Zum Inhalt springen
Logo

Every girl is a Riot Grrrl!

Buchautor_innen
Katja Pegelow / Jonas Engelmann (Hg.)
Buchtitel
Riot Grrrl Revisited
Buchuntertitel
Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung
Die Autor_innen von „Riot Grrrl Revisited“ beschreiben in diesem Sammelband Vergangenheit und Vermächtnis der Riot Grrrls, einer Bewegung, welche feministische Kritik und subkulturelle Elemente nicht nur vereinte, sondern zeitweise in den Mainstream transportieren konnte.
Rezensiert von Ulrich Peters

Es bleibt eine große Herausforderung politische und soziale Bewegungen in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Und auch Riot Grrrl, die ihren Ursprung in der US-amerikanischen Punk- und Hardcore-Szene hat, ist Bewegungsprozessen, von hohem Output in der Anfangszeit, dem dann häufig weniger aktive Phasen folgen, unterworfen. Doch genau diese Entwicklung lässt sich an der Auswahl der einzelnen Beiträge gut verdeutlichen. Die Herausgeber_innen vereinen Manifeste und theoretische Texte aus der Bewegung mit persönlichen Statements einzelner Protagonist_innen. Bereichert wird das Buch durch reflexive Texte, die versuchen das Ausbleiben einer Analyse über die Homogenität der Riot Grrrl-Bewegung zu beschreiben. Race und class waren zwar immer wieder Bestandteile der Diskussionen, konnten sich in der Außenwirkung der mehrheitlich studentisch und weiß geprägten Szene allerdings nicht platzieren. Wird Riot Grrrl auf die Präsenz von Bands beschränkt, scheint es nahe zu liegen, eine Zukunft dieser Bewegung nicht mehr zu sehen oder sehen zu wollen. Wobei letzteres die Notwendigkeit genauer auf die Auswirkungen der Riot Grrrl-Bewegung zu schauen umso deutlicher macht. Wie wichtig dies immer noch ist, verdeutlicht gut die Sichtweise eines Rezensenten in einem bundesweit erscheinendem Zine für Punk, Hardcore und Underground:

„Tja, in 'meinem Hardcore' Mitte der Achtziger waren die Frauen bereits integriert, bevor es Riot Grrl überhaupt gab (…) Das gibt es immer mal wieder, das Leute von anderen einfordern das die sich mit ihren Themen beschäftigen, ich werde das nicht tun.“ (Trust Fanzine #151, 12/2011; Fehler im Original)

Es stimmt, dass es schon immer aktive Frauen in der Punkszene gab, doch ist Riot Grrrl einerseits nicht auf Punk zu beschränken und sie hat ihr Ende auch nicht mit der Auflösung von bekannten Bands wie Bikini Kill oder Bratmobile gefunden. Sie existiert und entwickelt sich weiter. Andererseits ging es Riot Grrrl ganz bewusst nicht um eine Integration in bestehende Strukturen, sondern um Empowerment.

„,Jeder Raum, in dem ich mich als Frau bewege, wird grundsätzlich von Männern definiert.‘ Diese Definitionsmacht der Männer ist auch in der Hardcore-Szene nicht anders als in der Mehrheitsgesellschaft, deswegen treffen die Forderungen von Riot Grrrl die homosoziale Gemeinschaft Hardcore gleich in mehrfacher Hinsicht mitten ins Herz.“ (S. 128)

Es sollten Räume geschaffen werden, in denen Frauen und Mädchen eigene Musik, Kunst und Literatur produzieren und feministische Diskussionen in eine Praxis überführen können. Eine Plattform sich über Feminismus und frei von der männlich dominierten Punk-Szene auszutauschen, boten (beispielsweise) die „angry grrrl zines“. Hierbei handelt es sich um selbstgestaltete Zeitschriften, die häufig fotokopiert und in kleinere Auflage erscheinen. Unter anderem geht der Begriff Riot Grrrl auf ein 1991 wöchentlich erscheinendes Zine zurück. Hierdurch wurden Netzwerke geschaffen und Mitstreiterinnen ermutigt, selbst aktiv zu werden.

„Wir haben Fanzines gelesen und wir wussten davon, dass sich Bikini Kill gerade gegründet hatten. (…) Wir wollten nun unsere eigene Szene auf die Beine stellen. (…) Und die wurde von Mädchen bestimmt.“ (S. 26)

Die ebenfalls stattfindenden Riot Grrrl-Treffen boten Raum Kritiken an Populärkultur sowie der „eigenen Szene“ zu formulieren, sich ebenso aber über vorherrschende Körpernormen, Sexismen und über Beziehungsvorstellungen sowie die eigene Sexualität auszutauschen.

Das Vermächtnis von Riot Grrrl ist nicht ohne das vorläufige Ende der ersten Hochphase zu fassen. Mitte der 1990er Jahre kam es nicht nur zu Mainstreamerfolgen von Indie-, Punk- und Grungebands, auch die konsumistische „Girl-Power“ in Form der Spice Girls/Girlpopgroups erfuhr einen medialen Hype. Hingegen wurde die dem D(o)I(t)Y(ourself)-Prinzip anhängende Riot Grrrl-Bewegung von den Medien aufgrund ihrer politischen Radikalität „zu einem politischen Irrweg, einem schlechten Musikgenre und zu einer simplen Neuerfindung des (männlichen) Punk“ (S. 45) erklärt.

Diesem medial geführten Backlash sollte mit neuen Möglichkeiten feministischer Selbstbehauptung entgegengewirkt werden. Das stark auf Identitäten aufbauende Konzept von Riot Grrrl sollte durch handlungsorientierte Formen des feministischen Aktivismus angereichert werden. Solche Überlegungen führten zum ersten Ladyfest, das 2000 im US-amerikanischen Olympia stattfand. Das war wiederum der Startschuss für eine mittlerweile weltweit verbreitete Aktionsform, die im Gegensatz zu den Anfängen von Riot Grrrl auch in Deutschland eine größere Mobilisierungskraft entfalten konnte.

Dass sich neben diesen selbstorganisierten Aktivitäten die Idee von Riot Grrrl weiter verbreitet und eine Vielzahl von Bands beeinflusst hat, zeigt das Buch in einer abschließenden Spurensuche ab 2000. Neben immer noch aktiven DIY-Bands und -Labels beziehen sich auch kommerziell erfolgreichere Musikerinnen wie Kate Nash oder Beth Ditto positiv auf Riot Grrrl. Auf diesen Umstand hinzuweisen, auch wenn die Vergangenheit einen großen Raum im Buch einnimmt, ist der Verdienst eben dieses. Dass in Hochphasen einer Bewegung eine starke Präsenz sowie öffentliche Wahrnehmung entsteht und sich präsenter verankert, ist ein Prozess, dem die Autor_innen gerecht werden, ohne aber neuere Entwicklungen oder anhaltende theoretische Diskussionen auszublenden. So gewährt der Band in übersichtlicher Form ebenfalls einen Einblick in feministische Diskussionen seit den 1970er Jahren, indem verschiedene feministische Manifeste untersucht und der sich bedingende Einfluss von Riot Grrrl auf lesbische und queere Kultur dargestellt wird. Wer also Möglichkeiten der Schaffung kollektiven Selbstbewusstseins einer ganzen Generation von feministisch Aktiven verstehen will, sollte auf diesen Band zurückgreifen.

Zusätzlich verwendete Literatur

Trust Nr. 151/06; Dezember/Januar 2011/2012

Katja Pegelow / Jonas Engelmann (Hg.) 2011:
Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung.
Ventil Verlag, Mainz.
ISBN: 978-3-931555-47-4.
200 Seiten. 16,90 Euro.
Zitathinweis: Ulrich Peters: Every girl is a Riot Grrrl! Erschienen in: Feministische Praxen. 13/ 2012. URL: https://www.kritisch-lesen.de/c/976. Abgerufen am: 20. 04. 2019 17:31.

Zum Buch
Katja Pegelow / Jonas Engelmann (Hg.) 2011:
Riot Grrrl Revisited. Geschichte und Gegenwart einer feministischen Bewegung.
Ventil Verlag, Mainz.
ISBN: 978-3-931555-47-4.
200 Seiten. 16,90 Euro.