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Brechts unterschlagene Commune

Buchautor_innen
Jan Knopf
Buchtitel
Bertolt Brecht
Buchuntertitel
Suhrkamp BasisBiographien 16
In der früheren DDR wurde die Commune von 1871 oft gerühmt, selten als Vorbild studiert. Konkrete Erinnerung störte. Was aber brachte Professor Knopf dazu, im freien Westen die Existenz der Commune von Brecht völlig zu verschweigen?
Rezensiert von Fritz Güde

Professor Jan Knopf ist als Herausgeber der kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke einer der umfassendsten Kenner der Werke Brechts. Zugleich ist er Leiter der Arbeitsstelle Bert Brecht in Karlsruhe. Als solcher hat er 2006 zum fünfzigsten Todestag mit einer neuen Gesamtdarstellung Brechts in der neuen Reihe von Suhrkamps BasisBiographien bedacht.

Die große Überraschung: Brecht war gar kein Marxist. Das haben ihm seine Anhänger und Gegner in einer gemeinsamen Verschwörung angedichtet. Brecht war vielmehr - im Hauptberuf sozusagen - ein erbitterter Gegner der Tuis (Hüllwort für Intellektuelle). Die hat er sein Leben lang gehasst. Das ist unbestreitbar. Nur: Ein wenig hat Brecht schon danach gefragt, in wessen Diensten diese Intellektuellen als Kopflanger standen. Gegen die Intellektuellen an sich konnte er nicht gut vorgehen, schließlich war er selber einer. Diesen Gesichtspunkt hat Jan Knopf entschlossen ausradiert. Gegen Intellektuelle sein - das heißt beim Jan Knopf von 2006 so viel wie gegen Bürokratie oder gegen den Staat. Nur den bürgerlichen Staat zurückdrängen, das kann auf „lassen wir den Markt entscheiden“ hinauslaufen, aber auch auf: die Leute sollen nicht verwaltet werden, sondern lernen, die Verwaltung ihrer Angelegenheiten gemeinsam selbst zu übernehmen.

Textvergleich: Knopf Reclam 2000 - Suhrkamp 2006

Die Schwäche des neuen Konzepts, das uns Jan Knopf anbietet ist, dass die Produktion Brechts nach 1930 jeden inneren Zusammenhang verliert. Auch müssen gewisse Werke Brechts völlig aus dem Korpus verschwinden. So vor allem das späte Drama Tage der Commune. Gewiss - es ist nach einer Vorlage geschrieben - wie die meisten Theaterstücke, vor allem die Brechts. Immerhin verursachte es in der alten DDR bei der Erstaufführung einige Unruhe bei den DDR-verwaltenden Mit-Marxisten. Bei Knopf ist es spurlos verschwunden. Hoffentlich nicht deshalb, weil sich da nicht verschweigen ließe, dass Brecht ganz gehörig an Marx genascht hat.

Fünf Jahre vorher wusste Jan Knopf noch: „am historischen Vorbild des Aufstands der Pariser Kommune von 1871 ließen sich aktuelle Probleme im Nachkriegsdeutschland spiegeln, und zugleich konnte Brecht für eine sozialistische Erneuerung Deutschlands plädieren.“ (Knopf 2000, S. 186) Da scheint Jan Knopf noch selbst den Sozialisten Brecht im Kopf gehabt zu haben.

Wo bleibt die Hexameterfassung des Manifests?

Auch fehlt 2006 im neuen Werk völlig Brechts Versuch, das kommunistische Manifest in klassischen Hexametern neu zu schreiben. Fünf Jahre vorher - in einer Brechteinführung bei Reclam kam es noch vor, und es wurde nach Hanns Eislers Fragen Sie mehr über Brecht richtig mitgeteilt, dass das Vorhaben an den Termini von Marx scheiterte – „Bourgeoisie“ und „Proletariat“, die sich dem Versmaß des Hexameters widersetzen. Dass ließe sich allerdings gegen Knopf eher als Treue gegenüber Marxens Text verstehen. Wäre es nicht leicht gewesen „Ausgebeutete“, „Unterworfene“, „Kämpfende“ usw. zu ersetzen - schön nach den Regeln dieses Versmaßes. Erste Silbe betont, zwei unbetonte. Nur - mit allen Ersatzworten wäre nicht das Ganze des Proletariats erfasst worden, immer nur ein Teil. Lieber gab Brecht das Werk auf als den vollen Begriffsumfang. (Eisler, als Quelle noch hochgerühmt im Jahre 2000, hat 2006 seinen Tadel weg - redet mehr über sich als über Brecht).

Wo etwas wegfällt, kommt anderes hinzu. Brechts wichtige Bearbeitung des Hofmeister von Lentz aus dem Sturm-und-Drang wird 2000 bei Knopf noch mit dem Satz Brechts kommentiert: es gehe ihm um die Fragen „eines revolutionären Proletariats an den Bürger von heute“ (Knopf 2000, S. 187). 2006 bedeutet die Selbstentmannung des Hofmeisters Läuffer nicht mehr den drastischen Zwang zur Triebunterdrückung, um unter adligen und bürgerlichen Herrschaftsverhältnissen seinen Lebensunterhalt zu fristen. Knopf hat 2006 eine überraschende Neudeutung parat:

„Läuffer und seine zukünftige Frau Elise, der er erst gegen Ende des Stücks begegnet, erfüllen die Voraussetzung, aber nicht das Vermögen zur Ehe. Viel boshafter war nach dem Krieg das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten, das dann Teil eines gefährlichen Kalten Krieges werden sollte, kaum zu erfassen.“ (S. 116)

Darauf muss man erst mal kommen. Deutsch-Deutsche Liebe mit Viagra-Bedarf. Gerade von dieser Inszenierung hat Brecht ein ausführliches Modell erstellen lassen. Hätte er das sagen wollen, hätte er doch einen Wink einschmuggeln können. In einem Aufsatz in Ossietzky teilt Manfred Wekwerth mit:

„Er, der Professor, hat nämlich in Brechts Bibliothek im Berliner Brechthaus nachgeschaut und kann nun beweisen, daß es nur die Biografen und Deuter waren, die behaupteten, Brecht habe Marx gelesen. ‚Davon kann jedoch keine Rede sein, er hat Marx nie richtig gelesen. Die Lektüre des ‚Kapitals‘ ist lediglich als sporadische Urlaubslektüre überliefert‘, so der Professor; bei dem ‚Büchernarren‘ Brecht habe er nur eine weitgehend ungebraucht wirkende ‚Kapital‘-Ausgabe von 1932 gefunden, obwohl Brechts angebliche Marx-Studien doch um Jahre zuvor datiert seien. Daß sich Brecht selbst als Marxismus-Kenner darstellt, ist für den Professor eher eine‚ typisch Brechtsche Selbstinszenierung, die im konkreten Fall einem speziellen Auftritt in Moskau geschuldet ist‘.“ (Ossietzky 6/2006)

Leider teilt Wekwerth die Fundstelle nicht mit. Die Mitteilung selbst wirkt glaubhaft. Sollte sie wahr sein, würde sie bei Knopf selbst auf ein erschütterndes Missverständnis dessen verweisen, was Marxismus sein kann. Sein wichtigstes Kennzeichen: Er wird nicht nur über Bücher weitergereicht, sondern vor allem durch tätigen Umgang. Gespräche, Schulungen, Briefe scheint es für Knopf nicht zu geben. Den Einfluss des marxistischen Denkers Korsch, den Brecht immer „Mein Lehrer“ nannte - gibt Knopf notgedrungen bei Reclam und Suhrkamp zu. Bei Suhrkamp allerdings mit der Anmerkung, zwar sei durch Korsch „Brechts realistischer Materialismus (…) vorübergehend ins Schwanken gekommen. (…) Nach einigen idealistischen Ausfällen, die darin bestanden, dass er Korschs Gedanken nachschrieb, stabilisierte sich Brechts Einstellung jedoch angesichts der politischen Ereignisse schnell wieder.“ (Knopf 2006, S. 36) Korsch - Verführer zum Idealismus! Kein Wunder, dass Knopf seinen Schutzbefohlenen Brecht alsbald zwingt, Korsch unter die Tuis einzusortieren.

Steht es wirklich schon so schlimm?

Man kann in einem dünnen Buch nicht alles unterbringen. Trotzdem wäre ein Wink doch möglich gewesen auf Korschs Aufenthalte in Svendborg bei den Brechts, zeitweise zugleich mit Walter Benjamin, lang nach der Entlarvung als Tui 1934. Dazu ein winziges kriminalistisches Detail. In Benjamins Passagenwerk finden sich sehr viele Exzerpte aus Korschs Buch über Karl Marx. Korschs Buch war damals noch gar nicht zu Ende geschrieben. In der ersten nach dem Krieg herausgekommenen Ausgabe - bei EVA - finden sich keine wörtlichen Entsprechungen. Also spricht sehr vieles dafür, dass Brecht mit Erlaubnis Korschs Benjamin mit den jeweils neuen Teilen des Work in Progress versorgt habe. Zumindest beweist das, dass auch nach der Entlarvung Brecht Korsch für einen der wichtigsten Denker gehalten hat. Wie hätte er ihn sonst bedenkenlos weitergegeben und empfohlen?

Scheint der von Knopf neu eingekleidete Brecht doch mehr ein modisches Phänomen, so hoffen wir, dass Knopf noch so lange tätig sein kann, dass er in der nächsten Konjunkturwelle seinen Brecht wieder neu modisch-adrett präsentieren kann - nach den dann herrschenden Bedürfnissen. Chotjewitz erwägt in konkret vom August 2006 barmherzig, dass Knopf die Ausstaffierung seines Brecht total entmarxt für nötig angesehen habe, um wenigstens auf diese Weise seinen Schützling durchzubringen in Zeiten wachsender Unwissenheit und Abneigung gegen Theorie. Also so ähnlich, wie man Zitate von Spinoza unterm Faschismus als die eines holländischen Gelehrten des 17. Jahrhunderts unschuldig maskierte.

Jan Knopf hat uns - mit anderen - die Gesamtausgabe Brecht geliefert. Ein geräumiges Gebäude. Aber was hilft das schönste Haus, wenn der Bauherr alle paar Jahre das Türschloss ändert und den Schlüssel für sich behält.

Zusätzlich verwendete Literatur

Knopf, Jan (2000): Bertolt Brecht. Reclam, Ditzingen.

Chotjewitz, Peter O. (2006): Brecht dem Brecht die Gräten! Ein nostalgischer Rückblick zum fünfzigsten Todestag am 14. August. In: Konkret 08/2006.

Wenkwerth, Manfred (2006): Die Unerträglichkeit des folgenlosen Denkens. In Ossietzky 06/2006.

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Die Rezension erschien zuerst im August 2006 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ast, 4/2011)

Jan Knopf 2006:
Bertolt Brecht. Suhrkamp BasisBiographien 16.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-18216-1.
160 Seiten. 7,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Brechts unterschlagene Commune. Erschienen in: 140 Jahre Commune. 2/ 2011. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/893. Abgerufen am: 23. 09. 2017 00:25.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
28. April 2011
Erschienen in
Ausgabe 2, „140 Jahre Commune” vom 28. April 2011
Eingeordnet in
Schlagwörter
Zum Buch
Jan Knopf 2006:
Bertolt Brecht. Suhrkamp BasisBiographien 16.
Suhrkamp Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-518-18216-1.
160 Seiten. 7,90 Euro.
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