Es gibt viele Sex-Bücher – aber wie oft findet man eins, das sich nicht mit heterosexueller Lust, sondern mit lesbischer beschäftigt? Dass sexuelle Orientierungen, die von der heterosexuellen Norm abweichen, immer noch marginalisiert werden, zeigt sich unter anderem am Thema Sex – während kein Spielfilm ohne heterosexuelle Sexszenen auskommt, ist lesbischer Sex weiterhin weitgehend unsichtbar. Umso glücklicher können sich diejenigen schätzen, die dieses Buch in die Hände bekommen. Manuela Kay und Anja Müller beschreiben in Schöner kommen alles, was mit lesbischer Lust und Liebe zu tun hat. Auf schamlose und direkte Art fassen sie und einige Gastautorinnen lesbische Fantasien in Text und geben dem Thema eine befreiende Selbstverständlichkeit. Als eines der sehr wenigen Sex-Ratgeber für Lesben ist das Werk mit der mittlerweile 6. Auflage zum Selbstläufer geworden.

Das als „Drei-In-Eins-Produkt“ verfasste und 257 Seiten füllende Buch ist Bildband, Lesebuch und Ratgeber in einem. So besteht jedes Kapitel aus einem aufklärenden Theorieteil und ein bis mehreren Kurzgeschichten von insgesamt 14 Autorinnen. Das gesamte Buch ist mit vielen unverblümten Fotos illustriert. Die Themen steigern sich vom Soften, etwa dem „Wie lerne ich sie kennen?“ oder Selbstbefriedigung bis hin zu Härterem wie dem Cutting, Fisten, Heiß-/Kalt- oder Fesselspielen. Abschließend findet sich auf den letzten Seiten des Buches ein Glossar. In der Einleitung wird erwähnt, dass Themen wie Sex mit als behindert Geltenden, Transidentität oder „andere körperliche oder seelische Beschaffenheiten“ (S. 7) punktuell einbezogen wurden, der Einbau von „Feigenblattkapitel[n]“ (ebd.) den Herausgeberinnen aber verlogen erschien und darauf somit verzichtet wurde. Interessiert man sich nur für bestimmte Themen, kann man problemlos an jeder Stelle des Buches einsteigen.
Die Angemessenheit der groben, umgangssprachlichen Ausdrucksweise der Autorinnen („die Gefickte“, S. 118; „Möse“, S. 84; „Fingerfick“, S. 143), beurteilt sicher jede anders, verringert meines Erachtens aber die gedankliche Distanz zwischen Gelesenem und Realität, die in anderer Literatur oft durch förmliche Ausdrucksweise erhalten bleibt. Auch ist der Text sehr leicht verständlich – hier wird eben be- und nicht umschrieben.

Mit großem Einfallsreichtum und Praxisorientierung wird mit dem Thema Sexspielzeug umgegangen. Brustklemmen fänden sich, abgesehen vom Erotikshop, auch zu Genüge in Haushaltswarenläden in Form von Holz- oder Plastikwäscheklammern, Tischtuchbeschwerern, Gardinenklemmen, aber auch im Chemiefachhandel, im medizinischen Bereich (chirurgische Klammern), im Elektronikfachhandel oder im Baumarkt würde man eine große Auswahl vorfinden. Gewarnt wird vor Verletzungen: „Bei den scharfkantigen Klammern (…) sollten allerdings die Zähne stumpfgefeilt oder umgebogen werden.“ (S. 55)
Zur Pflege von normalen Dildos wird darüber informiert, dass viele auch spülmaschinentauglich seien. Auch beim Thema Penetration wird nicht an Fantasie gespart:

„Gemüse und Obst wie Möhren, Bananen, Zucchini oder Gurken können mehr als nur Gaumenfreude bereiten. (…) Exotischere Gegenstände wie Fön, Bürstengriffe oder toll vibrierende elektrische Zahnbürsten sollten besonders zartfühlend benutzt werden“ (S. 120)

Auch frühere Leserinnen des vorliegenden Bücherei-Exemplars scheinen Spaß am Lesen gehabt zu haben: unterstrichene Wörter, mit Herzchen umkreiste, durchgestrichene oder eingefügte Wörter schmücken den Text. Ganze 15 Seiten des Buches wurden in meinem Exemplar säuberlich ausgeschnitten.

Risiken und Nebenwirkungen

An vielen Stellen gehen die Autorinnen auf die Psyche und selbstkritische Reflexion ein. Beispielsweise müssten heterosexuelle Fantasien keine Identitätskrisen auslösen. Beim Bondage (Fesselspiele) betonen die Autorinnen:

„Grundsätzlich ist Bondage eine Sache des Vertrauens. Darum sollte sich jede vorher über ihre eigenen Grenzen im Klaren sein. Ehrliche Kommunikation ist die wichtigste Voraussetzung für ein sicheres Spiel, ja für Intimheit überhaupt.“ (S.163)

Der Umgang mit oftmals negativ gewerteten Effekten wie Schmerz, Taubheitsgefühlen und Wunden ist akzeptierend. Spürbare oder sichtbare Folgen seien „manchmal erwünscht“. An keiner Stelle werden sie verurteilt – im Gegenteil: Auch hier werden wichtige Ratschläge und Anleitungen gegeben. Gleichzeitig warnen die Autorinnen vor der Grenze zwischen gesundem, lustvollem Schmerzempfinden und der Gefahr des übermütigen Handelns. An einigen Stellen wird der Leserin verdeutlicht, dass vor allem unbeabsichtigt schlimme Verletzungen geschehen können – nicht aus Böswilligkeit, sondern vielmehr aus lustvoller Ekstase heraus: „Die Gefahr bei dieser Überlistung des motorischen Schutzreflexes besteht darin, dass bei ungenauer Kenntnis der Vorgänge im Endorphinrausch auch schwere und gefährliche Verletzungen verursacht werden können.“ (S. 58) Die Autorinnen empfehlen grundsätzlich Neues vor dem Sexspiel an sich selbst zu testen, beziehungsweise jede Praktik auch einmal aus der seltener eingenommen Rolle zu erfahren.

Die zum Teil sehr platten, größtenteils aber aufregenden Kurzgeschichten können gut als kleine stimulierende Literatur vor dem Schlafengehen oder für Zwischendurch dienen – und bieten ein breites Spektrum an Inspiration. Passend zum Kapitel betten sie das entsprechende Thema in eine Geschichte.

Krankheitsübertragung – ein Thema, das bei lesbischem Sex nicht weniger gewichtet werden darf als bei heterosexuellem – wird an vielen Stellen thematisiert. So wird zum Beispiel beim Cutting (Schneiden in die Haut) erläutert, dass, wenn man das Blut des Partners ablecke, man sich im Klaren darüber sein solle, dass „die Magenschleimhaut zwar normalerweise alle Vieren und Bakterien abtöten wird, aber auf dem Weg dorthin kleinste Wunden in Mund, Rachen oder in der Speiseröhre ausreichen, um Krankheitserreger zu übertragen.“ (S. 225) Es wird auch auf die Übertragung von HIV hingewiesen und vor Leichtsinn gewarnt: „Wenn die Lust am größten ist, ist meist auch die Bereitschaft zur Leichtsinnigkeit und zu (Not)Lügen vorhanden.“ (S. 225)

Aber auch bei gängigen Praktiken, wie dem Rimming (Liebkosen der Rosette mit der Zunge) wird angemerkt, dass beim ungeschützten Lecken die Gefahr für beide besteht, sich mit Hepatitis B und für die Leckende, sich auch mit Hepatitis A (Gelbsucht) zu infizieren. Verhindert werden kann dies unter anderem durch den Gebrauch von Haushaltsfolie. Im Weiteren wird unter anderem vor gesundheitsschädlichem Einsatz von fetthaltigem Gleitgel für die anale Penetration und vor dem Gelangen von Darmbakterien an den Scheidenbereich gewarnt.
Bei einigen Techniken, wie zum Beispiel dem Fisten (Einführen der Faust in die Scheide), wird der Gebrauch von Latexhandschuhen empfohlen. Dies ist sicher nicht für jede die erotischste Art ihre Freundin anzufassen, aber im Rahmen der Aufklärung eine Anmerkung Wert.

Medizinisch geht es vor allem in den letzten Kapiteln zu. Beim Cutting findet man genaue Anweisungen:

„Auf keinen Fall sollten im Bereich des Gesichts, Schläfen, Kopfhaut, Hals, Bauch (…) Hände, Füße, Leisten oder der Genitalien rumgeschnipselt werden. (…) Nicht schräg, sondern im rechten Winkel zur Hautoberfläche schneiden, so können die Gefäße besser wieder zusammenwachsen, und die Tiefe des Schnittes kann genauer eingeschätzt werden.“ (S. 221)

Verdrängte Erfahrungen

Die Autorinnen erklären nicht nur, was darf und was nicht sollte, sondern beschäftigen sich auch mit gesellschaftlich verdrängten Themen wie der Ejakulation von Frauen: „Eine männerdominierte Wissenschaft wollte das Phänomen biologisch lange nicht erklären. Mittlerweile haben sich aber auch viele Forscherinnen daran gemacht, das angeblich männliche Privileg des Ejakulierens zu untersuchen“ (S.121). Eher pauschal geurteilt erscheint allerdings die Aussage über den vaginalen Orgasmus, der „im Rahmen der Unterdrückung ihrer Sexualität (…) Frauen abtrainiert“ (ebd.) worden sei. Der klitorale Orgasmus hingegen erfuhr mit der Hinterfragung des Sinn und Zwecks vaginaler Penetration im Rahmen der feministischen Frauenbewegung in den siebziger Jahren eine Aufwertung.

Auch die Rolle des Dildos wird erläutert. Es stimme nicht, dass alle Lesben in Ermangelung von Phantasie und im verzweifelten Bemühen, Heteros zu imitieren, Dildos benutzten. Nach langer Zeit der Verbannung als schändliches Schwanzimitat, das für Penisneid, Männermangel und politisch fragwürdiges „Lesbischsein“ gestanden habe, da er die Sehnsucht nach heterosexueller Penetration impliziert habe, sei der Dildo heute salonfähiger denn je.

Aus meiner Sicht ist Schöner kommen ein sehr empfehlenswertes Buch für alle, die Spaß an lesbischem Sex haben, Inspiration suchen, auf Orientierungssuche oder schlichtweg neugierig sind. Bei diesem breiten Themenspektrum sollte jede auf ihre Kosten kommen. Ich habe dieses Buch während meiner ersten Beziehung zu einer Frau verschlungen – es hat das Thema „lesbischer Sex“ noch einmal aufregender erscheinen lassen und mich in vielerlei Hinsicht inspiriert.