Wer Wirtschaftswissenschaften studiert und als Marketingchef gearbeitet hat, scheint – will man gängigen Klischees glauben – kaum dafür prädestiniert zu sein, die gern verschwiegenen dunklen Seiten des unsozialen Deutschland zu beleuchten. Und doch ist Markus Breitscheidel seit seinem Bestseller „Abgezockt und totgepflegt“ einer der bekanntesten investigativen Journalisten, der sich genau dies vorgenommen hat. Schon sein Erstlingswerk hatte eine breite politische Debatte um die Zustände im Pflegewesen ausgelöst.

Nun hat sich Breitscheidel erneut Undercover im Stile Günter Wallraffs in die Niederungen deutscher Sozialstaatlichkeit begeben. Er lebte eineinhalb Jahre lang von Hartz IV und Hunger-Löhnen, ließ unmenschliche Ämter und ausbeuterische Arbeitgeber über sich ergehen und geriet dabei nicht selten an die Grenze des körperlich und seelisch Erträglichen. Er begegnete Menschen, die ohne persönliches Verschulden in die Armut gerieten und sich nicht mehr aus ihr befreien können, und er berichtet von Landwirten und Firmen, die sich mit Zuschüssen des Arbeitsamts und Zeitarbeits-Billiglöhnen auf Kosten der Arbeitenden und der Allgemeinheit bereichern.

Insgesamt umfasst Breitscheidels Odyssee fünf Stationen: Nachdem er sich zunächst drei Monate lang von der Arbeitsagentur Gelsenkirchen schikanieren ließ und am eigenen Geldbeutel erlebte, dass die Hartz-IV-Regelsätze alles andere als ausreichend sind, arbeitete er für Niedrigstlöhne als Leiharbeiter bei insgesamt vier Arbeitgebern. Bei Opel Rüsselsheim kontrollierte er als „Opelaner dritter Klasse“ just in time eintreffende Scheinwerfer aus China, bei Bayer Schering Berlin füllte er Pillen ab. Bei insgesamt zwei ostdeutschen Landwirten half er, die Ernte einzubringen – extreme körperliche Arbeit, mit Hungerlöhnen bezahlt und zumindest seitens des ersten Landwirts mit arrogantem Desinteresse quittiert.

Breitscheidel verdeutlicht, dass es nicht nur die offensichtlichen Schweinereien sind, die arbeitenden Armen hierzulande das Leben schwer machen. Es sind nicht nur die Schikanen der Arbeitsagenturen, mit denen dafür gesorgt wird, dass selbst die übelste und unmenschlichste Arbeit angenommen werden muss. Es sind auch nicht nur die Löhne, die nicht einmal annähernd zum Leben am Existenzminimum ausreichen. Es ist auch nicht nur die Unsicherheit, von Tag zu Tag nicht zu wissen, ob man am nächsten noch genug Arbeit oder genug Geld haben wird. Für Entmenschlichung am untersten Rand der Gesellschaft sorgen vielmehr auch die vielen kleinen Fußtritte gegen das, was man einmal Menschenwürde genannt hat: Die symbolische Degradierung durch entsprechende Arbeitskleidung, die ignoranten Unfreundlichkeiten der hierarchisch Höherstehenden, die permanent nicht gehaltenen Versprechen der „Fallmanager“ und Leiharbeitsfirmen, das Desinteresse an der persönlichen Situation.

Die politische Brisanz des Buches liegt insbesondere auch in seiner Schilderung der Mittel und Wege, die sich den Arbeitgebern heutzutage bieten, um Menschen auszubeuten. Die Debatte um Kombilohn etwa erscheint wie blanker Hohn: Faktisch ist er längst existent, wenn Arbeitsagenturen Menschen zuerst aus Hartz IV in Leiharbeit zu Niedrigstlöhnen zwingen, um diese Löhne dann anschließend wieder aufzustocken. Arbeitgeber und Zeitarbeitsfirma lachen sich ins Fäustchen. Breitscheidel macht aber auch deutlich, wem wir all das zu verdanken haben: Hartz IV, Agenda 2010 und der SPD. Es ist ein wichtiges Buch, das zu Recht ein beachtliches mediales Interesse gefunden hat.

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Die Rezension erschien zuerst im November 2008 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, dpb, 12/2010)