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Grenzen von Geschlecht und Sexualität überwinden

Buchautor_innen
Justin Time, Jannik Franzen (Hg.)
Buchtitel
Trans*_Homo
Buchuntertitel
Differenzen, Allianzen, Widersprüche. Differences, Alliances, Contradictions.
Aufbauend auf einer Ausstellung im Schwulen Museum* Berlin werden Beiträge vorgestellt, die konventionelle Grenzziehungen von Sexualität und Geschlechtsidentität sprengen und zu politisieren versuchen.

Justin Times und Jannick Franzens „trans*_homo“ ist das Begleitbuch anlässlich der gleichnamigen Ausstellung, die vom 16. August bis zum 19. November 2012 im Schwulen Museum Berlin stattfand. Das Buch ist zweisprachig konzipiert und illustriert. Die Zusammensetzung des Inhalts orientiert sich an den konkreten Ausstellungsstücken, also an Ausschnitten aus Fotostrecken oder Fotografien von Kunstprojekten, aber beinhaltet auch wissenschaftliche Texte, die extra für den vorliegenden Band angefertigt wurden. Ein Glossar gibt auf zwei Seiten knappe Erklärungen zu einzelnen Begriffen, die in der Ausstellung sowie im Sammelband aufgegriffen wurden, etwa „cis-geschlechtlich“ oder „Passing“.

Inhaltlich bietet die Darstellung der audiovisuellen Installation von Anja Weber und Sabine Ercklentz einen ersten Einstieg: Zwei Portraits von Trans*Aktivist_innen und dazugehörige Zitate personalisieren trans*_homo und bewegen sich weg von einem Über-Andere-Sprechen hin zu einem Zuhören. Im darauf folgenden Artikel des Herausgebers Justin Time wird dieser Ansatz beibehalten: Er berichtet von seinen Erfahrungen in FrauenLesben- und in schwulen Räumen wie dem Online-Portal GayRomeo, und beschreibt Reaktionen auf seine beruflichen und geschlechtlichen Selbstbezeichnungen:

„Auch 15 Jahre nach meiner Ausbildung fällt es mir schwer zu sagen: ‚Ich bin Steinmetz‘. Aber ich muss es auch nicht. Die Definitionshoheit über meine Identität habe ich selbst, sie ist eine bewegliche und veränderliche Größe, die ‚Steinmetzin‘ und ‚er‘ zusammen denken kann“ (S. 36).

Nach zweigeschlechtlichen Maßstäben verwirrt in diesem Zitat die Zusammensetzung eines weiblichen Substantivs und eines männlichen Pronomens. Hier soll allerdings die Verwunderung und das Unverständnis gerade als irritierend ausgestellt werden: Die Wichtigkeit grammatikalisch eindeutiger Selbstbezeichnungen wird hinterfragt, das Beharren auf sie (von außen) problematisiert.

Jakob Lena Knebl präsentiert im Anschluss durch das abgebildete Portrait aus der Fotoserie „ich bin die anderen“, dass insbesondere bei Trans*Menschen ständig Eingriffe von außen auf deren Körperlichkeit und Identitäten stattfindet. Der Sammelband insgesamt bewegt sich zwischen der Thematisierung von Ungerechtigkeit und Transphobie aber auch Trans*Selbtbewusstsein und Empowerment. Persson Perry Baumgartinger antwortet in diesem Sinne mit einer Textperformance und schließt damit ab, dass Sprache als Widerstand zu begreifen sei, unterdrückende Verhältnisse zu verändern. Es wird also die Möglichkeit, über Sprache Veränderung zu erzielen, aufgezeigt. Jedoch bleibt diese vage, lässt den_die Leser_in mit sich alleine und fragt nicht nach ihren Grenzen. Gerade vor dem Hintergrund, dass „Gesellschaftsnormierungen“ und ein „politisches Potential“ von Sprachkritik angesprochen werden, fällt die Leerstelle auf, gesellschaftliche Veränderung als etwas zu verstehen, das zu einem bedeutenden Teil außerhalb von Sprache strukturiert, geprägt und daher auch veränderbar ist.

Auf der Suche nach dem „echten Mann“

Wer sich an diesem Teil des Begleitbuches noch fragt, was nun „trans*_homo“ oder „Gender Queer“ bedeuten soll, der_die wird mit Del LaGrace Volcanos Frage „Ich suche einen echten Mann. Haben Sie einen gesehen?“ konfrontiert, mit der Volcano Passant_innen dazu brachte, über Geschlechtsidentitäten kritisch zu reflektieren. Die gesellschaftlich fest verankerte Vorstellung von zwei Geschlechtern ist allerdings nicht der einzige, allein stehende Faktor für die Marginalisierung von Trans*Personen. Sie ist verflochten, also intersektional verwoben, etwa mit kapitalistischen, rassistischen oder ableistischen, also Menschen mit Behinderung diskriminierenden, Strukturen und damit einhergehenden Unterdrückungsformen. Auf eine Trans*Politik, die sich dieser Verstrickungen bewusst zeigt und entsprechende Bündnisse und Forderungen formuliert, pocht Dean Spade in dem Interview „Intersektionale Strategien der Solidarität“.

Gleichzeitig wird diese Form der koalitionsorientierten, aktivistischen Politik nicht als die einzige Möglichkeit von Trans* als Widerstand präsentiert. Dies wird exemplarisch von Sara Davidman in der Fotoserie „Jason: A Strong Man“ dargestellt: Jason ist schwanger mit einem Trans*Körper, lebt dies selbstbewusst aus, zeigt sich und seinen Körper in geschlechtlich unterschiedlich konnotierten Posen, spielt mit der Fluidität seines Geschlechts, welche insbesondere durch die Schwangerschaft hervorgerufen wird. Gegenüber der pathologisierenden und trans*feindlichen, aber gesellschaftlich weit verbreiteten Vorstellung, Trans*Personen sollten keine Kinder bekommen dürfen, setzt Jason die Schwangerschaft selbstbewusst in Szene ohne weibliche oder männliche Anteile in seiner Selbstdarstellung zu verstecken. Wenn solche gesellschaftlichen, teils aber auch rechtlichen Eingriffe auf die Lebensrealitäten von Menschen treffen, kommt es durch die starre Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit und die damit verbundene Selbsteinschränkung der Gesellschaft und der Rechtsprechung zu irritierenden, teils erfreulichen Effekten. So weist Adrian da Silva auf die Trans*_Homo-Ehe hin:

„Während eine Homo-Ehe zissexuellen Personen bisher stets vorenthalten wurde, können Trans*Individuen unter bestimmten Voraussetzungen, nämlich einer bestehenden Ehe vor der Personenstandsänderung, wählen zwischen einer Homo-Ehe oder einer mit weniger Rechten versehenen Eingetragenen Lebenspartnerschaft“ (S. 154).

Die Pathologisierung von Trans*

Rück- und Einblicke in die Pathologisierung von Trans* im deutschsprachigen Raum bieten unter anderem Justin Time und Jakob Schmidt sowie Ins A Kromminga. Diese Geschichten werden explizit aus Trans*Perspektive erzählt. Entsprechend unterwandern Justin Time und Jakob Schmidt das dominante, zissexuelle Verständnis von Wissenschaft, indem sie den Grundriss einer Gemeindeschule erfinden, daneben einen altmodisch-wissenschaftlich anmutenden Text stellen und behaupten, dass dort „Mädchen“ und „Knaben“ pathologisiert worden seien, während alle, die sich keinem Geschlecht hätten zuordnen wollen, als „Normale“ gegolten hätten.

Ulrike Klöppel und Jannik Franzen widmen sich in zwei weiteren Texten medizin- und rechtshistorischen Aspekten vom Umgang mit Trans*. Ulrike Klöppel beschreibt die entsprechenden Reformen in der DDR und bietet damit eine häufig vernachlässigte Aufarbeitung der Geschichte des realsozialistischen Staates. Jannik Franzen blickt auf die Traditionen pathologisierender Medizin aus einer Trans*Perspektive und legt damit offen, dass auch an dieser Stelle eine parteiische, politisch motivierte Kritik einer vermeintlich objektiven Erörterung mit fehlender Sichtbarmachen des eigenen Bezugs zum Thema bevorzugt wird. Dem entgegen setzt Jannik Franzen die Forschung von Trans* selbst, die ein wichtiger Schritt hin zu einer weniger herablassenden Forschung sein kann, die Medizin und Biologie nicht ausschließt. Anschließend daran kann Rainer Herrns medizinhistorische Erörterung zur Betrachtung von „Transvestitismus“ in klinischen Untersuchungen geknüpft werden. Er macht deutlich, dass es erst der Einordnung in Krankheitsregister sowie der pathologisierenden Begriffsgebung bedarf, um aus einer Verhaltensweise oder aus Identitäten so genannte „Störungen“ zu machen.

Fazit

Der Ausstellungsband „trans*_homo“ versucht, ein komplexes Themenspektrum einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen. Dazu hilft sowohl das Glossar zu Beginn des Buches als auch ein Fragebogen am Ende, der die Absurdität gesellschaftlicher Vorstellungen von Geschlecht sozusagen an sich selbst als nicht trans*-homo-Mensch erfahrbar macht. Zusätzlich hilfreich ist der zweisprachige Modus in englischer und deutscher Sprache. Viele der im Band angesprochenen Aspekte von trans*_homo verharren, etwa in den Gender Studies, in einem universitären, wissenschaftlichen Diskurs der für sehr vielen Menschen ein Ausschlusskriterium bildet. Es wird versucht den aufgeworfenen Themen angemessen zu begegnen und dabei vermittelnd zu bleiben. Dieser Versuch zeigt auf, dass es möglich sein kann, eine angemessene Bearbeitung mit weniger Ausschlüssen durchzuführen.

Die Darstellungen und Artikel in „trans*_homo“ haben einen eindeutigen, offen vertretenen politischen Impetus. Es geht nicht darum, Einblicke in Trans* und Homo* zu bekommen, sondern darum, aus der Perspektive von trans*_homo sprechen und auslegen zu lassen. Pathologisierendes Sprechen über Trans* gibt es genug, die Ausstellung sowie ihr Begleitheft setzen dem selbstbewusst die eigene Perspektive entgegen. Zu Beginn des Bandes fehlt eine greifbare Kontextualisierung, worum es sich bei diesem Buch handelt – nämlich auch um ein Begleitheft zu einer Ausstellung des Schwulen Museums Berlin. Doch auch kontextualisiert wirken die Artikel, Fotos und Ausstellungsberichte teils bruchstückhaft zusammengesetzt: Zwischen den Artikeln, Zitaten und Illustrationen fehlen inhaltliche Verbindungen, die aufgezeigt werden müssten. Hinzu kommen zahlreiche inhaltliche Redundanzen, die womöglich durch diese Bruchstückhaftigkeit mit beeinflusst sind. Die gesellschaftliche Herstellung von Geschlecht etwa und ihr grundsätzlicher Bezug zu Trans* hätte einmal erörtert werden, um dann in weiteren Artikeln vertieft dargestellt werden zu können, anstatt in zahlreichen Artikel eine erneute Erörterung desselben Sachverhalts abzubilden.

Ebenso wie die Ausstellung im Schwulen Museum* selbst ist das Buch „trans*_homo“ ein wichtiger Beitrag dazu, Trans*Lebenswelten sichtbar zu machen. Es gibt einen Impuls, über die häufig gesetzte Grenze zwischen Homosexualität und Trans* hinwegzudenken, weil sie der Realität ohnehin nicht standhalten kann.

Justin Time, Jannik Franzen (Hg.) 2012:
Trans*_Homo. Differenzen, Allianzen, Widersprüche. Differences, Alliances, Contradictions.
NoNo Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-942471-02-2.
288 Seiten. 14,90 Euro.
Zitathinweis: Patrick Henze (Patsy l'Amour laLove): Grenzen von Geschlecht und Sexualität überwinden. Erschienen in: Gesellschaft im Neoliberalismus. 29/ 2013. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1149. Abgerufen am: 24. 04. 2017 19:01.

Zum Buch
Justin Time, Jannik Franzen (Hg.) 2012:
Trans*_Homo. Differenzen, Allianzen, Widersprüche. Differences, Alliances, Contradictions.
NoNo Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-942471-02-2.
288 Seiten. 14,90 Euro.
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