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Ulrike Meinhof

Buchautor_innen
Jutta Ditfurth
Buchtitel
Ulrike Meinhof
Buchuntertitel
Die Biographie
Jutta Ditfurth gelingt es, in ihrer Biographie Ulrike Meinhofs immer noch unbekannte Details aus dem Leben der politischen Kämpferin auszugraben und mitzuteilen.
Rezensiert von Fritz Güde

Noch ein Buch über das Leben und den Kampf der Ulrike Meinhof? - Ja, noch eines, und eins, das immer noch Lücken schließt. Jutta Ditfurth hat dafür nach eigenen Angaben vier Jahre lang recherchiert.
Das Rätsel Meinhof, wie es sich den Aust, Fest und Röhls darstellt: Wie konnte eine aus ihren Reihen, eine der erfolgreichsten Schreiberinnen, desertieren? Die Schreibmaschine wegstellen und zum Sprengstoff greifen. Was all die wohlmeinenden Kritiker vor allem schmerzte: Damit schien ihr eigenes Handwerk, das der Aufklärung über Sprache und Schrift, wie sie es sahen, beschimpft und entwertet.

Gerade dieses Rätsel war anderen im Jahre 1970 überhaupt keines. Hatte sich nicht für all die Studienräte, kleinen Profs und Mini-Schriftsteller das Reden nicht nur als wirkungslos erwiesen, sondern als Beschönigung des mitleidlosen Mahlens der Maschine. Die Tatsache, dass man dieses immerhin - in Grenzen - kritisieren durfte, ohne dass sich das geringste änderte, diente auch noch als Beschönigung der Unterdrückung, der wachsenden Repression. Weg vom Gelaber - hin zur Propaganda der Tat!

Von daher die große Sympathie, die Meinhofs Schritt in die Illegalität von Anfang an genoss. Von der Gegenseite wurde ihr Sprung aus dem Fenster der Bibliothek, Andreas Baader nach, als Kurzschlussreaktion abgetan: Nach dem Sprung konnte sie halt nicht anders und - so die herrschende Darstellung - geriet ins Schlepptau des höllischen Paars - Andreas und Gudrun. Eines der Verdienste des Buchs von Jutta Ditfuth ist es, mit der These vom Unüberlegten aufzuräumen. Immerhin war ein Hypothekenbrief über vierzigtausend Mark in die Bibliothek mitgenommen worden. Auch waren ansatzweise Verfügungen über das Verbleiben der Kinder getroffen, die leider nur noch nicht notariell festgeklopft waren. So konnte Papa Röhl sich die Kinder per einstweilige Verfügung sichern und nach ihnen polizeilich fahnden lassen. Ebenso wird durch Ditfurth die Story von der kaltherzigen Mutter stark korrigiert, die die Kinder ins jordanische Waisenhaus hätte verfrachten lassen wollen. Auch der Aufenthalt in Sizilien, aus dem der heldische Aust die kleine Bettina und Regina befreite, stellt sich ziemlich anders dar. Vor allem nicht als endgültiges Abschieben. Nach Ditfurths Darstellung kam Ulrike Meinhof nur Stunden nach Aust in Sizilien an - und stieß ins Leere. Soviel zu einer Legende, die bis in die linkesten und vor allem feministischsten Zeitschriften hinein bis heute verbreitet wird. Ulrike, die, wie die politischen Männer, denen man es aber nirgends so übel nimmt, der Politik ihre Kinder opfert.

Die Vorgeschichte - der Werdegang Meinhofs - Geburtsjahr 1934. Allerdings mit einem nicht sehr überzeugenden Akzent auf die Parteizugehörigkeit Riemecks und der Mutter Meinhof sowie des kunsthistorischen Vaters im Dritten Reich. Sollte da die Phantasie aufgegriffen werden, alle RAF-Angehörigen, eigentlich die gesamte APO, hätten sich in Hassliebe gegen ihre Nazi-Eltern erhoben, seien diesen aber immer ähnlicher geworden? Dabei verzerrt Ditfurth die Akzente oft willkürlich, um das Nazistische besonders hervorzuheben. So wird Mutter Ingeborg Meinhof auf S. 29 besonders angekreidet, dass sie einer Kollegin von Ina Seidel "Im Labyrinth" empfohlen habe. Streng und richtig wird hinzugefügt, dass Seidel als Lyrikerin große Hitlerverehrerin wurde. Nur nicht, dass das genannte Buch die Schicksale des Naturforschers und Revolutionärs Forster behandelt und aus dem Jahr 1922 stammt. (Es werden die Wege Forsters darin nicht ohne Sympathie geschildert, freilich stark privatisierend, und seine Lieben aller Art und deren Verwicklungen in den Vordergrund gestellt, wie es die Seidel so an sich hatte. Aber explizit faschistisch ist an dem Roman kein Wort).

Oder beim Kunsthistoriker und Vater Meinhofs wird bemäkelt, dass er vor 1933 in den “Kampfbund für deutsche Kultur “ eintrat, später ein NS-Kulturverein, in dem man sich aber auch drückebergerischerweise zurückziehen konnte, wenn man nicht gleich die große Partei- Trompete blasen wollte. (Der Emigrant Ottwalt beschreibt in einem kleinen Aufsatz der “neuen Weltbühne” von 1934 einen nichtnazistischen Leisetreter als “Rückschalter”, der genau in den “Kampfbund” will, um sich die NSDAP zu ersparen). Es wird im späteren Lebensweg von Renate Riemeck auch nirgends etwas aus ihrem früheren Parteieintritt gefolgert, außer der Angst, dass dieser herauskommt.

Das Rigorose Riemecks - im Guten wie im Schlechten - kam eher von einem total verinnerlichten kantianischen Idealismus, der ihr zeitlebens nur taktische Kontakte mit Kommunisten erlaubte. Unvergesslich, wie sie bei der Gründung der ADF (Aktion Demokratischer Fortschritt) 1969 dünn und fast klapprig vom Podium herab ihre Rede mit dem Satz Kants schloss: ”Es gibt nichts Gutes, es sei denn ein guter Wille.” Ulrikes Unbedingtheit war dann doch noch anderer Art.

Sehr verdienstvoll in Ditfurths Darstellung ist die Nachzeichnung der Wege, die die neugegründete RAF in den ersten Jahren nach dem Sprung in die Illegalität nahm. Der beklemmende Widerspruch zwischen den Notwendigkeiten, zu Geld, Unterkunft, Waffen zu kommen und dem eigentlichen Ziel, dem Imperialismus, wie er sich im Vietnamkrieg manifestierte, aktiv in den Weg zu treten.

Nachdrücklich und unerbittlich wird im Buch auf die Absichten hingewiesen, die hinter den Haftbedingungen in Köln-Ossendorf standen. Sie zielten tatsächlich auf eine solche Schwächung der persönlichen Widerstandsfähigkeit ab, dass nachher nur noch ein Wrack vor der Öffentlichkeit übrigbleiben sollte. Die Behandlung Folter zu nennen, ist deshalb nicht unerlässlich, weil bei dem herkömmlichen Zugriff auf den Körper durch Schläge, Elektroschock, Schlafentzug die Chancen, lange zu widerstehen, noch geringer sind. Die böse Absicht bleibt, auch wenn sie noch völlig zum Ziele kam. Unbegreiflich ist nach allen inzwischen bekannt gewordenen Handbüchern der “sensorischen Deprivation” aber der Fanatismus eines früher umsichtigen Autors wie Koenen, der sich immer stärker in eine totale Leugnung der mit Isolation verbundenen Maßnahmen hineinsteigert. Nur ein Beispiel für den bewussten Zynismus der Gefängnisverwaltung Köln-Ossendorf. Eine Schreibmaschine wurde Ulrike Meinhof lange verweigert, wegen der Lärmbelästigung der Zellen-Nachbarn durch den Tastenschlag - und das in einem absichtlich total leergeräumten Trakt.

Nicht ganz verstanden habe ich das Verteidigungskonzept Ulrike Meinhofs bzw. ihres letzten Verteidigers Azzola. Einerseits tendierte er dazu, eine Anklage wegen versuchten Hochverrats zu erreichen, gegen die - im Buch ausführlich dokumentierte - Absicht des Krisenstabs, alle Stammheimer als gemeine Kriminelle hinzustellen. Der Hochverräter hätte zumindest ein Recht erstritten - als fundamentaler Gegner ernst genommen zu werden. Dieses Konzept wäre für die Betrachtenden von außerhalb sicher als minimale Plattform einer breitenwirksamen Verteidigung begrüßt worden. Laut der Darstellung Ditfurths wäre diese Strategie aber gleichbedeutend gewesen mit derjenigen, Kriegsgefangenenstatus zu verlangen, weil die Kriege der Zukunft ohnedies nicht mehr zwischen Staaten, sondern zwischen Gruppen (Klassen) ausgefochten würden. Außer der Undurchsetzbarkeit des Konzepts hatte es vor allem den Nachteil, dass es den Zusammenhalt mit den “gewöhnlichen Knackis” zerriss. Während der Protest gegen die Isolierung nach meinem damaligen Verständnis automatisch die Forderung nach Kontakt mit dem Rest der Knastinsassen mitenthielt, wäre mit dem Ruf nach dem Kriegsgefangenenstatus zugleich die Forderung nach einer Extrawurst, einem Sonderstatus verbunden gewesen. Und während der Status der Hochverräterin im bestehenden Rechtssystem immerhin vorhanden ist und in Anspruch genommen werden kann, findet der Ausblick auf künftige Kriege im nun einmal geltenden Recht gar keine Stelle.

Mit Recht widerlegt Jutta Ditfurth die unangenehme Konstruktion der staatstragenden Fertigmacher-Kolonne unter Anführung von Spiegel-Aust, die letzte Prozessäußerung Ulrike Meinhofs hätte eine verkappte Absage an die Gruppenzugehörigkeit enthalten, nachdem vorher Ensslin wegen der Ablehnung der Verantwortung für den Anschlag auf das Springer-Hochhaus ihrerseits eine verkappte Ausschlusserklärung Ulrikes hätte verkünden wollen. (Dass am letzten nichts sein kann, geht schon daraus hervor, dass unmittelbar nach dem Anschlag die verursachende Gruppe, also die Ulrikes, dieselbe Selbstkritik vorgebracht hatte. Wie kann ich jemand desavouieren für eine Tat, die diejenige selbst schon desavouiert hat?)

Im Klartext sagt Meinhofs letztes Wort nichts anderes, als dass sie sich in einer tödlichen Falle vorfindet. Alles, was sie sagt, wird so gefiltert, so bearbeitet in die Öffentlichkeit gelangen, dass es sich gegen die Redeabsicht wendet und “Verrat” wird. Wenn dann aber nur Schweigen bleibt, ist das nicht Selbstvernichtung, Tod?

Die schwierigen theoretischen Überlegungen, die es paradoxerweise auch bei denen noch gab, die “Theorie” manchmal im Überdruss als Ballast ablehnten, werden in Ditfurths Buch nicht ausführlich genug herausgearbeitet. Gerade die Kontroverse mit Mahler während des Prozesses um die Entführung Baaders wird bei Ditfurth zu einer fast entspannenden Diskussion, während sie nach ausführlichen Darstellungen offenbar eine Absage - ums Ganze - an die Tendenzen Mahlers enthielt, sich auf breitere Schichten zu stützen. Nach der späteren Entwicklung Mahlers allerdings und seiner Wanderungen von einer Organisation zur anderen von links nach rechts ist die Charakterisierung, die Ulrike Meinhof für ihn in einem Brief fand, vielleicht doch nicht ganz abwegig: das er im Wesentlichen Selbstdarsteller, Selbstdarsteller eines revolutionär tuenden Kaders gewesen und geblieben ist.

Jutta Ditfurth behauptet nicht, dass Ulrike Meinhofs Weg einer wäre, der noch einmal gegangen werden könnte oder sollte. Sie richtet den Blick auf den unbeugsamen revolutionären Willen. Nur, dass der allein - entgegen Riemecks Meinung - zu nichts ausreicht. Und noch stärker lenkt sie den Blick auf die zahllosen Rechtsbrüche, Vernichtungsmaßnahmen aller Art, die der Staatsapparat im Kmapf gegen seine Bekämpfer vollzog. Das fast Unglaubliche, das damals mitten im Frieden geschah, mitten unter uns, darf nicht in Vergessenheit geraten.

Jürgen Seifert und die ganze ehemalige Rotbuchgruppe üben sich im sanften Säuseln, über die - leider so bleierne - damalige Zeit und vor allem, dass wir die als vollendete zivile Gesellschaft ja glücklich überwunden hätten. Er, Seifert, lebenslang im Herzen treuer SPD-Nachschlapper, wenn auch zeitweise aus den Reihen der Genossen entfernt, hat alles immer schon so gesehen, und darf deshalb seine zartfühlende Fertigmacherarbeit über Ulrike in die zwei Kraushaar-Ziegelsteine betten.

In Wirklichkeit ist es zwar so, dass das gegenwärtige System, zu Unrecht mit einem Faschismus auf Massenbasis gleichgesetzt, es immer wieder fertiggebracht hat, seine Schandtaten zu stoppen. Das heißt: Die Bundesrepublik verstand es, auf dem Weg in die bloß verwaltungsmäßige und offen gewaltsame Unterdrückung Pausen einzulegen (Während das Hitlerregime sich, je länger es dauerte, nur noch durch gesteigerte Unterdrückung bis zum Ende halten konnte).

Es gab nach 1978 eine gewisse Windstille, einen Ansatz zur Mäßigung. Waren erst die meisten Gegner des Systems zur Anerkennung gebracht worden - mit welchen Mitteln auch immer - dass es keine Alternative zu ihm gebe - konnte integriert werden. Verziehen, an die Brust gedrückt, mit neuen Pöstchen gewinkt. Nur ist das keineswegs ein Unterpfand ewiger Sicherheit. Zumindest ist erwiesen, dass es all die Mittel gab und dass sie eingesetzt wurden. Wie Schäuble und seine Gang uns unermüdlich versichern: Es kommen härtere Tage. Und in diesen wird noch härter zugeschlagen werden als in der letzten Etappe. Dies zu wissen und sich darauf vorzubereiten, wird sich als nützlich erweisen. Und aus den von Ditfurth gesammelten Erfahrungen lernen können.

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Die Rezension erschien zuerst im Januar 2008 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, ps, 01/2011)

Jutta Ditfurth 2007:
Ulrike Meinhof. Die Biographie.
Ullstein Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-550-08728-8.
480 Seiten. 22,90 Euro.
Zitathinweis: Fritz Güde: Ulrike Meinhof. Erschienen in: Fem(me)_ininitäten. 5/ 2011. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/788. Abgerufen am: 16. 11. 2018 03:08.

Zur Rezension
Rezensiert von
Fritz Güde
Veröffentlicht am
01. Januar 2008
Erschienen in
Ausgabe 5, „Fem(me)_ininitäten” vom 09. Juni 2011
Eingeordnet in
Schlagwörter
Zum Buch
Jutta Ditfurth 2007:
Ulrike Meinhof. Die Biographie.
Ullstein Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-550-08728-8.
480 Seiten. 22,90 Euro.
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