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Liebe und ihre kleine Abweichung

Buchautor_innen
Elfriede Jelinek
Buchtitel
Die Liebhaberinnen
Buchuntertitel
Roman
Eine Chronik biographischer Widrigkeiten in Zeiten von Kapitalismus und Patriarchat, die zwei falsche Alternativen und keine Lösung vorzuführen hat.
Rezensiert von Hannah Schultes

Wenn man wie Wikipedia unter einem Liebesroman einen Roman versteht, „dessen zentrales Thema die Liebe ist“, scheint „die liebhaberinnen“ zunächst einer zu sein. Die Realität um Elfriede Jelineks Protagonistinnen im steiermärkischen Dorfidyll gestaltet sich allerdings ungewohnt unschön. Auf Basis ihrer Kindheit in der Steiermark und späteren erwachsenen Beobachtungen beschreibt Jelinek anhand der steil bergab rasenden Lebensläufe zweier junger Frauen den ewigen Kreislauf der Reproduktion eines Dorfes.

Statt komplexer Charaktere findet man schlicht eine Ansammlung von Widrigkeiten vor, statt das Individuum zu feiern, richtet Jelinek den Blick auf ein Verhältnis. Die junge Paula will Schneiderin werden und gibt sich damit einer fast vorfeministischen Ahnung hin: Es kann ein besseres Leben geben. Es beginnt allerdings in ihrer Vorstellung mit einer Heirat. Brigitte, Arbeiterin in einer Büstenhalterfabrik, ereilt bloß die Ahnung eines fließbandfernen Lebens, das in Gänze in der Person von Heinz aufgeht, der als Elektroinstallateur dem „modernen wirtschaftsleben“ (S. 22) entstammt. Die Instandhaltung und Wartung von Heinz wiederum veranlasst Brigitte zur Feststellung, „[d]ass die liebe nur etwas mit arbeit zu tun hat“ (S. 19), und angesichts des Haufens an Liebesarbeit befindet sie, dazu noch die Fabrik eigentlich gar nicht zu brauchen. Die Fabrik wird in Folge zur „kleine[n] Abweichung“ (S. 89) von Brigittes umtriebigen Investitionen in eine noch unsichere Zukunft mit Heinz. Nur der Boykott ihrer Beziehung durch Heinz’ Eltern trübt ihren Blick auf die Zukunft. Argumentativ gerüstet arbeiten diese ihrem zukünftigen Schwiegereltern-Status entschieden entgegen: „warum ist brigitte nicht überhaupt mit dem, was sie hat zufrieden, nämlich mit nichts?“ (S. 29) Die sich selbst dem Zufall ausliefernde Paula erleidet hingegen eine spezifisch weibliche Spielart von Liebesgefühlen, die stets mit der Geiselnahme des Impulses, für das eigene Leben Verantwortung zu übernehmen, drohen. So endet die Ahnung des besseren Gefühls denn auch in Aussichtslosigkeit. Schwanger vom schönen Erich, dem Motoren- und Auto-fixierten Holzfäller ohne Fahrerlaubnis, der zu Alkohol und Prügel neigt, muss sie nun seine Eltern dazu bewegen, der Heirat zuzustimmen.

Das Urteil einer Rezensentin 1975 in der Zeit rührt vom Ewigen und Immergleichen der weiblichen und männlichen Werdegänge: „Der Informationswert des Buches nimmt rapide ab.“ Die Beziehung zwischen den Frauen und zwischen Männern und Frauen bestimmt sich über die Funktionslogik des Steiermark-spezifischen Heiratsmarktes, der sich bei Jelinek unverschleiert mittels einer ökonomischen Rhetorik präsentiert: Er produziert „Marktwert“ (S. 25) und Nylonstrümpfe als „Investitionsgüter“ (S. 24) und regelt den Verbrauch und Gebrauch von Frauen, deren Schicksal, also Ehefrau oder Fräulein Mutter, von der Gnade oder Ungnade des „Erstverbraucher[s]“ (S. 15) abhängt. So bleibt einer Frau für die anderen Frauen, das heißt: die Hausfrauen, die mal Verkäuferinnen waren, und die Verkäuferinnen, die später Hausfrauen werden, nur noch Konkurrenz, Neid und Verachtung übrig.

Leser_innen, denen authentische Dialoge wichtig sind, werden mit diesem Buch nicht glücklich werden, finden dafür aber eine an Kindersprache geschulte Entstellung des durch Klasse und Geschlecht strukturierten Heiratsmarktes vor. So heißt es über Heinz’ Eltern und ihre Beziehung zu Susi, Tennis spielende Gymnasiastin, in der Brigitte fälschlicherweise ihre Nebenbuhlerin vermutet:

„eine wie susi ist ihnen lieber. sie sind wiederum einer wie susi nicht lieber, was sie nicht ahnen. sie halten susi für etwas minderes, weil sie eine frau ist und unter heinz steht. als frau ist susi etwas tieferes, als mensch, der einen rang in der gesellschaft einnimmt, ist sie wiederum etwas höheres als heinz“ (S. 77).

Die Erzählung endet dort, wo im Leben von Brigitte und Paula keine nennenswerten Änderungen mehr eintreten. Trotzdem handelt es sich um eine mehrdimensionale Realität, denn das Management der sich in ihrer Lebenswelt ausschließenden Wünsche von Sicherheit und Freiheit, Leidenschaft und Pragmatismus fällt bei Brigitte und Paula durchaus unterschiedlich aus. Brigitte bringt es nach der Heirat mit dem „wohlstandsheinz“ zur Mutter und Geschäftsfrau im Elektrogeschäft. Mit Hilfe von Paulas städtischer Tante, die Erichs Mutter von der Heirat überzeugt, überwindet Paula das Hindernis in Form von Erichs Familie. Nach der Heirat gerät jedoch eine eigene Wohnung außerhalb des Hauses ihrer Familie aus Geldmangel in weite Ferne, sodass Paula in der nächsten Ortschaft mit sporadischer, fast zufälliger Sexarbeit heimlich etwas dazu verdient. Nachdem sie dabei gesehen wird, wird sie schuldig geschieden und findet sich dort wieder, wo Brigitte das Interesse entwickelt hat, sich für sich selbst und Heinz abzurackern: am Büstenhalterband. Für Paula gilt nun hingegen umso mehr: „am büstenhalterband kann man nur schwer büstenhalterbandfremde interessen haben (…). man weiß nur, daß einer oder mehrere interesse daran haben, daß das büstenhalterband läuft“ (S. 32).

Jelinek imitiert den Spott des Dorfes, der sich über jedwede in Not geratene, meist weibliche Person legen kann und ätzt: Wem die Welt nie gehört hat, na, für den kann sie auch nicht zusammenbrechen. Auf einer weiteren Ebene setzt der Spott der Erzählerin („Starberuf Verkäuferin“) und die Empathielosigkeit mit den Figuren ein. Anstatt das in diesem Umstand Außergewöhnliche zu schildern – Solidarität unter den Bedingungen des Patriarchats zum Beispiel – werden die Ereignisse zusammengefasst, die auf dem Schauplatz ihrer Geschichte die Normalität ausmachen: der Hass der Männer auf die Frauen, der Frauen auf die Männer und der Frauen auf die Frauen, der Schmerz bei den Frauen und die ideologisierte Liebe als Kitt zwischen all diesen Gefühlen. Der weibliche Eintritt in die Arbeitswelt ist hier nicht beschwerlich aber richtig, sondern eine von zwei falschen Alternativen.

Es ist eine quälende Erzählung, die einen etwas blutarm zurücklässt, ein vampiresker Heimatroman, der einen daran erinnert, dass man selbst solche Verhältnisse schon mal gesehen hat. Die gedankliche Verbannung dieser Zuspitzung des Geschlechterverhältnis ins depressive Ländliche durch den Leser liegt nahe, viele kleine Momente aus der großstädtischen Erlebniswelt vor der Tür strafen ihn aber Lügen. Dabei unterliegt diese Zuspitzung bekanntermaßen an vielen Orten mittlerweile ihrem neoliberalen Wiedergänger.

Fehlt Jelineks Erzählung der positive Ausblick? Ein bisschen positiv sollte es schon sein, meint die Zeit-Rezensentin und nimmt „brigitte“ und „paula“ in Schutz: „Elfriede Jelinek dagegen bestreitet ihren Figuren jede Hoffnung; denn ohne es zuzugeben, rechnet sie mit ihnen ab und nicht mit der sozialen Landschaft, in der sie leben.“ Darin scheint die Idee auf, die Autorin müsse mit ihren Frauenfiguren solidarisch sein, indem sie sie doch wenigstens nicht ganz so zurichtet. Der Zeit-Rezensentin widersprechend könnte man behaupten: Sie verrät die Vorlagen für ihre Figuren schon deswegen nicht, weil sie distanziert erzählt, sodass Pathos und Mitleid gar nicht erst aufkommen. Denn selbst wenn man der emphatischen Einstellung der Zeit-Rezensentin folgt, ist das sicherlich das Letzte, was ihre Figuren brauchen: Objekt einer weiteren Rettung zu werden.

Elfriede Jelinek 1975:
Die Liebhaberinnen. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-499-12467-9.
121 Seiten. 8,99 Euro.
Zitathinweis: Hannah Schultes: Liebe und ihre kleine Abweichung. Erschienen in: Marxistischer Feminismus. 34/ 2015. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1244. Abgerufen am: 24. 02. 2018 06:42.

Zum Buch
Elfriede Jelinek 1975:
Die Liebhaberinnen. Roman.
Rowohlt Verlag, Reinbek.
ISBN: 978-3-499-12467-9.
121 Seiten. 8,99 Euro.
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