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Weder blutrünstige Wölfin noch Heilige

Buchautor_innen
Eva Geber / Ruth Klüger
Buchtitel
Louise Michel
Buchuntertitel
Die Anarchistin und die Menschenfresser
Ein biographischer Roman wagt die Erzählung der Lebensgeschichte Louise Michels in Ich-Form.
Rezensiert von Rosen Ferreira

Interessierte Menschen sind vertraut mit Louise Michel als kämpferischer Anarcho-Feministin, sei es auf der Straße, im Saal oder am Schreibpult. Sie war eine zentrale Figur der Pariser Kommune, des sozialistischen Volksaufstands 1871 in Paris. Sie wurde von der damaligen Öffentlichkeit auch als „rote Wölfin“ oder „gute Louise“ bezeichnet. Wie viele andere Frauen beschränkte sie sich während des Aufstands nicht darauf, einzig als Sanitäterin zu arbeiten oder Lebensmittelhilfe zu leisten. Sie übernahm auch eine tragende Rolle in neuen politischen Strukturen wie der „Union des femmes“ und kämpfte in Uniform an den Barrikaden. Sie bot sich sogar an, den Chef der reaktionären Versailler Übergangsregierung, Adolphe Thiers, zu erschießen, was aber aus Angst vor Vergeltung von den anderen Kommunard*innen abgelehnt wurde.

Die Pariser Kommune forderte Unerhörtes wie das Frauenwahlrecht, Lohngleichheit und die Abschaffung des Privateigentums und setzte in den 72 Tagen ihres Bestehens per Dekret Sozialreformen durch, etwa den Erlass von Mietschulden und die Beschränkung von Beamtengehältern. Im Mai wurde der Aufstand dann jedoch blutig niedergeschlagen, in der sogenannten „semaine sanglante“, der Blutwoche.

Schätzungen zufolge tötete das regimetreue Militär 20.000 bis 30.000 Menschen und verhaftete weitere 40.000 Personen. Diese wurden entweder exekutiert, ins Straflager gesperrt oder, wie Louise Michel und rund 8.000 weitere Kommunard*innen, nach Neukaledonien deportiert.

Eine Amnestie ermöglichte 1880 den Deportierten die Rückkehr nach Europa. Louise Michel war dann vor allem als Publizistin und auf Vortragsreisen tätig. Dies war jedoch alles andere als harmlos: Angriffe, Anschläge und Gefängnisstrafen oder deren Androhung waren nicht selten. Bis zu ihrem Tod 1905 begriff sie die Agitation für eine anarchistische Revolution als ihre Aufgabe.

«Ich» erzählt ein ganzes Leben

Weniger bekannt ist jedoch Louise Michels Leidenschaft für Bildung und Wissenschaft. Zeitlebens arbeitete sie als Lehrerin, sie war Poetin und Ethnologin. Die Wiener Publizistin Eva Geber hat nun eine neue Biographie Louise Michels verfasst, die ein differenziertes Bild ihres Lebens zeichnet.

Es wäre an sich schon anspruchsvoll genug, die Biographie dieser Polit-Ikone zu verfassen: Nicht nur hat Louise Michel selbst in zwei Memoiren auf ihr Leben zurückgeblickt; auch sonst ist ihr Leben bereits Gegenstand vieler Bücher. Die Autorin Eva Geber entschied sich in ihrem Buch nun dazu, Louise Michels gesamtes Leben in Form eines Monologs aus der Ich-Perspektive zu erzählen. Dabei webt sie Michels eigene Schriften und Texte geschickt in den Monolog ein, aber auch Zeitungsartikel, Gerichtsurteile, sowie Briefe und Gedichte befreundeter oder verfeindeter Zeitgenoss*innen. Aufgelockert wird der Monolog immer wieder durch unterhaltsame Anekdoten, die Michels Mut und Humor illustrieren.

Der Lebensrückblick ist eingebettet in die Rahmenhandlung eines gemeinsamen Alltags mit Charlotte Vauville und den drei aus Neukaledonien stammenden Katzen. Die Ich-Erzählerin steht am Ende ihres Lebens und erzählt von der Kindheit bis zum erzählerischen Jetzt. Hier gerät der Monolog jedoch formal an seine Grenzen. Ein ganzes Leben kann nicht an einem Tag erzählt werden, und doch besteht die Rahmenhandlung nur aus kurzen Besuchen Charlottes mit einer neuen Tasse Tee und aus putzigem Katzencontent. Auch dass – Achtung Spoiler – Louise Michel am Ende der eigenen Erzählung das Leben aushaucht, erscheint erzählerisch wie eine Notlösung. Gleichzeitig liest sich das Erzählte in dieser Form lebendig und nah. Die Leser*innen können die Stimme Louise Michels förmlich in ihrem Kopf hören: zwischen kämpferischem Pathos und Schalk, und in den Kapiteln über Neukaledonien auch ins träumerisch-poetische wechselnd.

Wer sind die „Menschenfresser“?

Die Ersteinwohner*innen von Neukaledonien wurden von den Kolonisator*innen „Kanak“ genannt, eine Bezeichnung, die auch Louise Michel verwendet und welche die indigene Bevölkerung auf den Inseln sich heute auch als Selbstbezeichnung angeeignet hat. Nur am Rande: Der Begriff stammt eigentlich aus Hawaii und war damals eine Bezeichnung europäischer Kolonisator*innen für alle nicht-europäischen Insel-Bewohner*innen.

Den Insel-Bewohner*innen wurde seitens der Kolonisator*innen nachgesagt, Menschenfleisch zu essen. Das diente den Europäer*innen dazu, Indigene in den besetzten Gebieten als unmenschlich abzuwerten und zu unterdrücken – eine Praxis, die nicht nur im Ozeanischen Anwendung fand.

Louise Michel verstand sich selbst als Alliierte im Kampf gegen Rassismus und Kolonialismus: „Ich wollte mit unseren Brüdern und Schwestern leben, solidarisch an ihrer Seite stehen, wenn sie für ihre Freiheit kämpfen: Gegen die rücksichtslose Gier der Weißen, die sich der Güter bemächtigten, die den Kanak das Leben sichern sollen.“ (S. 229) Bei einem Aufstand der Kanak 1878 stand ein Großteil der Deportierten auf der Seite des Regimes; nicht so Louise Michel: “Wie könnt ihr nicht an ihrer Seite stehen, ihr, die Opfer der Reaktion! Das sind doch eure Brüder. Sie kämpfen um ihre Freiheit wie ihr, und für ihre Unabhängigkeit.“ (S. 234)

Gleichzeitig zeichnet sie die Kanak als „unschuldige Kinder der Steinzeit“, aber auch als „Wilde“. Sie übernimmt damit den bis heute beliebten Topos des „Edlen Wilden“ (Hallo Karl-May-Festspiele!), der im Gegensatz zur korrupten europäischen Gesellschaft in einem paradiesischen Naturzustand lebe. Dieser Position wohnt jedoch nur ein vermeintlich liebender Blick inne; in Wahrheit ist er inhärent paternalistisch, rassistisch und eurozentrisch.

Zugrunde liegt diesem Blick die damals brandneue Evolutionstheorie. Sie stellte die Indigenen den „Urmenschen“ gleich und entwarf die europäische „Zivilisation“ als Referenzgröße, als jüngsten Ast am Evolutionsbaum. Kein Wunder, dass Louise Michel auf Neukaledonien Schulen gründen möchte, um die Lehren der Aufklärung und der europäischen Wissenschaft zu vermitteIn.

Die Anarchistin und die „Menschenfresser“

Dass Louise Michel ein Kind ihrer Zeit war, ist nun das eine; das andere ist, einem Buch über Louise Michel im heute einen solchen Untertitel zu verpassen. Der doppeldeutige Untertitel suggeriert, einen rassistischen Begriff nutzend, im Buch ginge es vor allem um die Zeit in Neukaledonien. Dabei geht es in dem 338 Seiten starken Buch nur auf 60 Seiten um Louise Michels Zeit auf der Inselgruppe – Paris war viel prägender für sie, wenn auch kein romantisierter Sehnsuchtsort. Mit „Menschenfresser“ könnte zwar auch die bourgeoise Elite Europas gemeint sein, der Waschzettel (Verlagsinformation, Anm. Red.) verortet „Menschenfresser“ jedoch trotz der Koketterie mit dieser Ambivalenz eindeutig im kolonialen Kontext Neukaledoniens. Zielt der Untertitel also vielleicht auf die Reflexe eines europäischen, weißen Publikums, um Aufmerksamkeit zu generieren?

Bedauerlich ist auch, dass weder Vorwort (noch ein potentielles Nachwort) einen Kontext zur Kolonialgeschichte liefert. Es wäre spannend gewesen, die Solidarität Louise Michels mit Hilfe der postkolonialen Theorie weiterzudenken; im Wissen, dass Neukaledonien nach wie vor zu Frankreich „gehört“ und dass auch heute indigene Kämpfe gegen den dortigen Rohstoffabbau gibt. Mehr Kontext wäre auch die Gelegenheit gewesen, die Ich-Erzählung zu transzendieren. Die historisch verbriefte Louise Michel wurde glaubwürdig entlang der Quellen fiktionalisiert; eine Ich-Erzählung kann jedoch formal keine Distanz zur eigenen Figur haben. Vor- oder Nachwort hätte hier die Aufgabe zukommen können, die Erzählung anzureichern. Das Vorwort Ruth Klügers stimmt eher auf die nachfolgende Erzählung ein und verstärkt diese, wirft aber kein neues Licht darauf – schade.

Abgesehen davon handelt es sich bei dem Buch um ein größtenteils sehr unterhaltsames und gut geschriebenes Werk über eine der bedeutendsten Figuren des Anarchofeminismus, mit vielen Texten, die in dieser Form noch nie im Deutschen erschienen sind. Gerade die Erzählung aus der Pariser Zeit scheint an vielen Stellen aus der Gegenwart gegriffen – und das nicht nur wegen der Gilets Jaunes – Stichwort Polizei- und Überwachungsstaat, aber auch der noch nicht erreichten Ziele der Pariser Kommune und der Aktualität von Hunger, Krieg, Sexismus und Rassismus wegen.

Eva Geber / Ruth Klüger 2018:
Louise Michel. Die Anarchistin und die Menschenfresser.
bahoe books, Wien.
ISBN: 3903022748.
338 Seiten. 24,00 Euro.
Zitathinweis: Rosen Ferreira: Weder blutrünstige Wölfin noch Heilige. Erschienen in: Revolution!. 50/ 2019. URL: https://www.kritisch-lesen.de/c/1514. Abgerufen am: 20. 04. 2019 17:35.

Zum Buch
Eva Geber / Ruth Klüger 2018:
Louise Michel. Die Anarchistin und die Menschenfresser.
bahoe books, Wien.
ISBN: 3903022748.
338 Seiten. 24,00 Euro.