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Geschichte und Erfahrung

Buchautor_innen
Felix Denschlag
Buchtitel
Vergangenheitsverhältnisse
Buchuntertitel
Ein Korrektiv zum Paradigma des „kollektiven Gedächtnisses“ mittels Walter Benjamins Erfahrungstheorie
Mit Benjamin im Rücken legt das Buch eine längst überfällige Kritik am Paradigma des kollektiven Gedächtnisses vor.
Rezensiert von Henning Gutfleisch

Ausgangspunkt von Felix Denschlags Dissertation „Vergangenheitsverhältnisse“ bilden die theoriepolitischen Schwierigkeiten, welche dem kollektiven Gedächtnis zugrunde liegen. Mit der „Wiedervereinigung“ Deutschlands gewann auch dieses von Aleida und Jan Assmann aufgegriffene Theorem an Popularität. Seither unumstößliches Paradigma in der Forschung zu Erinnerungskultur und Geschichtspolitik reflektiert es nicht bloß auf das neuerliche nation building der Berliner Republik, es selbst ist Teil eben dieses Prozesses. Von Maurice Halbwachs noch als analytisches Werkzeug konzipiert, droht das kollektive Gedächtnis nun all jenes zu bejahen, was es einst nur beschreiben wollte. Doch liegen diese Probleme nicht allein in der Vereinnahmung der Wissenschaft durch politische Zwecke, vielmehr gründen sie bereits in der Begriffsbildung selbst. Das theoriepolitische Programm der beiden Assmanns ziele laut Denschlag hierbei auf die Schaffung eines geläuterten Deutschlands, wodurch es sich auf Linie mit den innen- wie außenpolitischen Interessen des Staates weiß; insofern selbst Signatur des Postnazismus, arbeite es dem deutschen Großmachtstreben zu.

Konjunkturen: das kollektive Gedächtnis

Denschlags Fluchtpunkt ist die Kritik an der von den Assmanns fälschlicherweise vorgenommenen Gleichsetzung von Gedächtnis und Identität, wodurch Diskontinuitäten und Brüche, die beide gleichsam durchschlagen, verleugnet werden. Während sie alleine positivistisch entfaltet werden, sei ihrer negativen Bestimmung, wie die psychoanalytische Einsicht ins Unbewusste, keinerlei Raum mehr zugedacht. Geschichte erscheine so als eine natürliche und alternativlose Abfolge; Abweichungen werden aus ihr ausgelöscht. „Das ‚kollektive Gedächtnis‘ im Singular“, so der Autor, „ist eine verkürzte Redeweise und zudem anfällig für die Vereinnahmung durch ideologische Einheitsvorstellungen, durch die keine real existierende Gesellschaft deskriptiv charakterisiert werden kann.“ (S. 46) Dennoch firmiert es als „Oberbegriff“ und leitendes Paradigma in der Forschung. Es umfasst alle Phänomene, ob nun individuelles Erinnern oder öffentliche Inszenierung politischen Gedenkens. Die Schwierigkeiten liegen dabei auf der Hand: Der Begriff ist derart umfassend, dass eine sinnvolle Eingrenzung kaum möglich ist, ohne die Mannigfaltigkeit der Phänomene dabei aus dem Blick zu verlieren. Zugleich wird das Gedächtnis ebenso als „Speichermedium“ (S. 9) betrachtet, in dem Geschichte dinghaft hinterlegt ist. Einen solchen Speicher, „über den der Erinnernde nach Belieben verfügen kann, um Vergangenes in Erinnerung zu rufen“ (S. 126), kritisiert Denschlag entschieden. Denn das Gedächtnis als Speichermedium „negiert“ nicht nur „die für identitätsrelevante Erfahrung entscheidende Aktualisierung und Erneuerung der Vergangenheit“ (S. 234). Es tilgt auch jeglichen Bezug des Vergessens aus ihm, wenn es als bloßes Speichermedium verdinglicht wird. Durch systematisches Verdrängen des Unbewussten aus der Theoriebildung erscheint es demnach als mangelhaft und für eine kritische Analyse ungeeignet. So beinhalte „[d]ie machtgestützte Institutionalisierung und Festschreibung bestimmter Deutungen der Vergangenheit […] immer auch die Verdrängung von Elementen des Vergangenen, die sich nicht in diese Deutungen fügen“ (S. 158).

Von dieser Hypothese ausgehend, konturiert der Autor schrittweise sein Vorhaben eine Erinnerung ins Werk zu setzen, die „die Voraussetzungen für nicht-entfremdete Erfahrung“ schafft und jene zu unterbinden, die „lediglich noch entfremdete Verhältnisse der Subjekte zu sich, zu den anderen Menschen und zur Welt ermöglichen“ (S. 80). In zwei die Arbeit teilende Oberkapitel nimmt er eine systematische Rekonstruktion der zentralen zur Debatte stehenden Begriffe vor. So entfaltet Denschlag im ersten Teil, wie oben erörtert, das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs sowie dessen Fortführung durch die Assmanns. Dieses stellt sich jedoch für die Forschung als weitgehend unbefriedigend heraus,

„da es kaum kritisch-theoretisches Potenzial hat, sondern in erster Linie einem praktischen Interesse Ausdruck gibt: In Zeiten von Vertrauensschwund und Orientierungsverlust durch soziale Beschleunigung soll Identität sein und durch das ‚kollektive Gedächtnis‘ gewährleistet werden“ (S. 89).

Im zweiten Teil legt der Autor, entsprechend dem Untertitel seiner Arbeit, ein Korrektiv an diesem Paradigma mittels Walter Benjamins Erfahrungstheorie vor – was bereits anzeigt, dass es ihm nicht darum geht die beiden Modelle „gegeneinander auszuspielen“ (ebd.), sondern miteinander zu vermitteln. Hierbei ist positiv hervorzuheben, dass Benjamins Begriff der Erfahrung mit jenen des Erinnerns und Vergessens verknüpft – und somit nicht nur werkimmanent, sondern ebenfalls historisch-genetisch rekonstruiert wird: über Henri Bergson, Marcel Proust und Sigmund Freud – wobei gerade letzterer Bezug besonders erfreulich ist, da die Freud-Rezeption Benjamins zwar seit Anfang der 1990er begonnen wurde, über vereinzelte Arbeiten jedoch bisher kaum hinauslangte. Diese systematische Rekonstruktion erlaubt der Leserin insgesamt den schrittweisen Nachvollzug der sich in ihrer Komplexität stetig steigernden Begriffe.

Korrekturen: Erinnern und Vergessen

Anstatt also die Identität des Subjekts über alle Wirren und Gewalten der Moderne abzuschotten, wie es die traditionelle Konzeptualisierung des kollektiven Gedächtnisses noch vorsieht, erlaubt Benjamins Theorie der Erfahrung, sich diesen Einflüssen zu öffnen und ihnen somit angemessen Rechnung zu tragen.

„Das ‚kollektive Gedächtnis‘ ist aus dieser Perspektive [sprich: als vereinzelte Einzelne zwanghaft Teil einer Masse zu sein, Anm. H.G.] eine konservative Instanz, die ihre Identitätsvorstellungen tendenziell total zu institutionalisieren strebt. Während das Individuum innerhalb des Paradigmas des ‚kollektiven Gedächtnisses‘ gewissermaßen gar nicht existiert, geht Benjamin vom Individuum aus, das durch die kollektiven ‚Rahmen‘ der Vergesellschaftung eher beschädigt wird und tendenziell verschwindet.“ (S. 254)

Im Gegensatz zum kollektiven Gedächtnis nimmt Benjamins Theorie der Erfahrung jene Brüche mimetisch auf, die die Subjekte durch Geschichte und Gesellschaft erleiden. Benjamin subsumiert das Subjekt somit nicht einfach affirmativ unter ein Kollektiv, sondern weist seine Beschädigung dialektisch durch dieses nach. Wider dem Appeasement an nationale Interessen trotzt das Subjekt seiner forcierten Vereinnahmung. Im dynamischen, ja dialektischen Verhältnis zwischen Erinnern und Vergessen modifiziert sich demnach nicht nur die Beziehung zum Selbst, sondern ebenfalls diejenige zur Welt – womit sich die Erfahrung ebenfalls ihrer Instrumentalisierung versperrt. Die von Entfremdung gezeichnete Erfahrung kann negativ aufgenommen – und im Weiteren aufgehoben –, anstatt bloß abgewehrt werden. Benjamins Begriff der Erinnerung bildet Vergangenes dabei nicht ab, sondern interveniert in es. „Denn jeder Erinnerungsakt vermittelt nicht nur den Eindruck eines Vergangenen, sondern darüber hinaus ein jeweils gegenwärtig verändertes Verhältnis zu diesem Vergangenen.“ (S. 255) Geschichte birgt demnach Geschichten unabgegoltener Potenziale und verpasster Chancen, welche im rechten Moment – der Jetztzeit – für die Gegenwart aktualisiert werden müssen. Gegenstand und Zeitpunkt sind jedoch keine zufälligen. Vielmehr sind sie präzise aus den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen heraus zu ermitteln. Demnach können, Denschlags Korrektiv zufolge, „alternative Deutungen der Vergangenheit neue Gegenwartsorientierungen und Zukunftserwartungen erzeugen und Kontinuitäten durchbrechen und zu einem geschichtlichen Bewusstsein der Diskontinuität führen“ (S. 76) Dadurch lasse das kollektive Gedächtnis nochmals entscheidende theoretische Neujustierungen zu.

Konjekturen: Kritik und Intervention

Insgesamt legt der Autor eine sachkundige Analyse zentraler Fallstricke geschichtspolitischer Theoriebildung vor, die, wie seine Bestimmungen zeigen, auch bitter nötig ist. Hierbei ist, neben der systematischen Rekonstruktion Benjaminscher Begriffe, vor allem ihre Übertragung auf einen aktuellen Gegenstand positiv hervorzuheben. Denn zumeist verbleiben exegetische Ausführungen – in der Benjamin-Forschung insbesondere – in ihrer Sparte, anstatt über sie hinaus in politisch relevante Felder zu intervenieren. So macht Denschlag mit einem zentralen Motiv Benjamins ernst: der Verwendung vorgefundenen Materials – wenngleich dies nahezu auf begrifflich-theoretischer Ebene erfolgt.

Obschon der Versuch Benjamins Theoreme für gegenwärtige Problemkonstellationen zu aktualisieren in der Arbeit glückte, bilden ihre stärksten Passagen zugleich die größten Schwächen. Denn Denschlags Kritik am Gegebenen versäumt es, ihren normativen Standpunkt stringent auszuweisen; die Kontinuität der Geschichte allein deutet noch nicht auf ihre notwendige Stillstellung hin. So nimmt es nicht weiter Wunder, dass seine Analyse der Moderne, die mit marxscher Terminologie vorgeht, sich den Modi kapitalistischer Vergesellschaftung, kapitalistischer Verhältnisse überhaupt, nicht näher zuwendet. Die Kapitel zu Verdinglichung und Entfremdung begreifen zwar ihren Sachgehalt, bleiben darüber hinaus jedoch steril und konturlos. Denschlags Arbeit droht so die Fühlung mit ihren Sachgehalten zu verlieren und hinter die einstigen Erkenntnisse Kritischer Theorie zurückzufallen. Dies enttäuscht, birgt sie doch jene Potenziale zur Entfaltung einer Sprengkraft, um die Verkümmerung des Geistes durch falsche Theorie zum Einsturz zu bringen.

Felix Denschlag 2017:
Vergangenheitsverhältnisse. Ein Korrektiv zum Paradigma des „kollektiven Gedächtnisses“ mittels Walter Benjamins Erfahrungstheorie.
Transcript Verlag, Bielefeld.
ISBN: 9783837639056.
287 Seiten. 34,99 Euro.
Zitathinweis: Henning Gutfleisch: Geschichte und Erfahrung. Erschienen in: Neue Klassenpolitik. 47/ 2018. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1475. Abgerufen am: 25. 06. 2018 00:41.

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Felix Denschlag 2017:
Vergangenheitsverhältnisse. Ein Korrektiv zum Paradigma des „kollektiven Gedächtnisses“ mittels Walter Benjamins Erfahrungstheorie.
Transcript Verlag, Bielefeld.
ISBN: 9783837639056.
287 Seiten. 34,99 Euro.
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