Zum Inhalt springen
Logo

Notizen aus der Redaktion

Am Fuße der Festung

Bühler, Johannes (2015): Am Fuße der Festung. Begegnungen vor Europas Grenze. Stuttgart: Schmetterling Verlag. 19,80 EUR, 304 Seiten, ISBN 3-89657-077-3

In den letzten Jahrzehnten übernahm Marokko die Funktion eines erbarmungslosen Torwächters an der Grenze, die das nordafrikanische Land von Spanien, Europa von Afrika, ehemalige Kolonialmächte von ihren Kolonien trennt. Im Gegenzug wird das Land im Rahmen der sogenannten EU-Nachbarschaftspolitik mit hohen Entwicklungsfördergeldern und Handelsliberalisierungen bedacht. Die Abschottung der Festung Europa hat immer wieder neue Formen der Migration zur Folge: Nachdem es nahezu unmöglich wird, unbemerkt über die knapp zehn Kilometer breite Meeresenge zu gelangen, wagen viele Flüchtlinge zunehmend den kollektiven, offenen Grenzübertritt über die drei Hochsicherheitszäune, welche Marokko von den spanischen Enklaven Melilla und Ceuta trennen. Nur wenige schaffen es hinein. Die allermeisten bleiben draußen zurück - „Am Fuße der Festung“ – viele körperlich und psychisch schwer verwundet.

Autor Johannes Bühler, der Ende März das gleichnamige – taufrisch im Schmetterling Verlag erschienene – Buch auf der Tagung des Netzwerks kritische Migrations- und Grenzregimeforschung (kritnet) in Zürich vorstellte, verknüpft seine eigene Geschichte eindringlich mit den Erzählungen der Menschen, die er auf einer mehrmonatigen Reise durch verschiedene Teilgebiete Marokkos traf. Im Schatten der Festung spielen sich systematische Ausbeutung und Folter der Flüchtlinge ab, die Bühler immer wieder in politischen Zusatzinformationen offenlegt. In ihrer Klandestinität dienen die Gestrandeten in Marokko als niedrigste Arbeiter_innen: Sie verrichten Tätigkeiten, die anderen zu schwer, zu schmutzig, zu gefährlich oder zu schlecht bezahlt sind. Sie sind dabei in Abhängigkeitsstrukturen verstrickt, bei denen die Übergänge zum Menschenhandel fließend sind. Mit den einprägsamen Schilderungen der fünfzehn Einzelschicksale legt der junge Autor die individuellen Tragödien des europäischen Grenzregimes offen, die in der hiesigen Berichterstattung fehlen. (J. B.)

Unterwerfung

Michel Houllebecq (2015): Unterwerfung. Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek. Köln: DuMont. 272 Seiten, 22,99 EUR, ISBN 978-3-8321-9795-7

Vorab: Mit Michel Houllebecq bin ich noch nie so richtig warm geworden – was vielleicht kein Wunder ist bei dem eiskalten Nihilismus, der sein Werk umweht wie der Trockeneis-Dunst den Bofrost-Lieferanten (allein die Sexszenen in „Elementarteilchen“. Brr!). Das ändert aber nichts daran, dass Houllebecq ein großer Schriftsteller ist. Keiner, bei dem es menschelt, sondern ein kühler Diagnostiker seiner Zeit, der, um Schiller zu zitieren, eine literarische „Leichenöffnung des Lasters“ betreibt. Das muss man nicht mögen, aber das sollte man vorher wissen. Wenn der (gar nicht mal so skandalöse) „Skandalroman“ also keine Begeisterungsstürme bei mir auslöst, dann weder aufgrund persönlicher Befindlichkeiten noch aufgrund des provokanten Themas (politische „Islamisierung“ Frankreichs), sondern schlicht aufgrund poetischer Schwächen: „Unterwerfung“ fängt spannend an, dümpelt ab der Mitte nur noch vor sich hin und endet (ohne zu viel zu verraten) enttäuschend.

Dass beispielsweise relevante Informationen durch Dialoge nachgeliefert werden, ist schnell als erzählstrategischer Taschenspielertrick entlarvt. In konzeptioneller Hinsicht ergibt das freilich Sinn, denn Ich-Erzähler François ist eine zutiefst passive Person; ein desillusionierter Akademiker, der im neuen Patriarchat dem horror vacui, also der „Angst vor der Leere“, entflieht. Genau das macht Houllebecqs jüngsten Roman eigentlich brisant. Über islamophobe Schreckensszenarien hinaus, ist „Unterwerfung“ nämlich vor allem eine Abrechnung mit den Allmachtsfantasien „weißer Männer“ und ein Abgesang auf die in Frankreich so wichtige Figur des Intellektuellen. (S. B.)

Hartz IV und die Folgen

Christoph Butterwegge (2015): Hartz IV und die Folgen. Auf dem Weg in eine andere Republik? Weinheim: Beltz Verlag, 16,95 EUR, 290 Seiten, ISBN: 978-3-7799-3234-5

Glaubt man etablierten Parteien und weiten Teilen der Medien, gibt es in diesem Jahr einen Grund zu feiern: Vor zehn Jahren wurde das Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) eingeführt. Doch es gibt sie, die unermüdlichen Stimmen, die in der Agenda 2010 alles andere als ein Erfolgsmodell sehen. Einer von ihnen ist der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge. In seinem neuen Buch „Hartz IV und die Folgen“ zeichnet er die Entstehung und Entwicklung des Reformprogramms nach und zieht eine verheerende Bilanz: Die mit Hartz IV einhergehende Deregulierung des Arbeitsmarktes, die Liberalisierung von Leiharbeit und die Disziplinierung der Beziehenden führten zu einem Wandel in der Sozialstruktur. Mehr und mehr Menschen sind arm oder akut von Armut bedroht. Hartz IV stehe daher vor allem für ein rigides Armutsregime. Butterwegge ist eine umfassende, detailreiche und verständliche Abrechnung gelungen, die aufzeigt, dass es keineswegs alle sind, die angesichts des Jubiläums in Partystimmung sind. (S. F.)

Ein wirklicher Grund zu feiern!

Der Buchmarkt befindet sich bekanntlich in einer Krise, von der vor allem kleine, unabhängige Verlage betroffen sind. Umso eindrucksvoller, wenn trotz schwieriger Ausgangslage neue interessante Verlagsprojekte entstehen. So auch in Berlin. Im März veröffentlichte der neu gegründete Berliner Verlag Yılmaz-Günay sein erstes Buch. „Gespräche über Rassismus: Perspektiven und Widerstände“ umfasst mehr als ein Dutzend Interviews mit antirassistischen Künstler_innen, Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen. Herausgeber des Buches sind Savaş Taş und Zülfukar Çetin. Letzteren dürften kritisch-lesen.de-Kenner_innen als Rezensent kennen − wie auch den Verleger: Koray Yılmaz-Günay. Nicht nur wegen dieser Verbindung wünschen wir von Herzen viel Erfolg für das Buch und den Verlag. Die programmatische Ankündigung auf der Website ist vielversprechend: Der Verlag möchte Sachbücher und schöne Literatur verbreiten und künstlerische, aktivistische, wissenschaftliche sowie geschlechterpolitische, queerpolitische, rassismus- und kapitalismuskritische Perspektiven versammeln. Gut so, wir gratulieren zur Verlagsgründung. Weitere Infos auf der Homepage des Verlags. (S. F.)

Zu den Notizen
Von
Redaktion
Veröffentlicht am
07. April 2015
Erschienen in
Ausgabe 35, „Leben und Sterben” vom 07. April 2015
Newsletter