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Erdoğan preloaded

Buchautor_innen
Hans-Lukas Kieser
Buchtitel
Talaat Pasha
Buchuntertitel
Father of Modern Turkey, Architect of Genocide
Eine neue Biographie über den osmanischen Staatsmann Talaat Pascha hilft, den türkischen Staat unter Erdoğan besser zu verstehen.
Rezensiert von Hovhannes Gevorkian

Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass Talaat Pascha in einer neu erschienenen Biographie als „Vater der modernen Türkei“ beschrieben wird, ist dieser Titel doch allerorts mit dem Staatsgründer Mustafa Kemal „Atatürk“ (wörtlich „Vater der Türken“) verknüpft. Hans-Lukas Kieser legt zum ersten Mal außerhalb der Türkei eine Biographie über den weitaus weniger bekannten osmanischen Staatsmann vor, welche diese Frage zu beantworten sucht. Er stellt in seinem Buch dar, warum diese Zuschreibung auf den mehrmaligen Minister Talaat zutrifft, der maßgeblich am Genozid an den Armenier*innen verantwortlich war und auch heute noch ein wichtiger Stichwortgeber für den panislamisch geprägten türkischen Nationalismus ist.

Der ideologische Vater der modernen Türkei

Kiesers Biographie orientiert sich an den politischen Leitlinien, welchen der ausgebildete Telegrafenbeamte zeitlebens folgen sollte. Folgerichtig fängt das Buch nicht mit Talaats Kindheit an, sondern mit dem Sommer 1915 in Istanbul – kurz bevor die Jungtürk*innen den Genozid an den Armenier*innen und Assyrer*innen sowie anderen christlichen Minderheiten begangen haben. Istanbul war damals nicht nur das Zentrum des Osmanischen Reiches, sondern auch der armenischen Intelligenz, die dort besonders im Handel präsent war und auch Repräsentanten in der Nationalversammlung hatte. Zu diesem Zeitpunkt ist Talaat Pascha Innenminister und hat mit 41 Jahren schon die Jungtürkische Revolution von 1908 angeführt sowie bei den Balkankriegen 1912/13 mehrere Gebiete des Osmanischen Reichs verloren.

Gemeinsam mit Kriegsminister Enver Pascha und Marineminister Cemal Pascha bildet er ein mächtiges Triumvirat, das seit dem thermidorianischen Putsch vom Januar 1913 mit diktatorischen Mitteln herrscht und die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution von 1908 revidiert. Das damalige Osmanische Reich ist bereits im Zerfall begriffen: In den vorangegangenen Jahren waren die zentrifugalen Kräfte der Balkanländer zu stark geworden, als dass die niedergehende konstitutionelle Monarchie um den schwachen Sultan Abdul Hamid II. noch in der Lage gewesen wäre, das Vielvölkerreich zusammenzuhalten. Immer mehr Nationen aus dem Balkanraum suchten nach nationaler Souveränität und Unabhängigkeit, anstatt unter dem Kalifat zu leben. Kieser schildert ausführlich das Zustandekommen des Bündnisses zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich im ersten imperialistischen Weltkrieg. Mehr noch: Talaat Pascha war es, der hinter Enver Pascha, dem fanatischen Anhänger des deutschen Militarismus, letztendlich die Fäden zog. Er war es auch, der das Einparteiensystem im Osmanischen Reich etablierte und nach dem Putsch von 1913 eine Führungsrolle einnahm: „Seitdem war Talaat in der Innen- als auch Außenpolitik mehr als ein primus inter pares (Erster unter Gleichen, Anm. Red.). Politisch war er Enver Pascha gar überlegen” (S. 13, alle Übersetzungen aus dem Englischen vom Autor selbst).

Völkermord in Planung

Die „Armenische Frage“ existierte lange vor dem Machtantritt Talaat Paschas. Schon unter dem Sultan gab es zahlreiche Massaker an der armenischen Bevölkerung. Doch es war Talaat, der im August 1915 zum deutschen Botschafter sagen konnte: „La question arménienne n’existe plus“ – die armenische Frage besteht nicht mehr. Kieser zeichnet die Rolle Talaats beim Genozid genau nach: Er koordiniert die anti-armenische Politik in drei zentralen Phasen, wonach es zunächst darum ging, die politische, religiöse und intellektuelle Elite der Armenier*innen zu verhaften, sodann die armenische Bevölkerung aus Anatolien zu vertreiben (wobei Männer sofort ermordet wurden und Frauen und Kinder oftmals in der Wüste umkamen) sowie die restlichen Überlebenden in den Internierungslagern zu Tode zu hungern.

Durch die detaillierte Aufarbeitung der politischen Verantwortung Talaats in den Balkankriegen wird ersichtlich, dass Talaat Pascha die ersten Erfahrungen im Bereich der ethnischen Säuberung schon dort machte. Schon hier waren es nämlich die christlichen Minderheiten wie die Pontus-Griech*innen, die aus Thrazien vertrieben wurden.

Vorbild für die heutige Staatspolitik

Kieser ermöglicht einen Einblick in das politische System, das bedingt durch die existenzielle Krise des Osmanischen Reiches und den Weltkrieg eine bonapartistische Konstellation mit Talaat an der Spitze hervorbrachte. Die exekutive Macht wurde immer mehr in den Händen Talaats konzentriert; er bestimmte im Wesentlichen Innen- und Außenpolitik des Reiches und machte die parlamentarischen Gremien zur Makulatur. Talaat Pascha wurde auch zum Großwesir, einer Art Premierminister im Osmanischen Reich, ernannt und personifizierte die Vision einer „Neuen Türkei“.

Talaat Pascha festigt dabei nicht nur die Parteiherrschaft des „Komitees für Einheit und Fortschritt“ über den Staat selbst, sondern übt auch diktatorische Macht über den Staat aus: Er bleibt nicht nur Innenminister, sondern wird auch kurzzeitig Finanzminister und de facto Außenminister, da der offizielle Außenminister Nessimi Bey ein „schwacher Politiker“ war.

Kieser verdeutlicht besonders in seinen analytischen Stellen, dass Talaat den imperialen osmanischen Mythos mit dem türkischen Nationalismus vermengte: „’Nationalismus’, ‘Revolution’ und ‘europäische Zivilisation’ wurden zu Schlüsselbegriffen während seiner Amtszeit“ (S. 320). Talaat verband diese Elemente aber auch mit dem Panislamismus, den er zu dieser Zeit besonders gegen die christlichen Minderheiten ausspielte.

Schon alleine damit drängen sich die Parallelen zum heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan auf, auf die Kieser insbesondere im Epilog des Buchs eingeht. Die Verbindung des türkischen Nationalismus mit dem Panislamismus, welche durch Talaat verkörpert wurde, biete Erdoğan noch heute wichtige Anknüpfungspunkte. In vielerlei Hinsicht erscheint Talaat Pascha daher als ein ideologischer Vater des heutigen Diktators. Sichtbar wird das etwa in der verstärkten Konzentration der türkischen Außenpolitik auf die Länder des Nahen Ostens inklusive einer versuchten (und gescheiterten) Implementierung des türkischen Modells besonders während des Arabischen Frühlings.

Ende der Macht und Tod

In dem Moment, in dem die Macht Talaats am ausgeprägtesten war, begann sich das Blatt zu wenden. Mit dem Kriegseintritt der USA 1917 ist es für die Zentralmächte kaum noch möglich, die Fronten zu verteidigen. Parallel zum Niedergang des deutschen Kaiserreichs findet auch der Abstieg Talaat Paschas statt. Als die Niederlage der Zentralmächte absehbar war, verstärkte sich auch infolge einer tiefen wirtschaftlichen Krise der Druck auf die Regierung. Gemeinsam mit dem deutschen Generalstab wurde daher der Plan zur Flucht Talaats ausgearbeitet.

Anfang November 1918 flüchtete Talaat auf einem deutschen Kriegsschiff nach Berlin. Die Schlusskapitel drehen sich um seine letzten Jahre in Deutschland und das Ende des Massenmörders. Es ist ein Verdienst Kiesers, die in dieser Zeit äußerst einflussreiche Rolle Talaats – aus dem Exil heraus – auf die türkische Nationalbewegung ab 1919 hervorzuheben. Talaat inspirierte diese nachhaltig, etwa durch die strikte Feindseligkeit gegenüber der Entente. Nicht zufällig nahm der Kemalismus viele seiner Ideen, zum Beispiel die nach „nationaler Unabhänigkeit“ auf und hält sie bis heute hoch. Dies fiel besonders in der Zeit von 1919 bis 1923 auf fruchtbarem Boden, als die Entente das osmanische Kernland besetzt hielt und aufteilen wollte. Während ein Teil der osmanischen Elite eine Versöhnung mit Frankreich, Großbritannien und Italien wollte, fiel es der kemalistischen Bewegung zu, den Kampf gegen diese Mächte aufzunehmen.

Obwohl Talaat Pascha 1919 in eigener Abwesenheit von einem osmanischen Gericht zum Tode verurteilt wurde, sind auch heute noch in der Türkei etliche Straßen und Einrichtungen nach ihm benannt. Auf eine Rückkehr in die Türkei hätte er unter der Herrschaft Kemal Paschas (Atatürk) durchaus hoffen dürfen, doch 1921 setzte der armenische Revolutionär Soghomon Tehlirian seinem Leben ein Ende. Auf der Berliner Hardenbergstraße exekutierte Tehlirian ihn im Rahmen des armenischen Geheimkommandos der Operation Nemesis. „Ich habe den Mörder meiner Frau und Großeltern gerichtet“, soll er später bezeugt haben.

Während die Türkei aufgrund ihrer aggressiven Besatzungspolitik vor allem gegenüber Rojava heute in aller Munde ist, sind die Hintergründe für die Entstehung des heutigen türkischen Staates für viele immer noch unklar. In diesem Sinne ist auch der Name Talaat Pascha selbst denjenigen unbekannt, die sich viel mit der heutigen Türkei beschäftigen. Durch die Lektüre von Kiesers Buch sollte diese Lücke geschlossen werden. Das Buch ermöglicht einen hervorragenden Einblick in die Strukturen des Osmanischen Reichs. Denn nur wer die Hintergründe des Zerfalls dieses Reiches kennt, kann auch die heutige staatliche und ideologische Konstruktion der Türkei verstehen.

Hans-Lukas Kieser 2018:
Talaat Pasha. Father of Modern Turkey, Architect of Genocide.
Princeton University Press.
ISBN: 9781400889631.
552 Seiten. 39,95 Euro.
Zitathinweis: Hovhannes Gevorkian: Erdoğan preloaded. Erschienen in: Revolution!. 50/ 2019. URL: https://www.kritisch-lesen.de/c/1533. Abgerufen am: 23. 04. 2019 01:11.

Zum Buch
Hans-Lukas Kieser 2018:
Talaat Pasha. Father of Modern Turkey, Architect of Genocide.
Princeton University Press.
ISBN: 9781400889631.
552 Seiten. 39,95 Euro.