Raul Teitelbaum, selbst Überlebender des Holocaust im Lager Bergen-Belsen, israelischer Journalist und langjähriger Korrespondent der israelischen Tageszeitung Tedioth Acharonoth in Deutschland, der also beide Seiten sehr gut kennt, hat in einer akribischen Untersuchungsarbeit die jahrzehntelang verzögerte Wiedergutmachung bzw. die Entschädigung der Überlebenden des Holocaust aufgearbeitet. Er kommt zu erstaunlichen Ergebnissen: Die von Deutschland geleisteten Entschädigungszahlungen flossen nur zum geringsten Teil an die Überlebenden, sondern hauptsächlich an den Staat Israel und an die Claims Conference in New York, in deren Reihen bei der Gründung 1951 kein einziger Überlebender des Nationalsozialismus saß. „Etwa zwei Drittel derer, die die Schoah überlebten, wurden nie in irgendeiner Form entschädigt“.

Teitelbaum taucht erst einmal in die Geschichte der noch jungen Bundesrepublik, welche in den Schoß der internationalen Gemeinschaft zurück wollte, und in die des Staates Israel, der dringend Devisen für die Ankurbelung der Wirtschaft benötigte. Bereits Ende 1946 wurden die ersten Klagen auf Rückerstattung jüdischen Besitzes eingereicht. Ausgerechnet Adenauer, der ganz genau wusste zu welchen politischen Konsequenzen eine Verweigerung einer Verhandlungslösung bei den Alliierten geführt hätte und Ben Gurion stellten sich an die Spitze einer Verhandlungslösung. Diese war sowohl in Deutschland, als auch in Israel nicht unumstritten: 1951 demonstrierten Tausende vor der Knesset, durchbrachen Absperrungen der Polizei und warfen Steine auf das Parlamentsgebäude. Die Aufnahme von Entschädigungsverhandlungen in Wassenaar im gleichen Jahr konnte dies nicht beeinflussen, nun war es aber die deutsche Delegation, die auf die Bremse trat - an vorderster Front Adenauers Wirtschaftsberater Hermann Josef Abs, der während des dritten Reiches im Vorstand der Deutschen Bank gesessen hatte. Die Vereinigten Staaten und England mischten sich zwar nicht offiziell ein, machten Adenauer aber klar, dass ein Scheitern der Gespräche für Deutschland negative Auswirkungen haben könne. Die Deutschen hatten von Anfang an die Aufnahme von Verhandlungen von einem günstigen Kredit der USA abhängig gemacht: „Die Summe, die im Rahmen des Marshall-Plans an Deutschland gezahlt wurde, ähnelte frappierend den Wiedergutmachungszahlungen an Israel“. Bei all diesen Verhandlungen waren Kommunisten, Zwangsarbeiter aus osteuropäischen Länder, Homosexuelle, sogenannte Asoziale, Sinti und Roma und Deserteure ausgenommen. Letztgenannte mussten sich bis Ende der neunziger Jahre gedulden, bis dies korrigiert wurde. Wenn sie es noch überlebten...

Die unsägliche Unterscheidung in Opfer und Verfolgte des Naziregimes sorgte immer wieder zu Verzögerungen der Verhandlungen. Abgesehen davon, dass die schnelle Umwandlung der Nazi-Täter in Opfer im 1950 erlassenen „Gesetz über die Versorgung der Opfer des Krieges“ (BVG), welches sehr großzügige Rente und zusätzlich eine „Opferrente“ zugestand (auch Nicht-Deutsche wurden einbezogen, allerdings nur wenn sie beim NS-Militär oder der NS-Zivilverwaltung gedient hätten), nicht gerade zu einer Entspannung des Verhandlungsklima beitrug. Hitler könnte also, vorausgesetzt er würde noch leben, von nun an Rente und Opferrente beziehen können. Etliche Hinterbliebene wie die von Himmler, Göring, Heydrich oder Freisler profitierten jahrelang von diesen Zuwendungen des deutschen Staates. Insgesamt sind die Entschädigungszahlungen von Deutschland an die Überlebenden der Schoah gemessen am Bruttoinlandsprodukt lächerlich gering, sie betrugen 1960 gerade mal 0,7%, schwankten dann je nach Jahr zwischen 0,1% und 0,4%, um sich schließlich im Jahre 2005 auf 0,04% des Bruttoinlandsprodukt zu schrumpfen. So viel zu gierigen Juden, die Deutschland aussaugen! Umso schlimmer für den Autor und die Überlebenden, dass diese Zahlungen niemals direkt an die Betroffenen erfolgte, sondern an den Staat Israel und die erwähnte Claims Conferenz, dessen Präsident Israel Singer 2006 von all seinen Ämter wegen Veruntreuung von Geldern zurücktreten musste.

Teitelbaum liefert eine ausgesprochen differenzierte Analyse der Entschädigungsverhandlungen, klammert keine Seite aus, vor allem auch jene nicht die niemals berücksichtigt wurden, wie die osteuropäischen Überlebenden und gibt wie nebenbei einen beeindruckenden Einblick in die israelische Gesellschaft, die sich durch Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion durchgreifend - und keineswegs immer zu ihrem Vorteil - verändert habe.

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Die Rezension erschien zuerst im Februar 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, dpb, 12/2010)