Zum Inhalt springen

Geschlechterreflektierte Bildungsarbeit – Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit

Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule - Dissens e.V. (Hg.)
Buchautor_innen
Dissens e.V. (Hg.)
Buchtitel
Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule
Buchuntertitel
Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung
In einer gelungenen Zusammenstellung von Beiträgen aus der emanzipatorischen Bildungsarbeit wird nun auch Intergeschlechtlichkeit gut thematisiert.
Rezensiert von Heinz-Jürgen Voß

Um die binäre Geschlechterordnung und ihr Gewordensein reflektieren und Auswege erarbeiten zu können, gehört praktisch orientiertes Material dazu. Davon gibt es bereits einiges – zudem sehr gutes –, das für die Kinder- und Erwachsenenbildung entwickelt wurde. Darin wird die gesellschaftliche Konstruiertheit von Geschlecht und die Konsequenz des massiven Anpassungsdrucks für die Menschen, sich den geschlechterstereotypen gesellschaftlichen Vorstellungen anzugleichen, altersgerecht und praktisch orientiert aufgearbeitet (vgl. für eine Übersicht u.a. die Zusammenstellung des Gender Netzwerks).

Ein vorzügliches neues Material stellt die Broschüre „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ dar. Sie wird im Folgenden vorgestellt, wobei besonders auf einen Beitrag zu Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität) hingewiesen wird. Querverweise gehen diesbezüglich auf zwei weitere Broschüren, in denen Intergeschlechtlichkeit ebenfalls thematisiert und in einem Fall gut und in dem anderen schlecht pädagogisch „aufbereitet“ wird.

Warum die Arbeit mit Jungen, wenn von „Konstruiertheit des Geschlechts“ die Rede ist?

Die vorliegende Broschüre, herausgegeben von Dissens e.V sowie Katharina Debus, Bernard Könnecke, Klaus Schwerma und Olaf Stuve, trägt die praktischen Erfahrungen von Personen zusammen, die sie über Jahre in geschlechterreflektierter Bildungsarbeit gewonnen haben. Vorgestellt werden die Erkenntnisse aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und aus der Erwachsenenbildung (Schulung von Pädagog_innen als Multiplikator_innen). Nachgegangen wird unter anderem (Miss-)verständnissen von Pädagog_innen, die sich in Fortbildungen zeigten. So bringen die Autor_innen die klare Analyse der Konstruiertheit von Geschlecht mit der Reflexion der spezifischen gesellschaftlichen Anforderungen an Jungen, sich gemäß „akzeptierter Männlichkeit(en)“ zu verhalten, zusammen. Aktuell werden in der Bundesrepublik alle Menschen mit den gesellschaftlich wirkmächtigen Geschlechterkategorien „Frau“ und „Mann“ konfrontiert und auf diese zugerichtet.

Sind Männlichkeitsanforderungen Schwerpunkt des Bandes, so werden auf einem ebenfalls weit reflektierten Niveau auch die Weiblichkeitsanforderungen beleuchtet. Und es wird vorgeschlagen, wie Intergeschlechtlichkeit sensibel im Schulunterricht thematisiert werden kann. Die Beiträge bewegen sich dabei jeweils auf dem aktuellen theoretischen Stand der Geschlechterforschung, fokussieren Probleme in der praktischen Arbeit – und das stets lesbar und mit zahlreichen unaufdringlichen Erläuterungen versehen, sodass die Lektüre auch Interessierten ohne spezifische Vorkenntnisse der Geschlechterforschung leichtfallen wird.

Naturalisierung und Hierarchisierung

Ist Naturalisierung insgesamt in der Gesellschaft ein wirkmächtiges Ordnungsprinzip, das Privilegierte und Ausgebeutete voneinander scheidet und spezifische Regierungsweisen – „Staat“ und „Volk“ – etabliert (vgl. die Rezension zu „Rasse, Klasse, Nation“ von Étienne Balibar und Immanuel Wallerstein in dieser Ausgabe), so gilt es, sie explizit für ihre Bedeutung bei der Festlegung von Geschlecht sowie von sexuellem Begehren in den Blick zu nehmen.

„Es handelt sich bei den spezifischen Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern und den Bedeutungen, mit denen Geschlecht versehen wird, eher um etwas kulturell Hervorgebrachtes als um etwas Natürliches. Die heutigen Vorstellungen von zwei Geschlechtern – Männern und Frauen – die sich angeblich grundsätzlich unterscheiden, ist eine im wahrsten Sinne des Wortes moderne Idee.“ (S. 29)

Olaf Stuve und Katharina Debus halten fest, dass es – durch die Wirksamkeit binärer Geschlechterordnung – für Menschen oft schwierig sein kann, die Bedeutung von Sozialisation ausreichend nachzuvollziehen. Stattdessen würden reale, gerade gemachte Beobachtungen gern generalisiert, zeitlos gesehen (als wären Menschen gerade in diesem Moment vom Himmel gefallen) und naturalisiert. Mit Blick auf die Pädagogik schreiben sie:

„Es ist gerade diese schwierige Durchschaubarkeit oder auch die gelegentlich damit verbundene Frustration, die unserer Erfahrung nach biologistische Erklärungen häufig plausibel erscheinen lässt und damit dazu führt, dass vielfältige Entwicklungspotenziale von Kindern und Jugendlichen in der Pädagogik übersehen werden.“ (S. 30)

Dabei reiche ein Blick in die Realität, um nachzuvollziehen, dass es „den Jungen“ und „das Mädchen“ nicht gibt, sondern vielfältige Geschlechtlichkeiten und Möglichkeiten mit den gesellschaftlichen Weiblichkeits- und Männlichkeitsanforderungen umzugehen. Olaf Stuve schreibt, unter Heranziehung der einschlägigen Publikationen etwa von Koray Yılmaz-Günay (Rezension hierzu siehe kritisch-lesen.de #11) und Stefan Wellgraf (Rezension hierzu siehe kritisch-lesen.de #20):

„Die Diversität von Jungen ergibt sich zunächst schon daraus, dass sie unterschiedlich alt sind, sie verschiedene soziale (Schicht- und Milieu-)Hintergründe haben, Sexualität verschieden leben, unterschiedliche kulturelle Hintergründe haben. Sie sind von Rassismus betroffen oder nicht, sie leben in Groß-, in Kleinstädten oder im ländlichen Raum, sie gehen auf verschiedene Schultypen und verbringen ihre Freizeit unterschiedlich, sie haben verschiedene körperliche und geistige Fähigkeiten usw. Außerdem sind Jungen unterschiedlich laut und leise, unterschiedlich kontaktfreudig, haben unterschiedliche Wünsche nach Nähe oder Distanz, tanzen gerne oder nicht usw. Abstrakt formuliert verschränkt sich die Kategorie Geschlecht mit anderen gesellschaftlichen Kategorisierungen, was sich wiederum mit so etwas wie unterschiedlichen Persönlichkeiten von Jungen verbindet.“ (S. 19)

So gilt es gerade die unterschiedlichen Männlichkeiten und Männlichkeitsanforderungen in der pädagogischen Arbeit im Blick zu haben, um Hierarchien auch unter den Jungen reflektieren und einordnen zu können. Ein Beispiel:

„Häufig werden im pädagogischen Kontext besonders anstrengende und vielleicht als bedrohlich wahrgenommene Jungen fälschlicher Weise mit der Position der hegemonialen Männlichkeit in Verbindung gebracht, wobei sie sich im Connell’schen Sinne eher protestierend männlich verhalten. [Sie versuchen] durch aggressives und/oder widerständiges Auftreten […] als ‚richtige Männer’ anerkannt zu werden“ (S. 55).

Insbesondere die „Gesellschaftliche Verachtung“ – beispielsweise gegenüber „Hauptschülern“ – (vgl. Wellgraf 2012) führt bei den betroffenen Jugendlichen zu bestimmten – zudem durchaus lebensnotwendigen – Verhaltensweisen, um im sozialen Kontakt den eigenen Selbstwert zu stabilisieren und auf spezifische Art Sozialverhalten zu erlernen und zu praktizieren.

Intergeschlechtlichkeit (Intersexualität)

Nach den intensiven politischen Kämpfen intergeschlechtlicher Menschen und der Rüge der Vereinten Nationen an die Bundesrepublik ist in der BRD einiges bezüglich der Situation Intergeschlechtlicher in Bewegung geraten. Spätestens jetzt ist es auch in der Bildungsarbeit nötig, den individuellen und vielfältigen geschlechtlichen Merkmalsausprägungen und Identitäten Rechnung zu tragen. Es gilt, geschlechtliche Vielfalt und Intergeschlechtlichkeit sensibel zu thematisieren, stets im Blick, dass auch einige der Anwesenden die bisherigen traumatisierenden und gewaltvollen medizinischen Behandlungspraxen gegen „Intersexualität“ haben erleben müssen (vgl. Rezension zu „1-0-1 [one’o one] intersex“, kritisch-lesen.de #18 und zu „Ich war Mann und Frau“, kritisch-lesen.de #10). Statt der ideal-typisierten Darstellungen eines „nackten Jungen“ und eines „nackten Mädchens“ in Schulbüchern und der Pathologisierung von Entwicklungen, die nicht in das Raster „des Typischen“ passen, gilt es nun, wertschätzend mit den individuellen geschlechtlichen (und sexuellen) Entwicklungen umzugehen.

Die schlechten und pathologisierenden Unterrichtsmaterialien, so das Heft 319 „Biologie der Geschlechter“ der Zeitschrift Unterricht Biologie, sollten damit ausgedient haben. In „Biologie der Geschlechter“ wurde Intergeschlechtlichkeit ausschließlich medizinisch und zudem als „Problem“ beschrieben; es wurde zum Beispiel die pathologisierende medizinische Terminologie genutzt. Jugendlichen wird schon durch diese medizinisierte Darstellung die Möglichkeit genommen (beziehungsweise sehr eingeschränkt), einen toleranten und akzeptierenden Umgang mit der eigenen Geschlechtlichkeit und der anderer zu entwickeln. Zugleich wurde in dieser Zeitschrift den neueren biologischen Betrachtungen nicht Rechnung getragen, sondern es wurden lediglich die simplifizierenden Modelle der Genwirkung auf dem methodischen Stand der 1960er Jahre vorgestellt.

Für die pädagogische Arbeit ist also neues Material nötig, bisher liegt aber kaum welches explizit mit Blick auf Intergeschlechtlichkeit vor. Der Beitrag von Andreas Hechler in „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ bietet nun eine erste verlässliche Grundlage. Neben konkreten Hinweisen für die Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit in der Bildungsarbeit gibt Hechler Hinweise für die unbedingt nötige Vorbereitung der Teamer_innen:

„[1] Es ist richtig […], Intergeschlechtlichkeit und den gesellschaftlichen Umgang zum Thema zu machen. [2] Dafür ist es notwendig, sich Wissen anzueignen, u.a. indem Inter* [intergeschlechtlichen Menschen, Anm. HV] zugehört wird – live, in Form von Texten, Dokumentationen und anderen Medienbeiträgen. [3] Intergeschlechtlichkeit sollte nicht für die eigene Theoriebildung funktionalisiert werden. […] [4] Die Gewalt, die Inter* angetan wird, sollte sichtbar gemacht werden, ebenso aber auch der Widerstand dagegen. Darüber hinaus sollten Inter* als eigenständige Menschen, als Individuen mit eigenen Interessen, Vorlieben, Wünschen, Bedürfnissen etc., die nichts mit ihrem Dasein als Inter* zu tun haben, sichtbar werden. [5] Von daher sollte bei der Behandlung des Themas nicht mit der Medizin angefangen werden, die stets pathologisiert, sondern mit Widerfahrnissen und Lebensrealitäten von Inter*. [6] Es sollte grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass Inter* anwesend sind und ein diesbezüglich sensibler Umgang vorherrschen. […]“ (S. 129f)

An diese Ausarbeitungen gilt es anzuknüpfen: Weitere Arbeiten explizit zu Intergeschlechtlichkeit sind nötig. Dafür können die Ausführungen Hechlers weiterentwickelt werden, jeweils nah an den konkreten Forderungen und Selbstdarstellungen der Selbstorganisationen intergeschlechtlicher Menschen (vgl. u.a. intersexuelle-menschen.net, zwischengeschlecht.org, intersexualite.de). Ergänzend zu empfehlen ist die Broschüre von SELBSTLAUT (2012), über die sich aktuell Konservative in Österreich aufregen. Sie stellt zwei bedenkenswerte Methoden explizit für die Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit in der Bildungsarbeit vor (vgl. darin S. 57-61, 69f). Weitere Vorschläge für die praktische Arbeit der Broschüre „Ganz schön intim“ orientieren darauf, die Kinder dabei zu unterstützen, ihre Einzigartigkeit auch in Bezug auf Geschlechtlichkeit zu erleben und zu erlernen.

Fazit

Ein Blick auf die aktuellen Materialien geschlechterreflektierter Bildungsarbeit lohnt. Der Band „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ ist absolut empfehlenswert für praktisch in der Bildungsarbeit Tätige und ebenso für theoretisch Interessierte. Neben einer fundierten theoretischen Basis für die praxisbezogene Bildungsarbeit insbesondere mit Jungen bietet er auch Material für die Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit.

**

Die Studie von Dissens e.V. ist online hier einsehbar.

Die Broschüre kann für € 5,- bei bestellung@jungenarbeit-und-schule.de in Papierform bestellt werden.

Zusätzlich verwendete Literatur

Ruppert, Wolfgang (Hg.) (2006): Unterricht Biologie. Biologie der Geschlechter. Heft 319.
SELBSTLAUT (2012): Ganz schön intim: Sexualerziehung für 6-12 Jährige. Online einsehbar hier

Dissens e.V. (Hg.) 2012:
Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung.
Hinkelsteindruck, Berlin.
ISBN: 978-3-941338-09-8.
193 Seiten. 5,00 Euro.
Zitathinweis: Heinz-Jürgen Voß: Geschlechterreflektierte Bildungsarbeit – Thematisierung von Intergeschlechtlichkeit. Erschienen in: Gesellschaft im Neoliberalismus. 29/ 2013. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1148. Abgerufen am: 01. 07. 2016 18:57.

Zum Buch
Dissens e.V. (Hg.) 2012:
Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule. Texte zu Pädagogik und Fortbildung rund um Jungen, Geschlecht und Bildung.
Hinkelsteindruck, Berlin.
ISBN: 978-3-941338-09-8.
193 Seiten. 5,00 Euro.
Newsletter