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Nationalismus dekonstruieren!

Buchautor_innen
Savaş Taş
Buchtitel
Der ethnische Dominanzanspruch des türkischen Nationalismus
Taş analysiert den türkischen Nationalismus als Ideologie und dekonstruiert seine Komponenten. Dabei werden sowohl die historischen Ursprünge als auch die gegenwärtigen Tendenzen dargestellt.
Rezensiert von Ismail Küpeli

Die deutschsprachige Debatte um den türkischen Nationalismus dreht sich mehrheitlich um die Re-Ethnisierungstendenzen der türkischen MigrantInnen in Deutschland. Dabei werden recht schnell Bilder von geschlossenen Parallelgesellschaften konstruiert, die von Nationalismus und religiösem Fundamentalismus geprägt seien. Es ist begrüßenswert, dass Taş keinen Beitrag zu dieser Debatte leistet, sondern die ideologischen Komponenten des türkischen Nationalismus analysiert. Auch eine weitere inhaltliche Sackgasse wird in dieser diskursanalytischen Dissertation vermieden: Während vielfach türkischer Nationalismus lediglich als eine „rechtsextreme“ Ideologie verstanden wird, bezieht Taş sowohl die staatstragende Fassung als auch die Variante, wie sie von der rechten Milliyetçi Hareket Partisi (MHP, „Partei der Nationalistischen Bewegung“) vertreten wird, in seine Analyse ein.

Das Buch basiert auf zwei Säulen: Zum Ersten wird die historische Entwicklung des türkischen Nationalismus über die Spätphase des Osmanischen Reiches bis heute knapp dargestellt. Der türkische Nationalismus entstand als Projekt von aufstrebenden politischen und militärischen Eliten, die zuerst von der Führung des Osmanischen Reiches abgelehnt wurde und mit anderen Konzepten wie etwa Panislamismus und Osmanismus (als eine territoriale und geschichtliche Identität der gesamten Reichsbevölkerung) konkurrierte. Erst mit Machtübernahme der Jungtürken konnte sich der türkische Nationalismus als Staatsideologie durchsetzen. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und damit der Sturz der Jungtürken haben dazu geführt, dass die anschließende kemalistische Herrschaft die pantürkistischen Komponenten begrenzte und sich auf die Homogenisierung der Türkei in seinen jetzigen Grenzen konzentrierte. Die Beziehungen des Kemalismus zu der jungtürkischen Ideologie, zum Pantürkismus und biologischen Rassismus blieben ambivalent und es bildeten sich radikalere Tendenzen des Nationalismus, die je nach innen- und außenpolitischer Lage von der Staatsführung gefördert oder bekämpft wurden.

Der eigentliche wissenschaftliche Mehrwert der Dissertation besteht allerdings in der kritischen Analyse von türkischen Tageszeitungsartikeln, um Bestandteile des gegenwärtigen türkischen Nationalismus herauszufiltern. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den verschiedenen nationalistischen Tendenzen herausgestellt. Eine Grundannahme der türkischen Nationalisten ist es, dass die türkische Nation permanent von ausländischen Mächten bedroht wird und die innenpolitischen Probleme, insbesondere seitens der nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen, auf die Aufwiegelung der fremden Mächte zurückgehen. Diese Bedrohungen können nur dadurch abgewehrt werden, indem die türkische Nation eine organische Einheit bildet und den eigenen Staat ohne Vorbehalte unterstützt. Aus dieser nationalistischen Perspektive werden sowohl die kurdischen Ansprüche nach Gleichberechtigung und Freiheit als auch etwa die Forderungen nach einer Anerkennung des türkischen Genozids an den Armeniern 1915 als Komplotte von fremden Mächten angesehen. Die Unterschiede zwischen dem staatstragenden Nationalismus und dem Nationalismus der MHP bestehen unter anderem darin, dass die MHP nach wie vor stärker pantürkistisch und turanistisch auftritt als der türkische Staat. Ein weiterer Unterschied betrifft die Einbeziehung des Islams als Teil der türkischen Kultur. Abschließend werden die historische Darstellung und die Textanalyse hinsichtlich der Kernelemente des türkischen Nationalismus zusammengebracht. So etwa lässt sich das Szenario der permanenten Bedrohung durch ausländische Mächte darauf zurückführen, dass der türkische Nationalismus in der Spätphase des Osmanischen Reiches entstand und sich von Anfang an stark mit der Frage auseinandersetzte, wie der Staat „gerettet“ werden kann und wie die Ansprüche von nicht-türkischen Bevölkerungsgruppen im Reich zurückgedrängt werden können. In dieser Phase haben die europäischen Mächte sich politisch, ökonomisch und militärisch mit dem Osmanischen Reich auseinandergesetzt. Diese historische Situation prägte den türkischen Nationalismus entscheidend.

Manch eine oder einer mag bedauern, dass zu den organisatorischen und personellen Aspekten wenig zu lesen ist: So wird etwa keine umfassende Historie der MHP oder ihrer führenden Figuren geliefert. Dieser vermeintlicher Mangel ist aber eher ein Vorzug der Dissertation: Erst durch die Konzentration auf die ideologischen Aspekte gelingt es Taş den gegenwärtigen türkischen Nationalismus zu dekonstruieren und die Ursprünge der einzelnen Komponenten zu skizzieren. Die diskursanalytische Arbeit überzeugt und ist sehr lesenswert.

Savaş Taş 2012:
Der ethnische Dominanzanspruch des türkischen Nationalismus.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-908-3.
255 Seiten. 29,90 Euro.
Zitathinweis: Ismail Küpeli: Nationalismus dekonstruieren! Erschienen in: Polizei im Rassismus. 21/ 2012. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1062. Abgerufen am: 24. 11. 2017 15:32.

Zur Rezension
Zum Buch
Savaş Taş 2012:
Der ethnische Dominanzanspruch des türkischen Nationalismus.
Westfälisches Dampfboot, Münster.
ISBN: 978-3-89691-908-3.
255 Seiten. 29,90 Euro.
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