"Das Gespräch über die Körper von Frauen existiert größtenteils außerhalb von uns, während es auch an uns gerichtet (und an uns verkauft) und benutzt wird, um uns zu definieren und zu kontrollieren. Das Gespräch über Frauen passiert überall, öffentlich und privat. Wir werden ausführlich beschrieben, unsere Gesichter und Körper analysiert und auseinandergenommen, unser Wert bestimmt und zugeschrieben auf Grundlage der Reduktion der Persönlichkeit für einfache physikalische Objektifizierung. Unsere Stimmen, unsere Persönlichkeit, unser Potenzial, und unsere Errungenschaften werden regelmäßig minimiert und verschwiegen." (Judd 2012)

Das vorliegende Zitat stammt nicht aus der Feder Laurie Pennys, sondern von Ashley Judd, einer US-amerikanischen Schauspielerin, welche in den letzten Monaten wegen ihres Aussehens scharf von den Medien kritisiert wurde und sich mit einem offenen Brief an eben jene richtet, um auf die Objektivierung und Marginalisierung weiblicher Körper einzugehen. Patriarchat und Kapitalismus lassen sich hierbei nicht getrennt voneinander betrachten, sondern entspinnen in Wechselwirkung eine verhängnisvolle und gefährliche Dynamik für Frauenkörper.

Darauf geht auch Laurie Penny, englische Bloggerin und Kolumnistin, in ihrem Buch „Fleischmarkt“ ein, welches ein Jahr nach Veröffentlichung nun auch auf deutsch erschienen ist. „Fleischmarkt“ ist keine wissenschaftliche Analyse - es ist eine Kampfansage, gegen die Rolle die weiblichen Körpern im Kapitalismus zugeschrieben wird, ebenso wie gegen Schönheits- und Schlankheitswahn, die Ausbeutung von Sexarbeiter_innen, transphobe Feminist_innen und oppressive Arbeitsmärkte. Das Werk Pennys will nicht den Feminismus erklären oder dessen immer noch aktuelle Notwendigkeit, sondern eine materialistische Sicht auf Geschlecht und Gesellschaft anbieten, die auch die Kritik an einigen feministischen Standpunkten nicht scheut. „Fleischmarkt“ besticht dabei durch scharfe, jedoch nicht zynische Analysen und einen Schreibstil, welcher nicht nur fesselt, sondern auch zum kritischen Hinterfragen einlädt.

Zwischen Glorifizierung und Verteufelung

Pennys Buch ist in vier Kapitel untergliedert, welche sich mit verschiedenen Aspekten der Verdinglichung weiblicher Körper im Kapitalismus beschäftigen. Im ersten Teil „Anatomie der modernen Frigidität“ rechnet sie mit dem Widerspruch zwischen der ständigen Sexualisierung von Körpern und der zeitgleichen Unterdrückung weiblicher Sexualität ab. Zwischen Teenagerschwangerschaften und sexualisierter Werbung, zwischen Puritanismus und sex sells spinnt sich ein Bild, welches vielen von uns bekannt ist – Frauenkörper werden entweder über victim-blaming dargestellt oder es werden makellose Körper visuell erschaffen. Gerade in Bezug auf Klasse, welche mit den negativsten Geschlechterklischees assoziiert wird, wird die Entmündigung des eigenen Ichs über den Körper dargestellt. Im Gegenzug dazu arbeitet gerade die Werbung mit Bildern der Sinnlichkeit und des Begehrens, mit der Darstellung von Körpern, welche erreicht werden sollen, da sie dem Bild von Schönheit entsprechen, welches die Gesellschaft erschaffen hat und das nicht ohne Arbeit umzusetzen ist. Penny schreibt dazu:

„Was viele von uns deutlich wahrnehmen, ist, dass sexuelle Performanz und Selbstverdinglichung Formen von Arbeit sind: Aufgaben, die wir übernehmen und perfektionieren müssen, wenn wir vorwärtskommen wollen.“ (S. 27)

Es geht um eine Sexualisierung und Vermarktung von Begehren, sei es durch Pornofilme oder Playboy-Logos, aber es ist doch nur eine Scheinbefriedigung – lässt sich doch das Gefühl von Echtzeit-Sex weder massenhaft produzieren noch verkaufen.

Anknüpfend an diesen Gedanken schreibt Penny auch über Prostitution und Sexarbeit und weist hierbei auf die verschiedenen Positionen innerhalb feministischer Strömungen hin. Die Verdinglichung der Frau und ihr sexuelles Funktionieren sind Arbeitsleistungen, welche sich gerade in Sexarbeit am stärksten zeigt. Dabei verfällt Penny nicht darauf Sexarbeiter_innen zu verteufeln, sondern zeigt die Problematik anhand des kapitalistischen Systems auf:

„Die Marginalisierung der arbeitenden Körper im Sexgewerbe ist eine extreme Form der Marginalisierung der arbeitenden Körper aller Frauen. Aus diesem Grund sollte die Ausweitung der Arbeiterrechte auf alle, die Sex verkaufen, eine dringende Forderung feministischer Aktivistinnen sein.“ (S. 39)

Riot, don't diet!

In ihrem zweiten Kapitel „Raum einnehmen“ geht es um eine Kultur des Schlankseins, Essstörungen und die politische Dimension den eigenen Körper zu reclaimen. Penny schreibt darüber, wie es für sie selbst war, anorektisch zu sein, und dass es dabei weniger darum ging, wie ein Model auszusehen welches in Größe Null – deutsche 32 bei Frauengrößen – passt, sondern um Kontrolle – Kontrolle über den eigenen Körper, Kontrolle über den Hunger, Kontrolle über selbstauferlegte Zwänge. Eine Kontrolle, die in so bitterer und häufig tödlicher Art und Weise doch nur die logische Konsequenz eines gesellschaftlichen Bildes ist, welches ständige (Selbst-)Kontrolle als etwas erstrebenswertes sieht und weibliche Körper verteufelt und stigmatisiert. Penny geht darauf ein, dass alle Aspekte des Hungerns geschlechtsspezifisch sind und sich darin auch und gerade für queere, homosexuelle und bisexuelle Menschen der Druck der Geschlechterrollen am stärksten zeigt. Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen, aber auch des gesellschaftlichen Diskurses über Schlankheit schreibt sie hierbei jedoch eher von Magersucht denn von anderen Formen von Essstörungen und geht auch nicht weiter darauf ein, was es in dieser Gesellschaft bedeutet, nicht schlank zu sein oder Stolz eine Kleidergröße jenseits der 38 zu tragen.

Feminismus lässt sich nicht reduzieren

Im dritten Kapitel, welches unter dem Titel „Geschlechtskapital“ stark an den französischen Soziologen Pierre Bourdieu erinnert, positioniert Penny sich ganz klar für den Feminismus und geht darauf ein, dass das Stereotyp der männerhassenden und Latzhosentragenden Feminstin sich nur hält, weil es Frauen „mit der Angst [terrorisiert], radikale Politik würde ihre Sexualität und ihre Geschlechtsidentität zerstören“ (S. 70). Aber sie rechnet auch scharf mit dem Essentialismus der zweiten Welle des Feminismus ab und kritisiert die angebliche Herleitung einer weiblichen Essenz, die binär zum Männlichen gedacht wird. Nicht nur reproduziert dieses Argument binäre Geschlechtervorstellungen, es wird auch häufig als Erklärung genutzt, um Trans*Menschen und gerade Trans*Frauen als unnatürlich und parodistisch darzustellen und dabei auch intersexuelle Frauen unsichtbar machen. Für Penny kann es keinen Feminismus geben, der transphob argumentiert und damit die Biologisierung von Geschlecht legitimiert, denn Feminismus kann nur klar die soziale Konstruktion von Geschlecht aufzeigen und angreifen. Zudem geht sie darauf ein, dass gerade Trans*Menschen einer ständigen Pathologisierung unterliegen, zugleich aber vielleicht besser als Cis-Frauen verstehen, was es bedeutet, sich über Konsum eine sozial akzeptierte weibliche Identität zu erkaufen.

Reproduktionsarbeit und Frauenarbeit

Im letzten Kapitel räumt Penny nicht nur mit dem Mythos der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung auf, welcher angeblich evolutionär erklärbar ist, sondern leitet diese Arbeitsteilung ganz klar aus dem Kapitalismus ab. Haushalt sowie Betreungs- und Pflegearbeit sind dabei immernoch eindeutig weibliche Tätigkeiten, die unsichtbar und unbezahlt stattfinden und mit Kontrollmechanismen und Verachtung einhergehen. Penny nutzt hierbei den Begriff des Traumas und spricht davon, dass „die gesamte westliche Gesellschaft (...) durch unsere komplexe Beziehung zur Ökonomie der Hausarbeit traumatisiert [ist]“ (S. 95). Hierbei erläutert sie nicht nur die Mechanismen, die Generationen weiblicher Familienangehöriger immer wieder reproduzieren, sondern geht auch auf die Rolle der Männer ein, welche sie als systematische Angriffe auf die Rechte von Frauen und Arbeiterinnen ansieht. Im Rahmen der Hausarbeit findet auch eine Verschiebung statt, die care work ethnisiert und zu einer gering bezahlten Beschäftigung macht, worin sich klar Klassenhierarchien, aber auch kapitalistische Migratisierungsdiskurse aufzeigen lassen.

Zum Ende ihrer Argumentation weist Penny nach, dass das Überleben der Staaten darauf basiert, dass Frauen bereit sind, unbezahlte Arbeit zu leisten, und welche Macht sich aus der puren Verweigerung ergeben würde.

gender matters - but what about the rest?

So interessant sich - auch aufgrund aktueller Perspektiven - Pennys Buch lesen lässt und es auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, so lässt sich doch kritisch anmerken, dass einige Aspekte von ihr komplett ausgeblendet werden, die sich meines Erachtens selbstverständlich ergeben, wenn mensch über Körper und Kapitalismus schreibt. So geht Penny weder auf Diskurse rund um (dis)ability ein, was gerade in Bezug auf kapitalistische Abwertungsstrukutren von Körpern interessant wäre, noch beschäftigt sie sich näher mit den Auswirkungen von race und den Mechanismen, mit denen gerade die Körper Schwarzer Frauen marginalisiert und objektiviert werden. Die Nicht-Erwähnung solcher Diskriminierungsebenen lässt mich daran zweifeln, inwieweit der Blick über den eigenen Tellerrand doch nicht erreicht worden ist. Als einführende Auseinandersetzung mit der Thematik ist „Fleischmarkt“ aber definitiv das passende Werkzeug für all jene, die neben Altbewährtem auch neuere Perspektiven innerhalb des Feminismus argumentativ unterstützt sehen möchten.

Zusätzlich verwendete Literatur

Ashley Judd 2012: Ashley Judd Slaps Media in the Face for Speculation Over Her ‚Puffy‘ Appearance. In: thedailybeast.com vom 9.4. Online einsehbar unter: "thedailybeas".