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Kritik der nationalen Identität

Buchautor_innen
Jean-Luc Nancy
Buchtitel
Identität
Buchuntertitel
Fragmente, Freimütigkeiten
Jean-Luc Nancy untersucht die philosophische Tragweite der französischen Debatte um „nationale Identität“.
Rezensiert von Adi Quarti

Jean-Luc Nancy, letzter noch lebender der von Alain Badiou als Strasbourger Schule bezeichneten Denkrichtung, analysiert in einem neuen kleinen Band die schlecht geführte Debatte über nationale Identität in unserem Nachbarland. Diese Debatte wurde vom derzeitigen Staatschef Sarkozy im März 2010 mit den Worten eingeleitet: „Ich will deftigen Rotwein.“

Billigen Rotwein also, der Flecken mache, möglichst mit einem guten Stück Camembert und Baguette, um das Klischee plastisch zu machen. Warum aber schlägt man uns vor, über nationale Identitäten zu diskutieren (in Deutschland etwa unter dem Emblem der „Leitkultur“) ? Sind diese verloren gegangen, unauffindbar verschwunden und unwiederbringlich aufgegangen in Europa, welches selbst keinerlei Identität mehr hat? Jenes Europa der Aufklärung, der Arbeiterbewegungen, der Kathedralen, etc.? Und überhaupt: Was sei mit den Bretonen, Elsässern, Korsen, Okzitaniern, Basken, Burgundern, Normannen, usw.? Hinter der Fiktion von Völkern und Nationen verbergen sich schlicht Arme und Reiche, überall herrschen Teilungen, Spezifizierungen, Unterscheidungen, selbst in den großen „Reichen“.

So auch in Frankreich, dessen Name sich von dem Germanenstamm der Franken ableitet, worüber man in Frankreich nicht immer glücklich war. Franzose zu sein ist für Nancy kein leerer Ausdruck, aber er höre immer auch etwas vom Ruf „Proletarier aller Länder...“, um so mehr als wir heute besser als Marx verstehen können, „wie die Superreichen aller Länder wie Pech und Schwefel zusammenhalten“ (S. 46). Der Autor weist in einer Anmerkung bescheiden darauf hin, dass inzwischen eine Petition für die Auflösung des „Ministeriums für die nationale Identität“ eingereicht wurde, welche er mit unterschrieben habe.

Jedoch wie nebenbei und ohne ihn zu nennen, verweist der Text auf den Film Freie Zone (Zone Libre, F 2007) von Christophe Malavoy, in dem 1942 in der von den Deutschen unbesetzten Zone ein katholischer Weinbauer einer jüdische Familie Unterschlupf gewährt. Hier prallen die unterschiedlichsten Identitäten aufeinander und – es wird viel erzählt über die Solidarität zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft, die doch Franzosen sind. Welches Frankreich also ist gemeint? Die Boches (die Deutschen) immerhin seien verschwunden und doch streiken die Franzosen gegen die Erhöhung der Lebensarbeitszeit auf 62 Jahre, wo sie in Deutschland auf 67 Jahre ausgeweitet wurde. Europa gleiche so gesehen einer verstörten Nymphe, die auf ungewissen Wellen entführt wird, beunruhigt von der Bedrohung, in ihnen das untergehen zu sehen, was ihr an Identität blieb. Frank und frei könne man also behaupten, es handle sich hier um einen Phantomschmerz, wären seine Auswirkungen nicht so weitreichend.

Jean-Luc Nancy 2010:
Identität. Fragmente, Freimütigkeiten.
Passagen Verlag, Wien.
ISBN: 9783851659580.
88 Seiten. 11,90 Euro.
Zitathinweis: Adi Quarti: Kritik der nationalen Identität. Erschienen in: 140 Jahre Commune. 2/ 2011. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/891. Abgerufen am: 23. 09. 2017 00:26.

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Jean-Luc Nancy 2010:
Identität. Fragmente, Freimütigkeiten.
Passagen Verlag, Wien.
ISBN: 9783851659580.
88 Seiten. 11,90 Euro.
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