Mit ihrem neuen Buch hat Sahra Wagenknecht allgemeine Verwunderung hervorgerufen. Bei Freund und Feind gleichermaßen. Marx, Engels, Lenin und ihresgleichen kommen gar nicht mehr vor. Dagegen werden Ludwig Erhard und seine Gesinnungsgenossen im ersten Kapitel über den grünen Klee gelobt. Soziale Marktwirtschaft - ja das sollte es werden. Muss es nach manchen Andeutungen der Autorin auch mal gegeben haben. Vor ihrer Zeit. Georg Fülberth hat in seiner ausführlichen Besprechung in der Jungen Welt vom 28.05. schon sein Befremden rückhaltlos ausgesprochen und als älterer Leidensgenosse auch schildern können, wie man Erhard und Rüstow und die Freiburger Schule damals empfand und aufnahm, als sie noch alle Lehrstühle besetzten.

Wer hat uns verraten? Erhards Kameraden

Fülberths Gedenkwerk ist nur um einen Verweis auf ein besonders rühriges und früh hervorgetretenes Mitglied der Denkschule zu erweitern. Es handelt sich ebenfalls um einen Bayern – Adolf Weber. In einer Schrift mit seinerzeit unauffälligem Titel veröffentlichte er schon Pfingsten 1944 – also unter faschistischer Herrschaft – seine Ermunterungen für eine Währungsreform: Der Misserfolg des bolschewistischen Wirtschaftsystems. Er war alt genug, um sich noch an 1923 und die damaligen Währungssanierungen zu erinnern und ermahnte diejenigen, die er als Wirtschaftsführer danach vermutete, bei einer Währungsreform um Gottes Willen nicht in die Vermögensverhältnisse selbst einzugreifen. Keine Enteignungen! Und ja keine Reparation für die Sowjetunion! Damit nahm er ungefähr das vorweg, was 1948 von den USA protegiert wurde und was man später Erhard zuschrieb. Die Vernichtung kleinerer Sparbeträge bei Erhaltung allen Sachvermögens. Kapitalübermacht garantiert. Das Erstaunliche an Adolf Webers Buch: Es finden sich da – ein Jahr vor der Kapitulation – Ausdrücke wie „unmittelbar nach dem Waffenstillstand“. Das in einem Jahr, als Verstöße gegen die Pflicht des Glaubens an den Endsieg brutal geahndet wurden. Nichts da – Waffenstillstand! Graf Moltke wurde zum Tode verurteilt, weil er sich mit Freunden erlaubt hatte, eigene Gedanken für die Zeit danach zu diskutieren. Fülberth berichtet, dass Erhard eine Denkschrift für die Zeit danach sowohl dem SS-Führer Ohlendorf wie auch Leuten des zwanzigsten Juli hat zukommen lassen. Streng neutral. Es muss recht starke Protektion gegeben haben für solches Denken – wenn es sich nur fachwissenschaftlich genug gab. Wie der Titel Adolf Webers schon zeigt: kommunistische Sympathien hatte er wirklich keine. Ausführlich behandelt er vorhandene oder auch erfundene Mängel des Sowjet-Systems. Und kann nicht laut genug davor warnen.

Ich selbst habe 1954 in Heidelberg das Studium begonnen. Und hörte dort Rüstow, der seine „Ortsbestimmung der Gegenwart“ in kleinen Happen unter die Hörerschaft streute. Danach war die Soziale Marktwirtschaft etwas nahezu Gottgegebenes, an dem Zweifel nicht erlaubt waren. Wie all die anderen Hohepriester der Freiburger Schule war er erbitterter Anti-Sozialist. Niemand damals in den fünfziger Jahren hätte einer frühen Wagenknecht geglaubt, dass hier überhaupt Versprechungen abgegeben worden wären. Es handelte sich, wenn man Erhard und seinen Getreuen glauben wollte, nicht um Hoffnung und Erwartung, noch weniger um Versprechen, sondern um Vollzug eines Naturgesetzes. Zwar durch Wunder unter uns gekommen – seither aber einfach nachzuvollziehen. Wie wenig diese Wissenschaftsrichtung auf Sozialismus aus war, weder bei CDU noch bei SPD, bei der FDP schon gar nicht, zeigt die schändliche Behandlung des einzigen damaligen Theoretikers einer westlichen sozialen Planwirtschaft: Viktor Agartz. Er wurde am Ende so in die Enge getrieben, dass er von der DDR ein paar Stützungsabos für seine Zeitschrift annahm. Daraufhin, fallengelassen von Gewerkschaft und SPD, 1958 wegen „Hochverrat“ angeklagt und mit knapper Not freigesprochen. Aber, wie der damalige Generalbundesanwalt Güde vermerkte, ab der Zeit ein „politisch toter Mann“. Da die ganze Sippschaft um unseren Wirtschaftsminister herum nichts versprochen hat, gab es auch keinen Verrat. Es kam, wie es kommen musste. Dass unter den Heiligen der frühen Tage doch auch mehrere Judasse sich fanden, räumt Sahra Wagenknecht einmal ein, als sie erwähnt, dass „Ludwig von Mises und Friedrich von Hayek, [die] bereits wenige Jahre später wieder gemeinsam mit den Chicago Boys um Milton Friedman, für einen blinden Marktradikalismus und die Selbstentmachtung des Staates eintraten" (S. 16). Sonst lässt sie aber keinen Verdacht zu. Auch dass die zwei Privatisierungs-Champions Thatcher-Lieblinge wurden, darf sie nicht beunruhigen.

Die totgeschlagenen marxistischen Termini

Wie schon in den vorigen Büchern finden sich bei Wagenknecht kaum marxistische Termini. „Profitrate“ und dergleichen entfallen. Das erweist sich zunächst als Vorteil für die Lesbarkeit. Denn nach dem vorgehefteten Jubel über Erhard und seinesgleichen finden sich in sieben Unterartikeln treffende Schilderungen der Ursachen der Finanzkrise und der versuchten Heilmittel der gegenwärtigen kapitalistischen Staaten. Es werden genau die Mechanismen vorgeführt, mit welchen die Investment-Banken immer neues Geld schaffen. Ganz am Ende, wie durch ein umgekehrtes Fernglas, werden die kleinen Häuslebauer sichtbar, denen durch viele Übergänge das Geld aus den Taschen gezogen wird, bis sie am Ende obdachlos im Regen stehen. Es sind auf diese Weise Schilderungen von Stern oder auch Spiegel zu integrieren, die in ihren wahrheitsliebenden Augenblicken ebenfalls sehr gut nachvollziehen ließen, wie aus Mittelständler Smith im Staate Utah der Armenhäusler Smith in Hemd und Hose hergestellt wird. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Trotzdem verläuft alles streng legal. Wie schon nach der Lektüre von Wahnsinn mit Methode (2008) gewinnt man das überwältigende Gefühl: „Genau so isses!“ Der Ausfall der Termini macht sich allerdings in dem Augenblick peinlich als Mangel bemerkbar, in dem nach der Notwendigkeit der geschilderten Vorgänge gefragt wird. Ist alles nur dem Hochkommen böser Menschen zu verdanken? Was sonst in Deutschland und anderswo kann zwischen der gepriesenen Frühzeit und dem jetzigen Elend passiert sein? Das bleibt unbeantwortet. Doppelt merkwürdig, weil die Autorin immer wieder und mit vollem Recht unterstreicht, dass wir nicht erst fragen dürfen nach den Schäden der Monopole, wenn sie schon an der Macht sind. Es müsste lang vorher aufgepasst werden, dass sie keine Übermacht erlangen. Da sie diese jetzt aber haben: Was ist dann zu tun?

Das Fehlen einer Antwort mag mit dem Verzicht auf grundlegende Termini zu tun haben. So ist bei Wagenknecht zwar öfter von Abständen zwischen reichen und armen Ländern die Rede. Die präzise Untersuchung dessen, was gemeinhin Imperialismus genannt wird, fällt aber völlig aus. Gewiss, der Ausdruck gilt unter den maßgebenden Kreisen als veraltet. Trotzdem könnte er einiges erklären. Die Behandlung Griechenlands und seine jetzige Enteignung von den restlichen industriellen Anlagen hat die Autorin nicht mehr mitbekommen können. Aber, um nur ein winziges Beispiel zu nennen, der deutsche Wirtschaftstag 1930 ist ihr sicher einmal untergekommen. Damals machten die führenden Industriellen mit Balkanländern aus, wie landwirtschaftliche Produktion gegen Maschinen etc. ausgetauscht werden könnte. Später - unter Nazi-Herrschaft - etwas brutaler weitergeführt. Aber auch in der zivileren Form von 1930 sicher ein machtgestütztes Angebot zum ungleichen Tausch. Sohn-Rethel hat seinerzeit konspirativ an die Rote Fahne die Botschaft weitergeleitet und entschlüsselt. Immerhin ist jahrzehntelang imperialistische Ausbeutung unterlegener Länder als Erklärung dafür herangezogen worden, warum die kapitalistischen Länder nicht schon lange der Krise erlegen wären. Selbst wenn Wagenknecht die Erklärung für falsch hält. Darauf eingehen hätte sie mit ein paar Sätzen schon können.

Wo bleibt das Proletariat? Oder immerhin die Volksmassen?

Das Allermerkwürdigste: Kein Wort verliert Wagenknecht zum wichtigsten Problem: Mit wem wird sie alle Rezepte durchsetzen können? Kein Wort von möglichen Massenbewegungen? Kaum eine Einschätzung der erfolglosen Versuche der Belegschaften, das Schicksal von Opel oder von Nokia von unten her zu bestimmen. Trotz erbittertem Einsatz. Die Massenbewegungen in Nordafrika, die bisher an der wirtschaftlichen Struktur nichts geändert haben, lagen zwar vor der Endausfertigung des Buchs. Aber frühere – aus Italien und teilweise Frankreich – hätten doch immerhin herangezogen werden können. Bei all dem sollte die fleißige Leserin Schumpeters vor allem eines bedrücken: Nachdem dieser nämlich die Möglichkeiten eines weitergeführten Kapitalismus als schwierig, aber nicht als aussichtslos taxiert hat, kommt er auf einen Umstand, der ihn auf lange Sicht doch scheitern lassen wird. Die Arbeiterklasse nämlich, den Kapitalisten ausgeliefert, wird es auf die Dauer nicht ertragen, von einer Krise zur anderen gejagt zu werden. Immer neu die Arbeitsplätze verlieren, neu um sie anstehen, zu schlechteren Bedingungen wieder einsteigen, wieder gefeuert werden – genau das wird die Geduld der proletarischen Massen schließlich so erschöpfen, dass sie sich auf ein krisensicheres, dauerhaftes, berechenbares Wirtschaftssystem einlassen: das sozialistische. Diese Aussichten haben nach dem Krieg, als das Werk auf Deutsch herauskam, bürgerliche Professoren und ihre Zeitungen erschüttert. Insofern wird Schumpeter immer gern nach Wahlen mit seinen pessimistischen Aussagen zitiert über die engen Grenzen von Demokratie, ausgesprochen selten aber mit seinen Prognosen über das Ende aller Herrlichkeit. (Schumpeter 1950, S. 354) Auch die sozialistische Frau Wagenknecht geht nicht darauf ein und versäumt so die Chance, die potenzielle Rolle des Proletariats überhaupt zur Sprache zu bringen.

Im Augenblick sieht die Sache ja so aus, dass die anerkannten Koryphäen, die unsere Wirtschaft beraten, sich durch die Mahnung der Gründungsväter von 1949 nicht besonders beeindrucken lassen werden. Bis einschließlich „Grün“ bildet sich jedes Mal, wenn es etwas abzustimmen gibt, ein eisiger Block der Ablehnung. Auch wenn Sahra Wagenknecht im Plenum des Bundestags sich wieder einmal auf den neuen Hauskapellen-Bewohner Eucken beruft. Auf die stille Macht der Einsicht ist bei den gegenwärtig Herrschenden also nicht zu rechnen. Plump gesagt: Da braucht es aus der Apotheke schon einen Sack Haue für jeden Einzelnen. Nur: Wer gibt die aus?

Staatsgläubigkeit?

Sahra Wagenknecht unternimmt in den letzten Kapiteln den Versuch, nachzuweisen, wie der bürgerliche Staat im Sinne Erhards in die Wirtschaft eingreifen könne, ohne deren Lauf zu stören. Und ohne deshalb in Planwirtschaft zu verfallen. Das ist offenbar als Tröstung für Liebich und andere Genossen der LINKEN gesagt – und erfunden, die bei dem bloßen Wort „Verstaatlichung“ schon in fiebrige Zuckungen verfallen. Als Beispiel für positiven Staatseingriff zitiert Wagenknecht etwa aus dem Gründungs-Papier der italienischen Gesellschaften IRI wie ENI. Nach Jürgen Backhaus fasst sie Ziele dieser staatlichen Firmenzusammenschlüsse zusammen: „4. Regionalpolitik zugunsten des unterentwickelten Mezzogiorno“ (S. 287). Da kommen gleich zwei Fragen auf: Hat es geklappt mit der Hebung des Südens? Und vor allem in unserem Zusammenhang: Wäre eine solche Wirtschaftspolitik nicht notwendig Planung? Nach allen Späßen, die der gegenwärtige Regierungschef des beglückten Landes mit Militärüberfällen in Neapel treibt zur Müllbeseitigung, scheint es nicht besonders gut gelaufen zu sein.
Das ganze Kapitel „Staatliche Industrieunternehmen – Erfahrungen und Legenden“ (S. 277ff.) leidet etwas unter dem Schnellfertigen. Da werden nämlich als Beweise für vorbildliche und wünschenswerte Eingriffe der westlichen Staaten auch alle möglichen Subventionen für Firmen genannt. Ein paar Kapitel vorher musste die Notwendigkeit solcher Beihilfen dafür herhalten, dass die angeblich freie Marktwirtschaft sich nicht mehr aus eigener Kraft behaupten kann – also für das, was in bewussteren Zeiten „verfaulender Kapitalismus“ genannt worden war. Im Eifer des Gefechts ist Wagenknecht nah daran, auch noch die staatliche Förderung der AKWs als zu rühmendes Beispiel für den Nutzen staatlichen Eingriffs heranzuziehen: „auch arbeiten nicht nur die Banken mit einer faktischen Staatsgarantie im Rücken, das gleiche gilt für die Kernkraftwerke, vor allem die Atommeiler" (S. 298). Im letzten Augenblick dreht sie ab.

Gesetzt den Fall, Sahra Wagenknecht käme jemals durch mit ihrem Projekt, müsste sie nicht das jetzige Prinzip der Kritik aufgeben, wie sie einer Oppositionspartei ansteht? Müsste sie nicht einer Merkel – als Vertreterin der Staatsgewalt – zustimmen, wenn diese zum Beispiel die AKWs nicht mehr subventioniert, sondern ihnen ein flottes Ende ansagt? Schärfer gefragt: Kann die Staatsverherrlichung, die hier gepredigt wird, innerhalb einer Opposition durchgehalten werden? Genauer: Anders durchgehalten, als seit Wehner die Staatsanbeter in der SPD es getan haben und gerade noch und wieder tun. Nämlich schlappfußig und hängeärmelig.

Es gibt böse Verdächtigungen. Bei der anerkannten durchdringenden Intelligenz der Autorin glauben ihr viele Rezensenten einfach nicht, dass sie auf einmal Erhard-Gläubige geworden sein soll. Es gibt da ganz andere Vermutungen. Im Spiegel und anderswo wurde Düsteres verbreitet, was den Parteitag der LINKEN angeht. Nach dem Schema Mann/Frau-West/Ost könnte allen Ernstes die ehemalige Vorsitzende der „Kommunistischen Plattform“ an der Reihe sein. Neben Gysi. Da solche Mitglieder der ehrenwerten Partei wie zum Beispiel Ramelow das kaum aushalten, muss vorgebaut werden. Wie wäre es, könnte sich Wagenknecht gedacht haben, wenn ich diese Quengel-Garde zugleich von rechts und von links her überhole. Von rechts als gläubige Sozial-Markt-Wirtschaftlerin, von links weil die im Buch gemachten Vorschläge doch über alles hinausreichen, was sich die keuschen und eben bekehrten Genossen aus dem Osten jemals trauen würden. Nur: Wenn man in diesem Laden bloß mit Maske durchkommen kann, wie kriegt man sie am Ende wieder herunter? Wenn sie schließlich doch stört?

Zusätzlich verwendete Literatur

Schumpeter, Joseph 1950: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. 2. erw. Aufl., Francke-Verlag, Bern.

Wagenknecht, Sahra 2003: Kapitalismus im Koma. Eine sozialistische Diagnose. Das Neue Berlin, Berlin.

Wagenknecht, Sahra 2008: Wahnsinn mit Methode. Finanzcrash und Weltwirtschaft. Das Neue Berlin, Berlin.