Die Frage, die sich beim Wiederlesen des fünfzehn Jahre alten Buches aufdrängt: muss es bei der Kälte bleiben? Soll es bei der Gleichgültigkeit der Massen bleiben, die die größten Verbrechen als Nebensache behandeln, um sich zunehmend auf ihr Interieur und dessen Besorgung zurückzuziehen. Oder ist diese Betrachtungsweise nicht selbst schon der Fehler, dem erst die "Erkältung" entspringt.

Werner Krauss und Gracian

Merkwürdig schon der äußere Anlass der Gesamtkonzeption. Gracian war ein Jesuit des 17. Jahrhunderts gewesen, eingesperrt in das Zeremoniell des spanischen Hofs seiner Zeit. Er stellt keine eigene Lehre über den Zustand der Welt im Ganzen auf, hält sich an die überlieferten Urteile über Verdammnis und Gnade nach dem Tod. Nur: die interessieren ihn nicht sonderlich. Ihm geht es um das Taktieren, Finassieren, Siegen, solange man noch auf der Welt ist. Dafür gibt er Ratschläge. Lethen war nach dem Krieg auf ein kleines Büchlein von Krauss über diesen Gracian gestoßen. Krauss hatte es, schon zum Tode verurteilt wegen seiner Mitarbeit an der Konspiration der Roten Kapelle, in der Zelle - mit gebundenen Händen - verfasst und nach Krieg und verblüffendem Überleben herausgegeben. Krauss selbst schreibt:

"Ich fand mich in einer einzigartigen Situation: ohne jede Rücksicht auf die Wirkung bei einem gedachten oder realen Publikum mein ganzes Leben in die Gegenwart des Wortes nehmen. Schließlich begann ich eine wissenschaftliche Arbeit über Gracians Lebenslehre, die mir einige schreckliche Stunden verkürzte."

Klar, dass einer, der keine andere Aussicht mehr hat als die auf vier kahle Zellenwände, ein Verhörzimmer und das Handbeil des Hinrichters sich mit den Ratschlägen zufrieden geben muss, die ihm aus dem verschollenen Buch entgegentreten. Die vergangene Politik im Rahmen kommunistischer Ziele wirkt entsprechend diesen Voraussetzungen nur noch als ein vergeblicher Ausfallsprung - folgenlos. Krauss dazu:

"Schulze-Boysen von der Roten Kapelle hielt es für notwendig, für den Zusammenhalt seiner Gruppe eine Aktion zu unternehmen, deren politische Tragweite er selbst freilich gering einschätzte. Es handelte sich natürlich nicht darum, durch Agitationsparolen propagandistisch zu wirken - wohl aber darum, der Bevölkerung das Gefühl zu geben, dass wir noch lebten, und dass die Kräfte im Innern bereitstanden. (...) Ich hielt den Augenblick für denkbar schlecht gewählt, im Hinblick auf die bevorstehende große Sommeroffensive gegen Russland (1942/43), bei der mit großen Anfangserfolgen gerechnet werden musste. Über meinen weiteren Einwand, dass der Einsatz für eine bloß symbolische Aktion zu gewagt wäre, ging man hinweg unter Hinweis auf die schon gedruckten Zettel. Ein Abblasen der Aktion würde die Gruppe vollends entmutigen. Nachdem dieser Entschluss einmal durchgedrungen war, erklärte sich Ursula, wie wir für diesen Fall verabredet hatten, dass wir uns der Gruppendisziplin fügen und die Aktion mitmachen werden. Die Verteilung der Zettel übernahm Thiel. Wir verklebten in der Gegend vom Sachsendamm in der Nacht vom 17. bis 18. Mai eine größere Anzahl von Zetteln. Die Angelegenheit erregte in Berlin großes Aufsehen. Alle Versuche der Polizei, die Spuren der Täter zu finden, blieben vergeblich. Wir waren zumeist in Wehrmachtstellungen verborgen." (S. 63/64)

Was sind die Verhaltensweisen, die man sich in eingeschlossenen Räumen zu Herzen nahm? In Lethens Zusammenfassung:

"Es fallen die Stichworte des Kults der Sachlichkeit: das Verbot des Rituals der Klage, die Disziplinierung der Affekte, die Kunstgriffe der Manipulation, die List der Anpassung, die Panzerung des Ich; die Verfahren des physiognomischen Urteils und die Reflexion des Verhaltens in einem Parallelogramm der Kräfte". (S. 57)

Sachlichkeit - damit ist Lethens eigenes lebenslängliches Programm genannt. In einem Sammelband Lethen/Rother: „Von der kritischen zur materialistischen Wissenschaft" hatte er in einem Bericht über die schulische Behandlung des Themas sehr scharf darauf gesehen, wie zum Beispiel die Schilderung der niedergeschlagenen Ladenmädchen in einer Reportage auf die Berufsschülerinnen wirkte, die sich genau im selben Zustand der Niedergeschlagenheit vorfanden. Nämlich: Vernichtend. Noch weiter niederdrückend. Damals war Lethen offenbar noch der Frage nachgegangen, wie Literatur nicht so sehr auf andere Literaten, sondern auf die Masse der Leser selbst wirken könne - oder auch nicht.

Mit den Anfängen bei der KPD-AO, deren Mitglied er war, ergibt sich auch eine erste Antwort auf den Ursprung der Kälte, die der spätere Lethen als Grundzustand der Welt erkennt. Das Gefühl der Kälte kommt, wie bei vielen anderen ,aus der Erkältung, der Erfahrung einer unberührbaren Welt, der alle Erklärungen weitgehend egal blieben. Wir alle waren damals als Evangelisten ausgezogen, und blieben als Trockenschwämme zurück ungeachtet des Wahren der zu verkündenden Botschaft. Insofern erscheint Kälte als die gemeinsame Abweisung der Wahrheit durch die "gesund und billig Denkenden", die sich von Lehrstuhl zu Redaktionsraum sich gegenseitig der Akzeptierpflicht ihrer Lehre versicherten. Die bleibende Frage: muss Lethens Diagnose für alle Zeiten gelten?

Es ließe sich - zumindest von außen - durchaus annehmen, dass noch die Aktivisten der Studentenbewegung nur Ausfälle wagten aus einer Festung, deren Einsturz sie befürchten mussten. Lethen zieht - statt des klassischen Modells der Klassen - immer wieder Riesmans Sortierung heran (in "The lonely crowd") nach: traditionsgelenkt, - mit einer Orientierung nach dem Innenkreisel versehen - und: Radarmensch. Derjenige, der sich von außen kommenden Botschaften mehr oder weniger willenlos unterwirft. In den Studenten vor und nach 1968 wären dann diejenigen zu sehen, die sich noch als "autonom" ansahen, aber schon den Abstieg befürchteten und spürten: den hin zu den "Radarmenschen". Ekstatisch und vergeblich sollte dem Eindringen der Außenstimmen die Tore versperrt werden: ob nun dieses Außen von der BILD oder von staatlichen Organen herrührte. Es war umsonst.

In den letzten Sätzen seines Buchs erwähnt Lethen kommentarlos Schelskys "skeptische Generation". Das Buch kam dummerweise gerade zu Beginn der Studentenbewegung heraus und wurde viel belacht. Von der Sorte Skepsis, die den Herrschenden lieb gewesen wäre, war bei den Studis schon nicht mehr viel zu spüren. Tatsächlich lassen sich die inhaltlichen Aussagen der Umfragen bei Schelsky kaum bestreiten. Es waren solche, die sich dem Staat gegenüber und seinen Ordnungsmaximen außerordentlich zurückhaltend gegenüber erwiesen. Man war eher staatsmisstrauisch als treu. Wusste nur noch nicht, wohin sich statt dessen wenden.

Der äußeren Haltung nach waren die Studis genau so zurückhaltend wie ihre Vorläufer in den zwanziger Jahren - und wünschten sich in Ruhe gelassen zu werden. Einen stählernen Leib, allerdings auch keine heldischen Maximen wie Jünger sie damals und immer noch verbreitete. Gerade Jüngers letzte Wandlung, vom gewaltsamen Anarchisten zum "Anarch" erregte Schlafsucht. Diese Sorte Anarch, die auf dem Sofa saß und sich keine Feindschaft anmerken ließ, kannte man zu Genüge. In den Prozessen nach 1945 kamen sie als "Anpasser" zu geringsten Strafen und größtem Seelenfrieden. Der ganze Exkurs nur zum Nachweis, dass unter dem Anschein äußerster Nicht-Entscheidung sich trotz allem die Hitze auszubreiten beginnt. Aber wie steht es heute?

Die Studenten sind daran gescheitert, dass sie sich im Wesentlichen an andere Studenten wandten. Wen konnte im eigensten Leben die "Manipulation" durch Staat und Presse wirklich berühren? Es könnte sein, dass die Verhältnisse sich inzwischen geändert haben. In allen Berichten, die sich in STATTZEITUNG und STATTWEB fanden, wurde immer wieder eins betont: dass die Belegschaft jedes Mal als letzte erfuhr, was mit ihr geplant war. Sie wurde nach Möglichkeit belogen, herumgeschubst, verschlankt, angemasst - aber nie informiert. Das hat bei denen zum Aufmerken verführt, die noch vor zehn oder zwanzig Jahren im Kopf die Welt so eingeteilt hatten: die Studis verlangen Wissen, wir nur einfach Arbeit. Etwa die Pläne Baden-Württembergs und Bayerns Demonstrationen im Stachelkäfig unter polizeilichen Wärtern ablaufen zu lassen, haben gerade bei Angestellten und Arbeitern Aufsehen erregt und Protest geerntet. Weil inzwischen der oberflächlichste Augenschein gezeigt hat: Angelogen werden und den Fußtritt im Hintern spüren vom Rauswerfer - das sind nicht zwei Sorten der Erniedrigung, die jeweils verschiedene Menschengruppen treffen: das ist eins und das selbe für alle, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Ob jetzt oder später. In einer Welt, die nur noch Lügen ausschwitzt, besteht durchaus die Chance, dass die "erzgeduldigen" Arbeiterinnen und Arbeiter und die "(kurzfristig) aufmüpfigen" Studis auf eine neue und wirksamere Weise zusammenfinden als es in den sechziger Jahren möglich war.

Lethens Blick auf diejenigen, die nur noch verhaltene Schläge planen konnten, behält dabei durchaus seinen Wert. Nur darf man darüber eines nicht vergessen, woran ein Ernst Bloch immer wieder erinnerte. Es gibt nicht nur den Kältepanzer, der die Erde bedeckt. Notwendig schützt er auch die Hitze, die unter ihr anwächst.

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Die Rezension erschien zuerst im Juli 2009 auf stattweb.de (Update: kritisch-lesen.de, sfr, 12/2010)