Hip Hop ist für progressiv und links denkende Menschen bisweilen ein ziemliches Ärgernis: frauenverachtende, machistische, homophobe und sexistische Lyrics, unglaublich nerviges zur Schau stellen von materiellem Reichtum (gerne in Form von teuren Autos, allerhand Schmuck oder schlicht Bargeld in rauen Mengen), bis in die Lächerlichkeit aufgeblasene Egos und dementsprechend unerträgliches Gehabe. Aus welchen Gründen auch immer, aber Derartiges ist offenbar angesagt und vielleicht noch wichtiger: Es lässt sich jede Menge Geld damit verdienen. Kann man Hip Hop also den Sexisten, KapitalistInnen und BrilliantohrringträgerInnen überlassen, wo die Rollenverteilung jene ist, dass die Frauen mit dem Hintern wackeln und die Männer eben darüber rappen während sie auf den Rückbänken von teuren Autos mit Geldscheinen um sich werfen? Und ist es zuviel verlangt, anspruchsvolle Hip-Hop-Lyrics fernab dieser szeneüblichen Motive zu verlangen?

Hip Hop und Politik – ein Exkurs

Zum Glück können oben in den Raum gestellte Fragen verneint werden, auch, wenn die bewusst spitz formulierte Charakterisierung des Mainstream-Hip-Hops leider all zu oft genau so zutrifft und von vielen willig nachgeäfft wird. Das gesamte Genre ist aber dennoch sicher nicht in den eben geschilderten Topf der Reaktionäre zu werfen. Schon die Entstehungsgeschichte in den African-American-Comunities in den USA hat einige interessante politische Implikationen, auch, wenn der Mainstream-Hip-Hop aus dem Mutterland dieses Genres mittlerweile durch die Bank so konformistisch und unerträglich ist wie Christina Aguilera und Justin Bieber. Die Rolle des Hip Hops – hier des sog. „Gangster-Raps“ – in African-American-Communities in den USA wird zum Beispiel von Black-Panther-AktivistInnen auch kritisch analysiert. So meint beispielsweise Geronimo ji-jagga Pratt, dass, als „die BPP [Black Panther Party] vom Staat zerschlagen wurde“ sich die Vorbilder der Jugendlichen in der Folge änderten. Nun waren es die „Zuhälter und Drogendealer“ und in weiterer Folge die „Entstehung der Gangs und der damit einhergehenden Gangstermentalität“, die anstellen einer „revolutionären, fortschrittlichen Identität“ trat. „Das war genau das, was die US-Regierung erreichen wollte“ schlussfolgert er. (Pratt zit. n. Redaktionskollektiv „Right On“ 1993, S. 64) Der US-amerikanische Gangster-Rap hat hier sicher viel zu dieser neuen Identitätsbildung beigetragen, sind doch noch heute eben diese geschilderten Motive in den dementsprechenden Lyrics (auch außerhalb der USA) omnipräsent und positiv konnotiert.

Wie dem auch sei: Anspruchsvoller linker Hip Hop – um den es hier ja gehen soll – ist existent, lediglich suchen muss man ihn etwas intensiver. Zudem ist er ein globales Phänomen: sei es nun Anarchist Academy aus dem Sauerland, Combat Wombat aus Melbourne, Mr. Lif aus Boston oder Drowning Dog & Malatesta aus San Francisco – gut gemachte Rapmusik mit progressiven Texten ist unter dem großen Haufen reaktionärer Reime und nerviger Selbstinszenierung durchaus zu finden. Mittlerweile gibt es sogar anarchistische Hip-Hop-Festivals und -Plattenlabels – etwas, das man sonst eher aus der Hardcore/Punk-Ecke kennt. Ein weiterer Hoffnungsschimmer für FreundInnen von gutem, progressivem Hip Hop – und hier kommen wir nun zu dem zu besprechenden Buch – ist auch die Formation TEXTA aus Linz (Oberösterreich), die soeben ihre Lyrics aus den Jahren 1993-2011 in ihren „TEXTA-Chroniken“ veröffentlicht hat – Texte, die neben ihrem politischen Anspruch durchaus auch literarische Qualität haben.

Das TEXTA-„Textuniversum“

Konzentriert man sich auf die politischen Texte von TEXTA (bestehend aus den MCs Huckey, Laima, Skero und Flip sowie DJ Dan), so findet man immer wieder sozialkritisch Lyrics, die sich unter anderem gegen Gewalt und Faschismus, Sicherheits- und Überwachungswahn, gegen die Musikindustrie und profitorientierte Majorlabels (sowie die dazu gehörigen, beliebig austauschbaren Klon-InterpretInnen und -Bands) oder ganz generell gegen einen unzumutbaren Status quo richten. Erwähnenswert sind hier Tracks wie „Widerstand“, der im Jahr 2000 anlässlich der neu gebildeten rechts-konservativen ÖVP-FPÖ-Regierung aufgenommen wurde. Das dazugehörige Video ist eine wunderbare Reminiszenz an die massive Widerstandsbewegung, die sich damals in Österreich bildete, inklusive legendärer Aktionen wie der Tortung des FPÖ-Politikers Hilmar Kabas, der „Ausländer raus!“-Aktion von Christoph Schlingensief und der Auftritt des Schauspielers Hubsi Kramar als Adolf Hitler beim Wiener Opernball.

TEXTA ist zwar eine politische und sozialkritische Band – und diese Rezension legt augenscheinlich großes Augenmerk auf den politischen Gehalt ihrer Lyrics –, es wäre aber falsch den Eindruck zu erwecken, dass sich alles nur um politische Themen dreht. Derartiges spielt zwar eine gewichtige Rolle, ist aber nur Teil eines viel breiter gefächerten Themenspektrums. Und zudem ist im Hip Hop ja auch das Nichtsagen von Dingen ein politisches Statement, wenn man sich also bestimmter Motive bewusst nicht bedient: und TEXTA-Lyrics kommen völlig ohne Chauvinismus aus! Hier ist also die Abstinenz derartiger Zeilen schon als politische Ausrichtung zu werten. Unter anderem im Track „Nachricht von Dan“ wird ganz offen gegen den szeneimmanenten Chauvinismus Stellung bezogen und anstelle des Siegertyps spielen in TEXTA-Lyrics auch mal sozial Benachteiligte die Hauptrolle (zum Beispiel „Willkommen im Club“). Wenn in einem Text einmal die szenetypische Prahlerei zelebriert wird (wie in „So gut wie ich“), dann schicken sie in der kurzen Erläuterung, der sich nach jedem Text findet, sympathischerweise auch gleich hinterher, dass das Ganze ein „nicht ganz erst gemeinter Versuch [war], sich in dieser Disziplin zu üben“ (S. 67). Lediglich im Text des Liedes „Daha Daha“ findet man teilweise an den Mainstream-Hip-Hop rekurrierende männliche Sexualphantasien, wobei Huckey hier den Pokal für den emanzipatorischsten TEXTA-MC erhält, da er sich, laut der Erläuterung am Ende des Textes, weigerte, bei so einem Track mit zu rappen. Bravo Huckey!

Viele der Texte erzählen verschiedene reale oder völlig surreale Geschichten, sind melancholische Reflexionen über dieses und jenes oder lassen einfach nur den Hip Hop hoch leben. Ein qualitativer Sprung in der literarischen Qualität der Texte ist ab dem dritten Album „gegenüber“ aus dem Jahr 1999 zu erkennen. Auch sie selbst schreiben von einem „Reifeprozess“ in dem die „Songkonzepte […] ausgereifter“ (S. 71) wurden. Schöne Beispiele für anspruchsvolle Inspirationsquellen sind hier unter anderem Tracks wie „Kanten“, in denen die vier kantischen Fragen „Was kann ich wissen?“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ und „Was ist der Mensch?“ von den (passenderweise) vier MCs in einem Rapsong behandelt werden. Bert Brecht, Ödön von Horvath und Ernst Jandl dienten ebenfalls in der einen oder anderen Art und Weise als Ideengeber für Songs. Hier entpuppen sich die TEXTA-Lyrics als ein Dreiergespann aus Lyrik, Politik und Philosophie – sehr schön! Auf späteren Alben begaben sie sich auch in die Gefilde des Mundart-Raps und prüften somit ihren oberösterreichischen Dialekt auf seine Raptauglichkeit. Kooperationen wie jene mit der oberösterreichischen Volksmusik/Hip Hop/Punk/Blues-Band (ja, das geht alles zusammen …) Attwenger, die seit jeher ihren Songs Dialekt-Lyrics verpassen, waren da eine logische Konsequenz. Hier scheint eine innovative Indy-Musikszene literarisch an die Tradition eines H. C. Artmann und anderen DialektpoetInnen anzuknüpfen.

Kabinenparty mit Sido

Doch leider ist auch im TEXTA-Universum nicht alles wunderbar. Dass Bands wie TEXTA ebenso nicht gänzlich vor der Mainstream-Falle sicher sind, zeigt der „Sommerhit“ von TEXTA-Mitglied Skero mit Namen „Kabinenparty“ (kein Link an dieser Stelle). Man wird sehen, ob sich derartige Ausflüge in das Reich des Kommerzes und der „Hitradios“ wiederholen oder nicht. Fairerweise muss man aber hinzufügen, dass das genau genommen auch kein Song von TEXTA als Band war (und somit auch nicht Teil des Buches ist), es aber trotzdem unweigerlich Teil der TEXTA-Biografie ist. In einem Interview deutete Skero aber einmal an, dass die anderen TEXTA-Mitglieder offenbar nicht so glücklich über diesen „Sommerhit“ waren, was wohl auch Huckey meint, wenn er schreibt, dass derartige Partykracher auf Skeros Soloalbum für „Diskussionen und Kontroversen“ (S. 252) sorgten.

Dass man in dem Buch auch Sido (ja, der Sido …) abgebildet findet, da er für einen Track mit TEXTA zusammengearbeitet hat, lässt einen auch nicht gerade wenig staunen. Man fragt sich, wie ein derartiger Rapper, der ganz eindeutig in die eingangs erwähnte reaktionäre Ausrichtung des Hip Hops gehört, es schafft mit einer prinzipiell recht progressiven Band wie TEXTA zusammenzuarbeiten. Wobei, es wird erwähnt, dass er damals noch zu der Masse völlig unbekannter Rapper gehörte und erst nach dieser Kooperation den Durchbruch als böser Bube des deutschen Raps schaffte. Berühmt oder nicht: Dass er damals zu den Progressivsten in der Berliner Rap-Szene gehörte, darf bezweifelt werden. Zu dieser Kooperation habe ich eine dazu im Widerspruch stehende Passage aus dem Frühwerk von TEXTA gefunden: „Denn: Prinzipiell gibt’s Respekt für jeden, solange er nicht anfängt, Blödsinn zu reden.“ (S. 22) Aber zumindest macht sich Huckey ganz offen über den „sogenannten ‚deutschen Gangsterrap‘ mit Härtegrad 10, Tendenz steigend“ (S. 113), den er zudem völlig zurecht als „Schwachsinn“ (ebd.) bezeichnet, lustig und die Lyrics zu „Der letzte Schrei“ sind ebenfalls überdeutlich was dieses Phänomen anlangt. Umso deplatzierter wirkt Sido in dem Buch und bei TEXTA. Skurrilerweise ist Sido auf einer Seite direkt unter dem höchst sympathischen linken Schriftsteller und Regisseur Kurt Palm abgebildet. Wie sich der arme Kurt Palm jetzt wohl fühlt? Aber gut, nicht jede Leiche im Keller ist gleich ein Weltuntergang. Zuviele sollten es halt nicht werden.

Trotzdem: Das Buch ist eine Zelebration linker Hip-Hop-Kultur, die sich politisch engagiert zeigt, chauvinistischem Szenegehabe die kalte Schulter zeigt und einfach nett zu lesen ist. Achja, und die Musik ist übrigens auch super, aber die müsste mal bei dem noch zu startenden Projekt kritisch-hören.de besprochen werden.

Zusätzlich verwendete Literatur:

Redaktionskollektiv „Right On“ (Hg.) 1993: Black Power. Interviews mit (Ex-)Gefangenen aus dem militanten Schwarzen Widerstand. Berlin/Amsterdam: Edition ID-Archiv