„Erst gestern Abend, als ich durch die regennassen Straßen von Vallcara spazierte, wurde mir bewusst, dass es ein unverzeihlicher Fehler war, in diese Familie hineingeboren zu sein.“ (S. 9)

Diese ersten Zeilen des Romans beschreiben dem Autor nach auf kürzest mögliche Weise den Plot der Geschichte. Den Roman wird gebildet aus einem Brief des Manuskriptsammlers und Professors der Ideengeschichte Adrià Ardèvol i Bosch an eine vorerst unbekannte Person. „Da ich keine Zeit hatte, dir einen kurzen Brief zu schreiben, habe ich dir einen langen geschrieben.“ (S. 833) Auf über 800 Seiten entwickelt Cabré einen überaus komplexen Plot, der zuerst wie die Biographie der erzählenden Person erscheint. „Vielleicht ist dies mein Testament. Völlig wirr, aber ein Testament.“ (S. 809)

Handlungsstra(e)ng(e)

Der katalanische Originaltitel „Jo confesso“, zu Deutsch etwa „Ich gestehe; Ich beichte“ trifft diese Vermutung wesentlich besser als sein deutsches Pendant. Doch auch der Titel „Das Schweigen des Sammlers“ spielt mit dem Geheimnisvollen, mit der Sünde und dem Wunsch nach Auflösung. Adrià Ardèvol ist das (vermeintlich) einzige Kind des Antiquitätenhändlers Fèlix Ardèvol i Guiteres und dessen Ehefrau Carme Bosche, deren Verhältnis zu Lola Xica, dem Kindermädchen Adriàs, voller Spannungen und Überraschungen ist. Adrià wächst in einer unglaublich kinderfeindlichen Umgebung auf. Den ungemein hohen elterlichen Erwartungen wird er immer wieder gerecht, scheitert jedoch an der ihm versagten Liebe durch seinen Vater und seine Mutter. Unterstützung im Leben bieten ihm die Spielzeugfiguren Sheriff Carson und Schwarzer Adler, mit denen er bis ins hohe Alter Gespräche führt. Adrià Ardèvol spricht mit zehn Jahren schon mehrere Sprachen und denkt, wenn er aufgeregt ist, auf Französisch. Der von seiner Mutter initiierte Geigenunterricht bringt ihn schließlich mit seinem lebenslangen Freund Bernat Plansa i Punsoda zusammen.

Eine der Hauptfragen, die Adrià zu ergründen versucht, ist die, inwieweit er Schuld an dem gewaltsamen Tod seines Vaters und eventuell auch am Verunglücken seiner Geliebten Sara trägt. Dabei wird deutlich, dass die Geschichte Adriàs unentwegt verbunden ist mit jener Vials – die erste Geige des berühmten Geigenbauers Lorenzo Storioni. Aus Samen in der Tasche eines im 15. Jahrhundert ermordeten Mönches wächst ein Baum, der 300 Jahre später gefällt wird und anschließend das Holz für die Geige liefert. Der Ausspruch Storionis „Dieses Instrument wird vielen Menschen Freude bringen.“ (S. 827) stellt sich schon bald als schaurig ironische Vorausdeutung dar und wird im Laufe der Geschichte viele Male konterkariert. So wird der erste Besitzer der Geige, der Komponist und einer der bekanntesten Violinisten seiner Zeit Jean-Marie Leclair l’aîné, von seinem Neffen Guillaume François Vial im Streit um das Instrument mit einem Schürhaken erschlagen.

Komplexität

Die Geschichte der Geige verhilft dem Roman zu seiner enormen Komplexität. Die „Biographie“ Vials trifft dabei auf zahllose fiktive und beinahe ebenso viele belegte Charaktere, wie den Großinquisitor Nicolau Eimeric oder den Auschwitz-Kommandeur Rudolf Höß. Teilweise auftretende historische Ungenauigkeiten liegen meist eindeutig im Rahmen der künstlerischen Freiheit und geben dabei interessante Ansätze zur Lösung so manches Rätsels. Leclairs vorsätzlicher Tod im Jahre 1764 beispielsweise konnte nie aufgeklärt werden. Sicher ist nur, dass er eigentlich mit einem Messer erstochen wurde.

Wer denkt, dass mit dieser Einführung die Geschichte des Romans zu weit beschrieben wäre, irrt gewaltig. So gibt es zu der deutschen Ausgabe extra eine Karte, die die verschiedenen Personen in ihrem jeweiligen historischen Kontext kurz beschreibt. Diese beim Lesen nicht zu verwenden, ist beinahe unmöglich.

Jaume Cabré wurde 1947 in Barcelona geboren und gilt als einer der meistgelesenen katalanischen Autoren. Er verfasst Romane, Essays, Erzählungen sowie Drehbücher für Fernsehen und Theater. Desweiteren ist Cabré Träger so gut wie jedes katalanischen Literaturpreises und Unterstützer der linksnationalistischen Esquerra Republicana de Catalunya. 2007 wendete er sich mit seiner Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse entschieden gegen die Kritik katalanischer Schriftsteller_innen an der Nationalisierung der katalanisch-sprachigen Literatur. In der deutschen Übersetzung erschienen von ihm bisher „Die Stimmen des Flusses“ sowie „Senyoria“. „Das Schweigen des Sammlers“ schrieb Jaume Cabré acht Jahre. „Der Tag an dem ich diesen Roman für endgültig unbeendet erklärt habe, war der 27. Januar 2011, der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz.“ (S. 841)

Bürgerliche Anpassung

Es ist ein Roman über das bürgerliche, unpolitische Leben. Exemplarisch festmachen lässt sich dies an den Ausführungen über das Sammeln: „An jenem Tag verstand ich, dass ich von dem gleichen Dämon besessen war wie mein Vater. Das Kribbeln im Bauch, das Jucken in den Fingern, der trockene Mund...“ (S. 582) Die Leidenschaft des Sammelns wird hier keineswegs glorifiziert, sondern als Sucht dargestellt, ohne bei den Empfindungen des Sammelnden zu verweilen. Beständig werden das Verhältnis und die Abgründe von Kunstsammlungen und Shoa präsentiert. Das Sammeln von Kunstobjekten und Manuskripten stellt die Flucht von Vater und Sohn in das Abstrakte dar. Denunziationen von vermeintlichen Konkurrent_innen als Kommunist_innen oder Katalanist_innen an das franquistische Regime sowie die verdrängte Reflexion über die Herkunft oder die Vorbesitzer_innen der Objekte beschreiben den Rahmen des Sammelns. Das Sammeln wird zur Metapher für Anpassung, Arrangement und Partizipation an der faschistischen Diktatur in Spanien.

Die „bbeschissene Existenz“ (S. 114) Adriàs bildet sich aus der Täterperspektive, die dieser einnimmt und welche wiederholt von seinem Umfeld hinterfragt und angegriffen wird. Dieser Auseinandersetzung mit der „bbeschissenen Existenz“ innerhalb der bürgerlichen Existenz steht das stetige Ringen mit dem Bösen, der Schuld und dem Unglück gegenüber. In diesem Konflikt werden Manuskripte ver- und Personen entmenschlicht. Das Sammeln lässt sich darüber auch als Position in dem Streit zwischen Wert und Gebrauchswert einer Ware lesen: „Vater wollte keine Musiker als Kunden, die waren immer knapp bei Kasse. Ich will Sammler, die ein Stück unbedingt haben wollen und es stehlen, wenn sie es sich nicht leisten können. Das ist meine Kundschaft.“ (S. 66) Diese kapitalistische Perversion, dass Produkte nicht zum Gebrauch (musizieren), sondern vielmehr zum reinen Konsum (sammeln) geschaffen werden, zieht sich durch den gesamten Plot des Romans.

Die Komplexität des Romans verlangt einer Technik, die sie vermittelbar macht. Cabré fand diese in dem von Brion Gysin entdeckten und vor allem durch William Burroughs bekannt gewordenen Cut-Up. Diese Form der Montage oder Schnitt-Schreibweise meint die Ersetzung des herkömmlichen Erzählstils der Nebeneinanderstellungen von Handlungssträngen durch deren Überlagerung. In „Das Schweigen des Sammlers“ bedeutet dies unzählige, absolut unerwartete Perspektiv- und Zeitsprünge. Was an einigen Stellen verwundert, insgesamt allerdings funktioniert, wird im Verlauf lästiger. Dieser Roman ist ein anstrengendes Werk. Das Verständnis der schwer fassbaren Handlung wird durch die Art der Darstellung keineswegs erleichtert. Es macht den Roman nicht immer glaubwürdiger, sondern teilweise anstrengender und flacher. So werden Parallelen in den Handlungen erzeugt, um anschließend dem Verfahren gerecht zu werden.

Antisemitismus und die Banalität des Bösen

Stilistisch ist dies jedoch keinesfalls so gravierend, wie die inhaltlichen Deutungen, die durch diese Technik eröffnet werden. Die ständige Überlagerung der Geschichten Nicolau Eimerics und Rudolf Höß´ verlangt geradezu danach, eine Gleichsetzung von Inquisition und Shoa zu lesen, die dem Fokus des Autors auf Antisemitismus in seiner eliminatorischen Perversion partout nicht gerecht werden kann. Weiter wird eine Szene zwischen Adrià Ardèvol und seiner Haushälterin Caterina beschrieben, in der Perspektiv- und Figurenwechsel zwischen der Küchenszene und dem Auschwitz-Handlungsstrang des Romans stattfinden:

„Hauptsturmführer Caterina schleift ihn in die Küche, wo statt eines knappen Dutzends verängstigter Ungarinnen eine Reis- und Nudelsuppe und ein mit einer halben Tomate garniertes Filet auf ihn warteten. Hauptsturmführer Caterina zwang ihn, sich an den Tisch zu setzen, und Chaim Ardèvol spürte zum ersten Mal, dass er hungrig war, und fing an zu essen, mit gesenktem Kopf, als fürchtete er eine Rüge des Hauptsturmführers.“ (S. 802, Hervorhebungen P.G.)

Auschwitz wird im Roman, in der Auseinandersetzung mit dem Bösen banalisiert auf die Weise, dass es als alltäglich und somit ersetzbar gekennzeichnet wird. Dies unterstützt die jahrelange Dämonisierung der (Haupt-)Täter_innen der Shoa und des Nationalsozialismus. Eine durch Überreizungen zu erklärende pseudophantastische Dimension transportiert hier Inhalte, die nicht genügend reflektiert werden und somit nur deren Ablehnung offen lassen. Das heißt schlichtweg, dass der Roman auf emanzipatorische, philosophische und politische Diskurse verweist, denen er in ihrer Tiefe aber nicht gerecht wird.

Dennoch oder vielleicht deswegen handelt es sich bei „Das Schweigen des Sammlers“ um einen durchaus lesenswerten Roman, der sich thematisch und stilistisch von der Masse des Buchmarktes abhebt und interessante Überlegungen eröffnen kann. Von der sprachlichen Sicht ist der Roman brillant gestaltet. Die Entwicklung der Sprache des kindlichen, unbeholfenen Adrià zu der des eloquenten, Abhandlungen verfassenden Professors Ardèvol ist gelungen wie selten zuvor und in der Übersetzung sehr gut vermittelt. Der Bogen der Geschichte, wenn er nachvollzogen werden kann, ist überaus spannend gestaltet und bietet zahlreiche Überraschungen, oft in Form kalkulierter Enttäuschungen.