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Trans* mal anders

Buchautor_innen
kollektiv sternchen & steine (Hg.)
Buchtitel
Begegnungen auf der Trans*fläche
Buchuntertitel
reflektiert 76 Momente des transnormalen Alltags
Das Buch beschreibt in Geschichten und Anekdoten den Alltag von Trans*Menschen und zeigt auch ohne abstrakt-theoretische Konzepte, wie absurd und schwerwiegend die Zweiteilung von Geschlecht sein kann.
Rezensiert von Franziska Plau

Mädchen und Junge, Frau und Mann: zwei gegensätzliche Kategorien, die uns seit frühester Kindheit begleiten und unsere Wahrnehmung und unser Zusammenleben prägen wie kaum andere. Eine „Frau“ hat „weiblich“ auszusehen und sich auch so zu verhalten – was auch immer das für die jeweilige Zeit (oder überhaupt) bedeuten mag. Doch was, wenn ein Mensch mit einem weiblichen Körper keine „Frau“ sein möchte? Oder ein „Mann“ sich nicht „männlich“ verhalten will?

Den Alltag von in dieser Hinsicht unangepassten Menschen beschreiben die vielen kleinen Geschichten in „Begegnungen auf der Trans*fläche“. In dem Buch erzählen die anarchistischen, autonomen und queerfeministischen Trans*menschen des Kollektivs sternchen und steine auf angenehm unverkrampfte Weise von ihren Erlebnissen mit der Mehrheitsgesellschaft.

Die Bezeichnung Trans* geht zunächst auf Transsexuelle zurück, Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht dem zugewiesen (biologischen) Geschlecht entspricht. Hinzu kamen transgender, welches sich auf das soziale Geschlecht, also „typische“ Verhaltensmuster und Rollenklischees bezieht, sowie transident. Das Sternchen steht dabei für verschiedene mögliche Endungen, fasst also zum einen zusammen, betont aber auch gerade die Offenheit.

Ganz normaler Alltag

Wie sehr in unserer Gesellschaft zwei Geschlechter, die eindeutig bestimmt werden können, die Norm sind, wird in den kurzen Geschichten und Anekdoten des Buches ziemlich offenbar. Das fängt schon mit den alltäglichsten „Normalitäten“ an: der Toilettengang („Das ist aber nicht die Damentoilette“), ein Schwimmbadbesuch (vor dem haarigen „Monster“ aus der Dusche fliehende Frauen), Ausweisvorzeigen an der Supermarktkasse („Das bist du nicht!“). Die Schilderungen machen bewusst, wie sehr alles von dem Konstrukt der binären Geschlechtsaufteilung durchzogen ist und wie wenig wir uns dessen oftmals bewusst sind – und wie selten wir darüber nachdenken, was dies für Menschen bedeutet, die sich nicht in Kategorie „Frau“ oder „Mann“ einordnen können und wollen.

Gleichzeitig wird ein Eindruck von den zahlreichen Hürden vermittelt, die von offiziell-rechtlicher Seite in den Weg zu einer akzeptierten Wunschidentität gelegt werden. Um den Namen zu ändern, Operationen oder Hormonbehandlungen von der Krankenkasse bezuschussen zu lassen, sind zum Beispiel ärztliche und psychologische Gutachten erforderlich. Eine Geschichte ist daher mit „Mein neues Vollzeithobby“ betitelt und beschäftigt sich mit der Frage: „Wieviele Arztbesuche pro Quartal bei möglichst unterschiedlichen Ärzten schaffe ich, ohne irgendwas zu erreichen?“ (S. 85). Natürlich sind gerade solche bürokratischen Stellen Grund für nervenaufreibende Auseinandersetzungen, aber auch Anlass für einige aberwitzige Anekdoten. Eine davon beschreibt das Telefongespräch einer Trans*person mit einer Mitarbeiterin der Krankenkasse, bei der sie bereits unter ihrem (neuen) männlichen Namen geführt wird. Verwirrt wegen der als weiblich wahrgenommenen Stimme, erkundigt sich die Angestellte, ob es denn um den Ehemann ginge – was angesichts der Tatsache, dass sich das Gespräch um eine Mastektomie (Brustentfernung) drehte, wohl auch nicht viel mehr Sinn ergibt.

Auch wenn Schwierigkeiten und Verletzungen in vielen Episoden aufscheinen, bleiben psychische und physische Gewalterfahrungen in dem unterhaltsam gehaltenen Buch weitestgehend nebensächlich. Vielmehr werden die häufig absurden Begebenheiten des Trans*alltags auf witzige Weise erzählt. Das Anliegen des Herausgeber_innenkollektivs ist es, „all diese Momente, die wir oftmals alleine erleben, miteinander zu teilen und auch mal darüber zu lachen“ (S. 7). Der moralisierende Zeigefinger wird damit ausgespart, vielmehr sind es die konkreten Beispiele aus der Praxis, die zum Nachdenken anregen und Aha-Effekte hervorrufen. Manche Erlebnisse münden dann auch in ironische Resümees, wie: „Wenn ich als 'ordentliche Cisfrau' (Nichttrans*frau) durchgehen will, sollte ich keine pinke Perücke tragen. Solange ich nur 'kein Transjunge' sein will, erfüllt sie durchaus ihren Zweck.“ (S. 52)

Trans* und links

Auch die Erfahrungen mit Personen aus dem näheren Umfeld, der eigenen Familie oder der linken/queeren Szene spiegeln, wie verhaftet wir in unserem Kategoriendenken sind und wie voreilig mit bestimmten Schlüssen und Aussagen. In einem Beispiel aus dem Buch, korrigiert eine Person einer dritten gegenüber immer wieder das einen anwesenden Trans*menschen bezeichnende Pronomen – nichts ahnend, dass sie damit völlig in die verkehrte Richtung zielt.

Eine Erkenntnis ist besonders wichtig: auch Kreise mit einem herrschaftskritischen Anspruch sind nicht automatisch herrschaftsfrei. Ignoranz (re)produziert Ausschlüsse und Diskriminierung – auch bei „gutgemeinten“ Handlungen. In diesem Sinne kann ein selbstkritisch geschriebener Beitrag nicht nur an die queere Szene adressiert verstanden werden, sondern uns alle betreffen:

„Subversive Praxis könnte sein, (…) im Alltag die Finger in die Wunden zu legen, das zu benennen, was stillschweigend ausgeblendet wird – dass die Produktion der bipolaren Geschlechter einer Gewalttätigkeit zugrunde liegt, die eines Widerstandes bedarf und nicht der Suche nach Anerkennung. Diese kann es gar nicht geben, weil das einer Veränderung gleichkäme, welche die Basis und Existenzberechtigung der Gesellschaft komplett in Frage stellen würde.“ (S. 67)

Das Buch bietet eine wunderbare Grundlage, die eigene Position zu reflektieren und das alltägliche „Normale“ zu hinterfragen. Die Bedürfnisse und Ansprüche, die dabei an die_den Leser_in herangetragen werden, sind vielfältig individuell. Leicht kann deswegen nach der Lektüre eine Verunsicherung ob des „korrekten“ Verhaltens entstehen. Hilfreich ist ein angehängter „Theorieteil“, der Hinweise gibt, was okay ist und was gar nicht klar geht. Pauschalantworten gibt es aber nicht, und so bleiben manche Kritik und Aussagen in den Geschichten unterschiedlicher Autor_innen durchaus ein wenig widersprüchlich. Auch an sich solidarisch gesinnte Mitmenschen werden kritisiert, deren Verhalten teilweise wahrscheinlich einfach auf Unwissenheit und Unsicherheit basiert. Das Buch ist in jedem Fall ein guter Anfang, diese eine wenig aufzuklären. Zu hoffen bleibt, dass es von vielen und nicht nur von den ohnehin Interessierten gelesen wird.

kollektiv sternchen & steine (Hg.) 2012:
Begegnungen auf der Trans*fläche. reflektiert 76 Momente des transnormalen Alltags.
Edition Assemblage, Münster.
ISBN: 978-3-942885-12-6.
128 Seiten. 9,80 Euro.
Zitathinweis: Franziska Plau: Trans* mal anders. Erschienen in: Sommerausgabe. 20/ 2012. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1045. Abgerufen am: 21. 01. 2018 07:31.

Zum Buch
kollektiv sternchen & steine (Hg.) 2012:
Begegnungen auf der Trans*fläche. reflektiert 76 Momente des transnormalen Alltags.
Edition Assemblage, Münster.
ISBN: 978-3-942885-12-6.
128 Seiten. 9,80 Euro.
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