarstellung der Geschichte der PKK von ihrer Entstehungsphase Ende der 1970er Jahre bis heute ist sonst nicht auffindbar. Gleichwohl hat das Buch eine spezifische politische Perspektive, die zu einem verminderten Erkenntnisgewinn führt.

Der Anspruch der beiden AutorInnen ist es nämlich, eine „solidarische Auseinandersetzung mit der PKK“ (S. 36) zu liefern. Ausgehend von dieser Solidarität ist eine um Objektivität und Neutralität bemühte Geschichtsschreibung nicht durchgängig gewährleistet. So werden beispielsweise bei der Darstellung der militärischen Auseinandersetzungen zwischen der PKK und der türkischen Armee ausschließlich die PKK-Angaben über die jeweiligen Verluste und Erfolge übernommen und die Angaben des türkischen Staates dagegen als bloße Behauptungen dargestellt. Diese Perspektive führt dann auch zu nicht haltbaren Behauptungen wie etwa, dass die Angriffe der PKK sich „stets gegen militärische Ziele oder Kollaborateure“ richten würden und dass die PKK „Angriffe auf unbeteiligte Zivilisten“ (S. 127) ablehnen würde. KritikerInnen und PKK-DissidentInnen werden diskreditiert – etwa durch Vorwürfe, dass sie angeblich Kontakte zum deutschen Bundesnachrichtendienst hätten oder durch die Unterstellung moralischer Verfehlungen (vgl. S. 106). Ebenso scharf ist das Urteil über diejenigen KurdInnen, die mit der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) und der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) sympathisieren.

Des Weiteren setzen Brauns und Kiechle einige politische Prämissen, die umstritten bleiben müssen. So wird die PKK als die „unangefochten stärkste politische Kraft auf der kurdischen Seite“ (S. 36) deklariert, wodurch die Bedeutung und Eigenständigkeit der legalen kurdischen Parteien wie etwa der Partei des Friedens und der Demokratie (BDP) abgestritten wird. Ebenso gehen die AutorInnen davon aus, dass eine nachhaltige Lösung des Konflikts nur möglich sei, wenn neben der „kolonialen Unterdrückung auch der feudale Großgrundbesitz und der Kapitalismus abgeschafft“ (S. 499) werden. Die vorangegangene Geschichtsschreibung der AutorInnen ist darauf ausgelegt, diese Einengung der politischen Optionen auf das Szenario zu legitimieren, in dem die PKK als die alleinige Vertreterin der kurdischen Seite gilt und die Lösung der kurdischen Frage nur über eine antikapitalistische Revolution möglich ist.

Ausgehend von dieser Perspektive wird, nach einem kurzen Kapitel über die Geschichte der kurdischen Bewegungen bis zur Entstehung der PKK, auf etwa 100 Seiten die Geschichte der PKK dargestellt. Dabei werden die Wendepunkte in der Theorie und Praxis der PKK deutlich gemacht. Angefangen als kleine linksradikale Gruppierung hat sich die PKK in den 1990er Jahre zu einem militärischen Akteur entwickelt, der einige unzugängliche Regionen im Osten der Türkei kontrollierte. Die anschließende schrittweise militärische Niederlage gegen die türkische Armee führte dazu, dass die PKK ihren militärischen Schwerpunkt in den Nordirak verlagerte. Auch die Ideologie der PKK wurde immer wieder an die realpolitischen Gegebenheiten angepasst und geht von einem strikten Antiimperialismus der 1970er Jahre bis hin zu einer positiven Einschätzung der USA im Rahmen des Irak-Krieges 2003.

Nach diesem zentralen Teil der Publikation schließen sich zahlreiche Kapitel an. Neben der Betrachtung anderer kurdischer Akteure, wie etwa der kurdischen Parteien in der Türkei und in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, werden in einem längeren Kapitel die Zusammenhänge und Widersprüche zwischen der „Frauenfrage“ und der „Kurdenfrage“ diskutiert. Eine ausführliche Darstellung der türkischen Politik unter der moderat islamischen AKP-Regierung macht die widersprüchliche und aus der kurdischen Perspektive völlig unzureichende „Reformpolitik“ der AKP deutlich. Die Rolle der EU und Deutschlands werden in zwei weiteren kurzen Kapiteln skizziert. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der „Klassenfrage“ und fokussiert dabei die kurdische Arbeiterklasse.

...und ein Gegengewicht

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Brauns und Kiechle keine wissenschaftliche Geschichtsschreibung der PKK liefern. Allerdings trifft diese Einschätzung ebenfalls auf den Großteil der Literatur über die PKK zu, die mehrheitlich der Einschätzung des türkischen Staates folgt, wonach die PKK eine terroristische Organisation sei. Dabei wird vielfach unterschlagen, dass die PKK auch deswegen nach wie vor von Teilen der kurdischen Bevölkerung unterstützt wird, weil der türkische Staat massiv militärische Gewalt gegen ZivilistInnen einsetzt und jegliche zivile politische Betätigung von kurdischen AkteurInnen durch Verbote und Verhaftungen unterbindet. Brauns und Kiechle mit ihrer PKK-„solidarischen“ Perspektive können als „Gegengewicht“ gelesen werden, so dass reflektierte LeserInnen einiges über diese Organisation und die Weltsicht ihrer UnterstützerInnen erfahren können.

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Eine leicht geänderte Fassung der Rezension erscheint in: DAVO Nachrichten 2/2011.