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Lenin heißt jetzt Jesus

Buchautor_innen
Sabine Rennefanz
Buchtitel
Eisenkinder
Buchuntertitel
Die stille Wut der Wendegeneration
Sabine Rennefanz liefert einen Seelentrip in ihre eigene Extremismustheorie.
Rezensiert von Friedrich Burschel

Erst kürzlich hat die Vorstellung, die jugendliche DDR-Generation der Wende sei für die Lockungen „extremer“ Art der Zeit danach in besonderer Weise prädestiniert gewesen, neue Nahrung erhalten. Der geständige Angeklagte im NSU-Prozess Carsten Schultze hatte ebenso wie der teilgeständige Holger Gerlach, beide aus dem thüringischen Jena, auf die DDR-Sozialisation verwiesen, auf die Begeisterung für die Kinder-Uniform mit rotem Halstuch und das ganze Pionier-Gedöns als prägendes Moment ihrer Entwicklung. Den Zusammenhang zu seiner Nachwende-Metamorphose zum Neonazi beschreibt Gerlach so: „Unsere ganze Szene stellte damals auf diesen vermeintlichen Kameradschafts-Wert ab. Und aus meiner ganzen Jugenderziehung – Jungpioniere, Thälmannpioniere, FDJ – hatte ich gelernt, dass es wichtig sei, für andere einzustehen“. Sicher hatten ihre Verteidiger zu solchen Formulierungen geraten, um einen Teil der Schuld der überwundenen DDR, den Kommunisten halt, aufzubürden.

Wie vor 20 Jahren der unsägliche Kriminologe Christian Pfeiffer das gemeinsame Töpfchen-Sitzen der DDR-Kindergarten-Kinder als Ursprung des angeblich vor allem in Ostdeutschland grassierenden Neonazismus erkannt haben will, so kann im Grunde bis heute jeder Aspekt der DDR-Geschichte in totalitarismustheoretischer Manier so hingedreht werden, dass er alles Mögliche und Unmögliche erklären kann, nämlich wie es zur rassistisch marodierenden „Generation Hoyerswerda“ kam, aber auch, warum DDR-Jugendliche fundamentalistischen Evangelikalen auf den Leim kriechen konnten. Das jedenfalls versucht uns Sabine Rennefanz mit ihrem Selbstfindungsbuch „Eisenkinder“ einzureden. Dabei muss sie ihre eigene peinliche Geschichte nicht nur mit der DDR-Vergangenheit erden, etwa wenn sie während ihrer Taufe unter Wasser „Mein erstes Pionierhalstuch. Meine Jugendweihe...“ an sich vorüberziehen sieht (S. 157). Nein, in zunehmend penetranter Weise flanscht sie sich an die NSU-Terrorist_innen dran, um ihre eigene furchtbar banale Fundamentalistinnen-Story verkaufsfördernd aufzuladen. Was dabei herauskommt ist ausgesprochener Quark.

Die im Ton schlauer Reportagen gehaltene autobiografische Erkundung ist getragen von der eher durchsichtigen Larmoyanz einer zur „unverstandenen Generation“ verallgemeinerten Gruppe von Wendeverlierer_innen: „Jammer-Ossi“ reloaded gewissermaßen. Dabei ist das stärkste Argument gegen das Rennefanz-Elaborat auch das banalste und unterdessen oft wiederholte: Es ist eher eine verschwindende Minderheit einstiger jugendlicher DDR-Bürger_innen gewesen, die nach der Wende in der Weise den Halt verloren hat, dass sie zu gewalttätigen Nazis wurden oder eben, wie Rennefanz, in obskuren Sekten ihr Heil suchten. Der Rest waren und sind so normale Rassist_innen wie die Wessis auch. Und der Prozentsatz westdeutscher junger Leute, die sich ähnlich entwickelt haben, dürfte ungefähr proportional gewesen sein: Die hunderten Pogrome, Anschläge und rassistischen Morde der Nachwendejahre waren flächendeckend über das ganze wiedervereinigte Land verteilt.

Natürlich hat der Bruch der Wende abertausende DDR-Leben durchgeschüttelt wie eine Katastrophe, die Jugendlichen sahen ihre Eltern gescheitert und gedemütigt, das eigene angefangene Leben im untergegangenen Staat verursachte viel Wut und Frustration, welcher der neue, vielversprechende Staat kaum etwas entgegenzusetzen oder als Alternativen anzubieten hatte. Das rassistische „anything goes“ der frühen Wendejahre mochte den Täter_innen und dem Beifall klatschenden Mob Bestätigung sein für sein Wüten gegen alles, was nicht in das neue nationale Selbstwertgefühl passte – Linke, Nicht-Deutsche, Jüdinnen und Juden, Menschen mit Behinderung, im Nazi-Jargon als „Assis“ diffamierte Obdachlose und so weiter: „Die Steinewerfer konnten sich im Einklang mit dem Rest der Gesellschaft fühlen“, repetiert Rennefanz also noch einmal für uns (S. 105) und nimmt dabei auf das verdienstvolle, aber durchaus angejahrte „Gefühlsstau“-Buch von Hans-Joachim Maaz von 1990 (beziehungsweise die Neuauflage von 2010) Bezug.

Was das aber mit ihrem Abrutschen in christlichen Fundamentalismus zu tun hat, bleibt unklar und blubbert floskelhaft in einer reichlich redundanten Extremismussauce vor sich hin: Der DDR-Alltag, so eines ihrer Lieblingsbilder, war ein – nun ja – „Indianerspiel“, wo alle mitgespielt hätten, obwohl sie wussten, dass es Quatsch gewesen sei. Mehr noch: Sie wiederholt allen Ernstes die schon damals ärgerliche Argumentation derer, die verständnisinnig zu erklären versuchten, weshalb der neue Ost-Bürger so ungehalten auf „Fremde“ reagierte: „Im Nachhinein könnte man fragen, wer die kuriose Idee hatte, tausende Flüchtlinge ausgerechnet in eine Gegend des Landes zu schicken, in der die Menschen selbst gerade dem Zugriff eines diktatorischen Systems entkommen waren“ (S. 103). Weshalb die Diktaturgeschädigten dann nicht eher solidarisch waren mit anderen Verfolgten, kommt als Frage offenbar gar nicht in Betracht: Dass sie im Taumel nationaler Wiedergeburt und unter kräftigem Schüren rassistischer „Überfremdungsängste“ stattdessen auf alles losgingen, was nicht in ihr Bild passte, scheint nur zu verständlich zu sein. Dass das in Mölln, Solingen und Mannheim ebenso geschah wie in Hoyerswerda, Rostock oder Eberswalde, fällt Rennefanz nicht auf.

Und dann wird der ganze Quark noch deftig abgeschmeckt: „Sechs Jahre nach der Wende sehnte ich mich nach Vorbildern, nach einem Halt, nach einer Orientierung“ (S. 138). Wenn da die christliche Erweckerin „eine clevere Neonazi-Frau gewesen wäre, oder eine radikale Muslimin, hätte sie mich vielleicht ganz genauso auf ihre Seite gezogen“, bekennt Rennefanz und gibt damit den Blick frei auf ihre psychopathologische Disposition, die allem „Extremen“ verfallen mochte. Denn auch der sie prägende DDR-Kommunismus „funktionierte wie eine Religion, mit Merksätzen, Heiligenfiguren und einem Heilsversprechen“: „Mein neuer Lenin hieß Jesus“ (ebd.) – gähn!

Ja, und was für die Jenaer Nazis „die Altnazis“ waren (wer immer damit gemeint sein mag) war für sie der Erweckungsprediger in Hamburg: alles eins! So schlägt sie endlich den Bogen, um sich mit den verirrten Nazis zur Schicksalsgemeinschaft Ost zu vereinen. Klar: „Ich hatte keine Baseballschläger, ich hatte nur Worte. Aber jedes Wort saß. Jedes Wort war ein Schlag“ (S. 187) – aber sonst war alles genauso wie bei Böhnhardt und Mundlos? Mehr noch: „Ich verstehe im Rückblick, wieso zweimal hintereinander auf deutschem Boden Diktaturen entstehen konnten“, deklariert Rennefanz einen Durchblick, den sie in diesem Wirrwarr von irgendwie passend und „nachdenklich“ klingenden Floskeln nie hat. Vollends das Schlusskapitel, wo sie ihre Teilhabe an der „Generation Nazi“ bejammert, trieft vor Selbstmitleid: „Ist das alles, was meine Generation ausmacht: Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe als Pin-Ups der letzten Generation der DDR?“ (S. 241) Ihr über weite Strecken ärgerlich einfältiges Buch trägt dazu sicher bei und schmeichelt sich einem Mainstream ein, der sie auch gleich mit dem Deutschen Reporterpreis behängt: Hier entsteht eine neue Gemeinschaft, der sie sich dann wohl endlich zugehörig fühlen darf.

Sabine Rennefanz 2013:
Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration.
Luchterhand Literaturverlag, München.
ISBN: 978-3-630-87405-0.
256 Seiten. 16,99 Euro.
Zitathinweis: Friedrich Burschel: Lenin heißt jetzt Jesus. Erschienen in: Umkämpfte Migration. 30/ 2013. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1175. Abgerufen am: 29. 05. 2017 00:02.

Zum Buch
Sabine Rennefanz 2013:
Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration.
Luchterhand Literaturverlag, München.
ISBN: 978-3-630-87405-0.
256 Seiten. 16,99 Euro.
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