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1918 als Poeten-Revolution

Buchautor_innen
Volker Weidermann
Buchtitel
Träumer
Buchuntertitel
Als die Dichter die Macht übernahmen
Die Münchner Räterepublik fand und findet wenig Beachtung. Ein Blick auf unterschiedliche Versuche, das zu ändern.
Rezensiert von Dieter Braeg

Volker Weidermann, der seine Karriere als Literaturkritiker bei der taz begann und seit einiger Zeit der Literaturpalaver-Sendung „Das literarische Quartett“ vorsteht, hat sich also mit der Münchner Räterepublik beschäftigt. Dem muss vorausgeschickt werden: Es ist nach bald hundert Jahren noch immer nicht gelungen, eine wirklich realistische Einschätzung und Darstellung dieser „Münchner Räterepublik“ zustande zu bringen. In seinem Buch „Griff nach der Weltmacht“, erschienen im Jahre 1961, stellte der Historiker Fritz Fischer fest: „Kein anderes Ereignis deutscher Geschichte wurde bis heute so wenig beachtet wie die November-Revolution von 1918/19 – obgleich der Zusammenbruch der Monarchie und die Entstehung einer bürgerlichen Republik ohne Zweifel zu den entscheidenden und prägenden Ereignissen deutscher Vergangenheit zählen.“

Später war es der Berliner Politologe Hansjörg Viesel, der im Jahre 1981 (!) das Buch „Literaten an der Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller“ veröffentlichte. Diese Sammlung von Texten, Materialien und Dokumenten mit 186 Abbildungen hat damals die Büchergilde Gutenberg in großartiger Ausstattung veröffentlicht. Und kürzlich brachte Klaus Gietinger bei Edition Nautilus mit „November 1918. Der verpasste Frühling des 20. Jahrhunderts“ eine realistische Darstellung heraus. Bedauerlich, weil das revolutionäre Ereignis vom Winter 1918 und Frühjahr 1919 in München in dieser nicht-meinen Gesellschaft ignoriert wurde. Oder, wenn er doch aufgegriffen wird, wie nun etwa von Volker Weidermann mit seinem Roman „Träumer“ – von Hans Magnus Enzensberger als „Lustig, aufregend, viel Neues, tolle Recherche. Das wird Furore machen“ in jenen „Himmel“ des literarischen Schundes hochgelobt – dann in einer Weise, welche die Frauen und Männer, die in dieser Revolution kämpften, wirklich nicht verdient haben.

Schlechte Aussichten

Aus diesem Ereignis einen Roman zu machen, der die kurze Münchner Räterepublik entsorgt und aus ihr ein 284 Seiten starkes Geschreibsel werden lässt, das auf keiner Seite jene Emotionen, Zustimmung und Ablehnung zu diesem wichtigen Ereignis erkennen lässt, ist ein politischer und literarischer Fehlgriff. Dass in der, dem Hauptteil angehängten, Bücherliste der im Roman erwähnte Ret Marut, der später als B. Traven mit seinen Romanen Weltruhm erreichte, nicht erwähnt ist, sei am Rande vermerkt. Ret Marut war sicherlich kein „wichtiger“ Mitarbeiter von Kurt Landauer und das Zitat aus Maruts Zeitschrift Der Ziegelbrenner, das wir im Roman finden, ist leider typisch für Weidermanns andernorts hoch gelobte Recherchearbeit: „Mensch sein zu dürfen! ... Ich will frei sein! Ich will froh sein können! Ich will mich aller Schönheit dieser Welt erfreuen! Ich will glückselig sein! Aber meine Freiheit ist nur dann gesichert, wenn alle anderen Menschen um mich frei sind.“ (S. 179)

Im Ziegelbrenner-Heft Nr. 15 vom 30. Januar 1919 geht der Text „Die Welt-Revolution beginnt“, aus dem Weidermann so spärlich zitiert, über insgesamt elf eng bedruckte Seiten. Daraus wenige Zeilen zu zitieren, die noch dazu nicht den zentralen Inhalt dieses Textes darstellen, zeigt Weidermanns bürgerliche Politikschmutz-und-Schundgesinnung. Ich möchte hier auch kurz Marut zitieren, aus dem Artikel „Im freiesten Staate der Welt“, erschienen in Der Ziegelbrenner, Nr. 18/19, 3. Dezember 1919:

„Der freieste Staat der Welt in der Tat: Wucherer und Schieber, Raubmörder und Mörder von Revolutionären leben in Wonne und Wollust, Arbeiter und Revolutionäre dagegen werden hingeschlachtet, in Gefängnissen und Zuchthäusern gemartert. Dass es einmal so kommen würde, wenn die Sozialdemokraten die Macht hätten, habe ich sozialdemokratischen Arbeitern bereits im Jahre 1905 gesagt. Dass die Sozialdemokraten, einmal zur Macht gelangt, hundertfach brutaler sein würden als die Väter des Sozialistengesetzes, habe ich im Jahre 1907 sozialdemokratischen Wählern gesagt. Ich habe es ihnen gesagt nicht aus politischer Erkenntnis heraus (die hatte ich damals nicht und die habe ich heute nicht, weshalb ich mir mein Gefühl für den Menschen bewahren konnte), sondern ich habe es ihnen gesagt aus dem Gefühl heraus, dass die Sozialdemokratie ein Papsttum züchtete, schlimmer als das der katholischen Kirche.“

Volker Weidermann hätte, bevor er dieses die Münchner Räterepublik diskriminierende Machwerk schrieb, gut daran getan, zum Beispiel „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke oder „Als Rotarmist vor München“ von Erich Wollenberg zu lesen, der am 27. Juli 1919 verhaftet wurde und damals sicher kein Schriftsteller, also nach Weidermann ein „Träumer“, gewesen sein dürfte.

Cornelia Naumann und Günther Gerstenberg haben Im Verlag Edition AV das Buch „Steckbriefe“ herausgegeben, ein Lesebuch über Münchner Revolutionärinnen und Revolutionäre im Januar 1918. Porträtiert und steckbrieflich erfasst wurden da Kurt Eisner, Richard Kämpfer, Carl Kröpelin, Betty Landauer, Emilie Landauer, Sarah Sonja Lerch, Carl Mettler, Theobald Michler, Franz Xaver Müller, Anna Niedermeier, Fritz Schröder, Ernst Toller, Hans Unterleitner, Lorenz Winkler, Albert Winter junior und senior. Die hier genannten Männer und Frauen gingen zum größten Teil nicht dem Beruf Schriftstellerin/Schriftsteller nach.

Bedenkliche Protagonisten

Kurt Eisner – auch ihn kann man wahrlich nicht, wie Weidermann es tut, als einen Träumer bezeichnen – spielt auf den ersten 132 Seiten des Buches die inhaltlich führende Rolle. 1867 geboren, tritt er im Jahre 1898 in die SPD ein. Journalistisch schon vorher tätig, arbeitet er beim sozialdemokratischen Vorwärts. Er gehört zu jenen, die bei Beginn des Ersten Weltkriegs den Kriegskrediten zustimmt, um dann im Jahre 1917 Vorsitzender der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) in Bayern zu werden. Im Januar 1918 organisiert Eisner den Munitionsarbeiterstreik in München und wird deswegen für neun Monate inhaftiert. Wie ein „Träumer“, wie Weidermann Eisner einstuft, derart überzeugend agieren kann, wird vom Autor nicht beantwortet. Nachdem Eisner am 7. November 1918 den „Freistaat Bayern“ proklamiert hat, bildet sich unter seinem Vorsitz im Landtag ein Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat – und wie dieser Name schon sagt, war es kein „Dichterrat“, so wie ihn Weidermann seinen Leserinnen und Lesern verkaufen will.

Erich Mühsam, der im Buch eine politische Rolle spielt, stellte zu Eisners politischer Arbeit in der von ihm herausgegeben Zeitschrift Kain Nr. 1 vom 10. Dezember 1918, fest:

„Diese Reinigung des Hauses ist erste Pflicht des neuen Wirts. Will er in gesunder Luft leben, dann darf er nicht die Krankheitsträger nähren, an denen sein Vorgänger gestorben ist. Der wahre Bazillus aber, der den alten Staat im Hexenkessel des Kapitalismus krepieren ließ, heißt Kapitalismus. In der programmatischen Erklärung der republikanischen bayerischen Regierung vom 15. November wird die verhängnisvolle Auffassung vertreten, in einer Zeit, da die Produktivkräfte des Landes nahezu erschöpft sind, dürfe an eine grundsätzliche Umgestaltung der Volkswirtschaft nicht gedacht werden. ‚Man kann nicht sozialisieren, wenn kaum etwas da ist, was zu sozialisieren ist.‘“

Eisner hat nicht nur denkwürdige Politik betrieben, sondern gleich nach Beginn seiner Regierung einen Beauftragten der Zensur eingesetzt. Wie Mühsam in Kain Nr. 2 vom 17. Dezember 1918 im Artikel „Mein Putsch gegen die Münchner Zeitungen“ feststellte, sicherte dies der revolutionsfeindlichen bürgerlichen Presse das Überleben:

„Sie haben über vier Jahre dem naiven urteilslosen Volk, das noch ganz von der Kirche oder Presse abhängt, Lügen der verwegensten Art vorgesetzt … Sie haben die Schuldigsten der Schuldigen der Weltgeschichte tagaus, tagein reingewaschen und sich damit mitschuldig gemacht an ihrer Schuld.“

Eisner beendete diesen notwendigen „Putsch“ gegen eine Presse, die nie die Interessen der Mehrheit der Bevölkerung vertrat, unter Androhung von Waffengewalt. O-Ton im Weidermann-Buch zu Eisner: „Während der Volkskönig sich erschöpft aufs Sofa fallen lässt, sagt er: ‚Ist es nicht etwas Wunderbares? Wir haben eine Revolution gemacht, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen! So etwas gab es noch nicht in der Geschichte.‘“ Im nächsten Absatz ist es still auf Münchens Straßen. „Vereinzelte Schüsse in der Nacht. Sternenhimmel.“ Also wird doch geschossen bei dieser „gewaltfreien“ Revolution? Etwa auf den Mann im Mond? Und weil Weidermann nicht, gebremst durch eine kritische Tastatur, aufzuhalten ist, folgt: „Ein Betrunkener torkelt durch die Straßen Schwabings. ‚Bewegung! Krach! Krach! Krach!‘ kräht er im dunklen Mantel in die Nacht. ‚Be-wee-e-gung!‘ Hört ihn jemand?“

Kein Interesse an Bodenhaftung

Was war in jenen vier Wochen wirklich geschehen, die in die Geschichte als die Münchner Räterepublik eingingen? War es ein blutiger Revolutionskarneval, inszeniert von ausländischen Agitatoren, Intellektuellen und Schwabinger Bohemiens, die den Bayern ihre Terrorherrschaft aufzwingen und eine Räterepublik nach sowjetrussischem Beispiel einführen wollten? Diese Version ist so alt wie das Geschehen selbst. Sie wurde von den konservativen Kräften schon während der Revolutionswochen propagiert und nach der Niederwerfung der Räterepublik kräftig denunziert.

Weidermanns Buch klärt nicht auf, kein Wort über das Ringen, zu einer anderen Gesellschaftsordnung zu kommen, die heute notwendiger denn je wäre. In München gab es 1918/19 eine Verbindung von Teilen der Arbeiterschaft, des Bürgertums und Intellektuellen, die versuchten, die Revolutionsbewegung vom 9. November 1918 in Bayern zu retten, nachdem sie vorher in Berlin gescheitert war.

Mühsams Tagebücher vom Herbst 1916 bis April 1919, verdienstvoll herausgegeben vom Berliner Verbrecher-Verlag, sind leider verschollen. Seine Meinung zur Oktoberrevolution, dem Spartakusbund und vor allem die Geschichte der Münchner Revolution sind nicht mehr auffindbar. Dabei wären gerade diese Texte bedeutsame Beiträge zu einer bisher wirklich nicht besonders beachteten aber wichtigen deutschen Geschichte, die durch Volker Weidermanns Werk keine Aufklärung erfährt, sondern in der Art der Erzählung tatsächlich weder neu noch aufregend ist, geschweige denn Furore machen sollte.

Volker Weidermann 2017:
Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen.
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
ISBN: 978-3-462-04714-1.
288 Seiten. 22,00 Euro.
Zitathinweis: Dieter Braeg: 1918 als Poeten-Revolution. Erschienen in: Kapitalismus digital. 48/ 2018. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1493. Abgerufen am: 17. 07. 2018 13:29.

Zur Rezension
Zum Buch
Volker Weidermann 2017:
Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen.
Kiepenheuer & Witsch, Köln.
ISBN: 978-3-462-04714-1.
288 Seiten. 22,00 Euro.
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