Zum Inhalt springen
Logo

Islamfeindlichkeit in Deutschland

Buchautor_innen
Achim Bühl
Buchtitel
Islamfeindlichkeit in Deutschland
Buchuntertitel
Ursprünge | Akteure | Stereotype
Achim Bühl zeichnet in diesem Buch historische Islamfeindlichkeit bis hin zu modernen Ressentiments nach.
Rezensiert von Ismail Küpeli

Die Existenz einer Feindschaft gegenüber Muslimen in Deutschland wird, spätestens seit der Sarrazin-Debatte immer weniger in Frage gestellt. Dieser Befund wird durch empirische Untersuchungen (etwa des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld) bestätigt, in denen die Akzeptanz antimuslimischer Ressentiments durch breite Bevölkerungsschichten in Deutschland und Europa nachgewiesen wurde.

Allerdings bleiben viele andere Aspekte nach wie vor umstritten. So ist die Frage nach der richtigen Begriffswahl in der deutschsprachigen Literatur noch ein Streitpunkt. Je nach Autor, Erkenntnisinteresse und politischer Ausrichtung wird etwa von Islamophobie, Islamfeindschaft oder antimuslimischem Rassismus gesprochen, um einige der Begriffe zu nennen (Dagegen hat sich in der englischsprachigen Debatte „Islamophobia“ gegenüber anderen Begriffen eindeutig durchgesetzt). Aber auch die gesellschaftliche Relevanz dieser Feindschaft und die Vergleichbarkeit zum Antisemitismus werden kontrovers debattiert.
Achim Bühl, ein Teilnehmer dieser Debatten, hat jetzt seine politische Positionierung in einem Buch veröffentlicht. Das Buch selbst fällt in zwei Teile. Die erste Hälfte beschäftigt sich mit der historischen Islamfeindlichkeit und dem Islam selbst. Hier werden auf etwa 120 Seiten viele Themen angerissen: Die Kreuzzüge, die Türkengefahr im Mittelalter, Martin Luthers Antisemitismus und Islamfeindschaft, die Reconquista in Spanien, der Orientalismus, Karl May, Max Weber und die deutsch-türkischen Beziehungen. Es schließt sich ein kürzeres Kapitel an, in dem betont wird, inwiefern Islam ein Teil der europäischen Kultur und eine dem Christentum und Judentum verwandte Religion ist – mit der Absicht, die Konstruktion des Islams als anders und fremd zu durchbrechen.

In dieser ersten Hälfte sind neben einigen interessanten Überlegungen, wie etwa über die Bedeutung der Reconquista für weitere Entwicklungen von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, leider viele Mängel festzustellen. Erstens ist die Auswahl der Quellen und Literatur sehr fragwürdig. Die umfassende wissenschaftliche Literatur wird zu selten berücksichtigt, es wird überwiegend aus beliebigen Internetseiten geschöpft. Zweitens ist die Wahl, Verknüpfung und Gewichtung der Aspekte, die in den Kapiteln über die historische Islamfeindlichkeit behandelt werden, nicht nachvollziehbar. Sprunghaft werden einzelne Diskurse und Debatten zu den jeweiligen Jahrhunderten erwähnt, ohne dass ein roter Faden und Verbindungslinien sichtbar werden. Ob und wie Akteure aus diesen Debatten sich aufeinander bezogen haben, wird nicht näher ausgeführt. So bleibt die Begründung für die These, dass hier eine tausend Jahre alte Islamfeindlichkeit festzustellen sei, eher dürftig.

Wesentlich anregender und interessanter ist die zweite Hälfte, die sich um die moderne Islamfeindlichkeit dreht. Zwar ist auch dieser Teil eher eine politische Positionierung als eine wissenschaftliche Untersuchung und auch hier ist die Auswahl und Qualität der verwendeten Quellen und Literatur stellenweise fragwürdig. Des Weiteren werden Begriffe wie „Antimohammedanismus“ kreiert, die sich weder in der wissenschaftlichen noch in der öffentlichen Debatte wiederfinden lassen. Hier wäre es sinnvoller gewesen, den wissenschaftlichen Forschungsstand für die öffentliche Debatte zu übersetzen – also eine Vereinfachung und Entdifferenzierung der wissenschaftlichen Debatte zu leisten. Stattdessen werden weitere Themen angeschnitten, die dann vielfach unzureichend diskutiert werden. So werden auf gerade Mal einer Seite der islamische Antisemitismus und der „islamfeindliche Antisemitismusvorwurf“ angerissen. Eine solche Vorgehensweise führt eher zu Verwirrungen als zur Klärung kontroverser Themen.

Aber immerhin: Der Autor konzentriert sich mehrheitlich auf die Islamdebatte in Deutschland und leistet hier eine fundierte Kritik an antimuslimischen Ressentiments. Bühl schießt dabei manchmal über das Ziel hinaus, wenn er etwa die entwicklungspolitische Gruppe Aktion 3. Welt Saar als rassistisch bezeichnet und ihr eine ideologische Nähe zu Samuel Huntington und dem „historischen Sendungsbewußtsein des imperialistischen Kolonialismus“ (S. 253) unterstellt. Abgesehen von solchen Merkwürdigkeiten findet sich vielfach eine engagierte politische Positionierung gegen Islamfeindlichkeit. Die Akteure und Positionierungen in der Islamdebatte werden aufgeschlüsselt, als islamfeindlich eingestufte Inhalte verrissen. Die deutliche Benennung und die übersichtliche Darstellung geht zwar auf Kosten einer ausdifferenzierten wissenschaftlichen Analyse, ist aber für die politische Debatte durchaus vorteilhaft.

Insgesamt scheint es fast so, als würde sich die Islamdebatte in diesem Buch widerspiegeln. So finden sich hier ebenfalls dürftig belegte Behauptungen und falsche Verknüpfungen neben überzeugenden Analysen und nachvollziehbarer Kritik. Die methodischen und inhaltlichen Mängel in der ersten Hälfte und manche allzu polemische Formulierung in der zweiten Hälfte des Buches bieten offene Flanken für Verrisse, wie sie in der FAZ (4. April 2011) zu lesen waren – und können auch von wohlwollenden Lesern kaum übersehen werden. Eine Konzentration auf die Debatten in Deutschland wäre die richtige Entscheidung gewesen, die leider versäumt wurde.

**

Eine kürzere Fassung dieser Buchrezension erscheint in der iz3w (Nr. 325, Juli/August 2011)

Achim Bühl 2010:
Islamfeindlichkeit in Deutschland. Ursprünge | Akteure | Stereotype.
VSA-Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-89965-444-8.
320 Seiten. 22,80 Euro.
Zitathinweis: Ismail Küpeli: Islamfeindlichkeit in Deutschland. Erschienen in: Zeichen des Aufstands. 4/ 2011. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/904. Abgerufen am: 23. 09. 2017 00:27.

Zur Rezension
Rezensiert von
Ismail Küpeli
Veröffentlicht am
26. Mai 2011
Erschienen in
Ausgabe 4, „Zeichen des Aufstands” vom 26. Mai 2011
Eingeordnet in
Schlagwörter
Zum Buch
Achim Bühl 2010:
Islamfeindlichkeit in Deutschland. Ursprünge | Akteure | Stereotype.
VSA-Verlag, Hamburg.
ISBN: 978-3-89965-444-8.
320 Seiten. 22,80 Euro.
Newsletter