In der „Entwicklungspolitik“ sind über die Jahrzehnte viele Moden, Trends und Hypes zu beobachten. Während bestimmte Grundannahmen sich kaum wandeln (wie der positive Bezug auf Wirtschaftswachstum), kommen und gehen die unterschiedlichen Instrumente und Maßnahmen, mit denen die Länder des globalen Südens „entwickelt“ werden sollen. Mal wird die „Unterentwicklung“ auf die fehlende Infrastruktur und Energieressourcen zurückgeführt, so dass Straßen und Staudämme gebaut werden sollen. Dann stellt sich heraus, dass so weder die Länder innerhalb der kapitalistischen Weltwirtschaft eine bessere Stellung noch ihre jeweiligen Bevölkerungen mehr Wohlstand erreichen können. Zeit für den nächsten Erklärungsversuch: Vielleicht sind Großprojekte der falsche Weg und vielleicht hapert es eher an gut ausgebildeten Arbeitskräften? Oder vielleicht sind auch die korrupten Regierungen der Trikontländer selbst Schuld daran, dass die „Entwicklungspolitik“ nicht greifen kann? Sollte man Graswurzel-Initiativen zu Empowerment von Humankapital fördern oder doch den politischen Eliten Good Governance näher bringen? Um solche und viele, viele andere Fragen drehen sich die Debatten um „Entwicklungspolitik“.

Ein eher neueres Instrument der „Entwicklungspolitik“ sind Mikrokredite, die bisher in den wissenschaftlichen und öffentlichen Debatten einen hervorragenden Ruf haben. Mikrokredite tragen demnach positiv zum Wirtschaftswachstum und zur Armutsreduktion bei, ohne die staatlichen Haushalte zu belasten – und würden noch zusätzlich Frauen und sozial Benachteiligten zur Selbstermächtigung verhelfen. Gerhard Klas trübt kenntnis- und faktenreich das schöne Bild von Mikrokrediten als kostengünstige Heilsbringer gegen Armut und Frauenunterdrückung.

Der Autor beleuchtet dazu den Entstehungskontext der Mikrokredite. Dabei ist die Frage nach der Rolle des Staates zentral. Während in der Entkolonisierungsphase nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1970er Jahre der Staat als der zentrale Entwicklungsmotor angesehen wurde, wie etwa bei der Debatte um „Entwicklungsdiktaturen“, hat sich dies spätestens mit der Schuldenkrise am Anfang der 1980er Jahre und den anschließenden Strukturanpassungsmaßnahmen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank grundlegend geändert. Die neoliberale Politik in den 1980er und 1990er Jahren führte im globalen Süden zur Kürzung der staatlichen Ausgaben in den Bereichen Soziales, Bildung und Gesundheit. Viele Menschen in den Ländern der „Dritten Welt“, die auf die staatlichen Wohlfahrtsmaßnahmen angewiesen waren, konnten sich eine privat finanzierte Versorgung mit diesen Gütern nicht leisten. Mikrokredite liefern scheinbar eine Lösung für dieses Problem. Indem auch arme Menschen Zugang zu Krediten erhalten, die bis dahin aufgrund fehlender Sicherheiten davon ausgeschlossen waren, können sie sich diese Güter leisten – oder die Kredite zu einem einkommenssichernden Schritt nutzen. So ist auch in den Debatten um Mikrofinanz immer wieder die Rede von fleißigen KleinstunternehmerInnen, die sich mit einem Mikrokredit ein Geschäft aufbauen konnten und so der Armut entronnen sind. Das Bild scheint auch erstmal schlüssig zu sein, aber nur so lange, bis man etwa erfahren hat, welche Zinssätze bei Mikrokrediten zu bezahlen sind (im Durchschnitt 38 Prozent, teilweise bis zu 100 Prozent), wie hoch der Anteil der KreditnehmerInnen ist, die tatsächlich von Mikrokrediten profitiert haben (5-10 Prozent) und welche Methoden Mikrofinanzinstitute verwenden, um die Schulden einzutreiben.

Insbesondere die Behauptung der Mikrofinanz-Befürworter, dass Mikrokredite zur Armutsreduktion beitragen oder gar „Armut ins Museum verbannen“ (Muhammad Yunus) würden, wird kritisch geprüft. Unter anderem anhand der Beispiele Bangladesh und Indien – Länder, in denen Mikrokredite eine Massenverbreitung gefunden haben – wird gezeigt, dass Mikrokredite dieses selbst gesteckte Ziel überhaupt nicht erfüllen. Die Mehrheit der KreditnehmerInnen bleibt arm oder verarmt noch weiter – wenig überraschend angesichts der hohen Zinssätze. Wer die Zinsen und Rückzahlungsraten nicht begleichen kann, nimmt weitere Kredite auf und gerät so tiefer in die Schuldenfalle. Zahlreiche Selbstmorde von KreditnehmerInnen zeigen, dass Mikrokredite oft eine weitere Bürde sind – und kein Ausweg aus der Armut.

Daneben wird auch skizziert, dass Mikrokredite kein reines „Dritte Welt“-Phänomen sind, sondern dass inzwischen auch im Westen dieses Instrument genutzt wird. In Großbritannien etwa werden Mikrokredite mit einem Zinssatz von 48 Prozent vergeben. In Deutschland sollen Mikrokredite als eine Alternative zu der faktisch abgeschafften Gründungsprämie der Arbeitsagentur etabliert werden, wobei die Zinsen und Rückzahlungsraten die prekären Existenzgründungen (vielfach als Ich-AGs) noch stärker belasten dürften – die Zahl der Insolvenzen dürfte steigen.

Es ist ein sehr lesenswertes Buch und der journalistische Schreibstil ermöglicht auch eine gute Lesbarkeit. Wer eine stärker wissenschaftliche Auseinandersetzung sucht, findet genug Quellenhinweise hierfür. Der Autor positioniert sich politisch eindeutig, ohne in Polemik zu verfallen. Sehr positiv ist auch die Kontextualisierung des Themas, die deutlich macht, dass es hier nicht um einen Aspekt für EntwicklungspolitikspezialistInnen geht, sondern um ein Thema, das das Leben von vielen Menschen elementar berührt.