Zum Inhalt springen

Zivil-Militärische Zusammenarbeit Aktuelle Ausgabe Nr. 79, 21. April 2026

Zivil-Militärische Zusammenarbeit © Jo Broese

Kriege werden zwar (noch) nicht direkt vor unserer Haustür geführt, doch beherrschen sie längst den Alltag in der Bundesrepublik. Spätestens seit dem Ukraine-Krieg werden wir medial und politisch auf den Ernstfall vorbereitet. Mit der politischen Normalisierung der „Zeitenwende“ wird diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt. Ob „Sondervermögen Bundeswehr“ oder Wehrdienstdebatte: Die Militarisierung durchdringt zunehmend Gesundheits- und Bildungssystem, Mobilität und Arbeitswelt. Das Schlagwort heißt „zivil-militärische Zusammenarbeit“ (ZMZ) und steht nicht nur für technische Koordination zwischen Armee und zivilem Sektor, sondern für eine tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbau: von Krankenhäusern und Kommunen bis in Medienhäuser und Bildungseinrichtungen hinein. Aufgebaut wird eine dauerhafte strukturelle Verzahnung, die weit über den Krisenfall hinausreicht.

Der Rahmenplan „Zivile Verteidigung Krankenhäuser“ etwa sieht die systematische Vorbereitung des Gesundheitswesens auf den Kriegsfall vor, inklusive Triage-Entscheidungen, Notfalllogistik und strukturellem Personalmangel. Damit werden medizinische Einrichtungen nicht nur als Orte der Erstversorgung, sondern als Teil einer sicherheitspolitischen Infrastruktur neu definiert. Ähnliches findet bei Feuerwehren, THW und Polizei statt, aber auch in vermeintlich nicht-militärischen Bereichen: Hotels, Großküchen, Mehrzweckhallen, Schulen und andere Versammlungsorte werden als Reserveinfrastruktur eingeplant. Ähnlich tief greift der „Operationsplan Deutschland“, ein rund 1.400 Seiten umfassendes Konzept, das der Bundeswehr bereits vor einem formalen „Verteidigungsfall“ Zugriff auf kritische zivile Infrastrukturen einräumt. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Sphäre wird zunehmend aufgeweicht.

Auch die aktuelle Debatte um die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist Teil dieser Entwicklung. Im Frühjahr 2026 wird sie als sicherheitspolitische Notwendigkeit dargestellt und mit Anrufungen von nationaler Resilienz und Verantwortungsübernahme verknüpft. Sie wird medial als Frage der Verteidigung von Freiheit verhandelt, ohne zu thematisieren, was unter Bedingungen von Prekarisierung, Zukunftsangst und sozialen Krisen junger Menschen überhaupt verteidigt werden soll. Klassenaspekte bleiben dabei ausgeblendet, obwohl sie zentral sind: Wehrdienst bedeutet in der Regel keinen sozialen Aufstieg, sondern häufig ökonomische Verschlechterung. Die Beschwörung einer allgemeinen Wehr- oder „Solidargemeinschaft“ verschleiert zudem die entscheidende Frage: Wessen Kinder werden im Ernstfall an die Front geschickt?

Zeitgleich wird die Umstellung industrieller Kapazitäten auf Rüstungs- und Kriegsgüter als wirtschaftlicher Impuls verkauft – etwa im Rahmen von Ursula von der Leyens Plänen zur „Wiederaufrüstung Europas“. Der Kriegsfall wird gesellschaftlich normalisiert, bevor er überhaupt eintritt. Und während Milliarden in das Sondervermögen Bundeswehr und das NATO-Zwei-Prozent-Ziel fließen, verfallen Schulen, stürzen marode Brücken ein und das Gesundheitssystem arbeitet schon längst über dem Limit. Vor dem Hintergrund des drohenden Krieges kann der Gürtel aber selbstverständlich noch etwas enger geschnallt werden. Doch es gibt auch widerständige Lichtblicke. Initiativen wie „Rheinmetall entwaffnen“ oder „Shut Elbit Down“, gewerkschaftliche Interventionen, Proteste von Tramfahrer*innen gegen Bundeswehr-Werbung und Debatten über Kriegsdienstverweigerung markieren Ansatzpunkte politischer Gegenwehr. Es entstehen vermehrt praxisorientierte Ansätze, die gezielt in Betrieben und Institutionen ansetzen und nach Möglichkeiten der „Entmilitarisierung von unten“ suchen.

In unserer 79. Ausgabe geht es darum, wie eine Friedensbewegung auf der Höhe der Zeit auf die Militarisierung der Gesellschaft reagieren muss. Welche Formen des Widerspruchs sind unter Bedingungen einer sich verfestigenden sicherheitspolitischen Ordnung möglich – und wie lassen sich Sorge, Solidarität und soziale Infrastruktur gegen ihre Einbindung in militärische Logiken verteidigen?

Wenn ihr euch noch mit den politischen Abgründen von Kriminalromanen und Thrillern beschäftigen wollt – aktuell nehmen wir noch Rezensionsvorschläge für unseren Juli 2026-Schwerpunkt „All Krimis are political“ an. Meldet euch gerne!

Wir wünschen ein gutes kritisches Lesen!

Schwerpunkt

Rezensionen aus dem Archiv

Aktuelle Rezensionen