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Marx und Bakunin: zum „Urkonflikt“ von Marxismus und Anarchismus

Buchautor_innen
Michael Bakunin
Buchtitel
Konflikt mit Marx
Buchuntertitel
Teil 2: Texte und Briefe ab 1871
Die jüngste Arbeit des Bakunin-Experten Wolfgang Eckhardt bearbeitet minutiös die Auseinandersetzungen innerhalb der Internationalen Arbeiter-Assoziation in den Jahren 1871/1872.
Rezensiert von Philippe Kellermann

„Die künftige Gesellschaft soll nichts anderes sein als die universelle Anwendung der Organisation, welche die Internationale sich gegeben haben wird. Wir müssen also Sorge dafür tragen, diese Organisation so weit wie möglich unserem Ideal anzunähern. Wie könnte eine egalitäre und freie Gesellschaft aus einer autoritären Organisation hervorgehen? Das ist unmöglich. Die Internationale, Keimzelle der künftigen menschlichen Gesellschaft, ist gehalten, schon von jetzt an das treue Abbild unserer Grundsätze von Freiheit und Föderation zu sein und jedes der Autorität, der Diktatur zustrebende Prinzip aus ihrer Mitte zu verstoßen.“
Jurazirkular (1871)

Der „Urkonflikt“ zwischen Anarchismus und Marxismus in der Ersten Internationale: ein inhaltlicher, kein persönlicher Streit

Es ist bekannt: Die Geschichte der sozialistischen Bewegung ist durch die Konflikte zwischen marxistischen und anarchistischen AkteurInnen tief geprägt worden. Das Terrain, auf dem dieser Konflikt explodierte, war die „Internationale Arbeiter-Assoziation“ (1864-1877). Mit dieser und dem angesprochenen Konflikt beschäftigt sich der gerade erschienene Mammutwälzer Wolfgang Eckhardts: Michael Bakunin: Konflikt mit Marx, Teil 2, Texte und Briefe ab 1871, herausgegeben im Rahmen von Bakunins Ausgewählten Schriften. Überraschenderweise stellen die Lesenden bei der Lektüre aber schnell fest, dass Bakunin als Agierender gar nicht im Mittelpunkt des Geschehens stand. Denn, wie Eckhardt betont:

„Die Signalwirkung der Namen ‚Marx’ und ‚Bakunin’, jener angebliche Zweikampf zweier Titanen, ist (…) überwiegend eine Erfindung der Nachwelt. Der Konflikt zwischen Marx und Bakunin hat nicht als Rivalität zweier Konkurrenten oder als eine von persönlichen Ressentiments geprägte Privatfehde Bedeutung – entscheidend ist, dass sich im Zuge der Auseinandersetzung die Gegensätze zwischen partei-politisch-parlamentarischen Strategien zur Eroberung der politischen Macht und sozialrevolutionären Konzeptionen im Sozialismus herauskristallisierten“ (S. 669)

Und es sind eine Unzahl von AkteurInnen, die sich um diese Positionen gruppierten, sie formulierten, weiter trieben, mit Leben erfüllten. Schon diese weitgehend Namenlosen zu Wort kommen, sie wieder in die Geschichte eintreten zu lassen, ist Leistung genug und sollte Eckhardts Band einen festen Platz in jedem Regal sichern. Betrachten wir aber die historische Auseinandersetzung. Einer der Streitpunkte wurde schon erwähnt: die politische Strategie. Eckhardt hebt drei Positionen hervor: a.) Befürworter der Eroberung der politischen Macht auf parlamentarischem Weg (Marx/Engels); b.) Vertreter sozialrevolutionärer Ideen, die gewerkschaftliche Kampfformen vorzogen und jede Beteiligung am Parlamentarismus ablehnten (Bakunin/Guillaume), sowie c.) Anhänger der Eroberung der politischen Macht, bei Ablehnung des Parlamentarismus und des gewerkschaftlichen Kampfes (Vaillant) (S. 70f).

Diese Streitfrage war für sich genommen aber keineswegs der Grund für die heftige Form, die die Auseinandersetzung in der IAA (Internationale Arbeiter-Assoziation) annahm und schließlich zu ihrer Spaltung führte. Diese erklärte sich vielmehr aus einer zweiten Streitfrage, nämlich nach der Organisationsform. So war es der Versuch – allen voran von Marx und Engels – ihre politischen Vorstellungen als allgemeinverbindliche in der IAA durchzusetzen, welcher zu der heftigen Auseinandersetzung führte und ihnen von breiten Teilen der IAA-Mitglieder, keineswegs nur den AnarchistInnen, den Vorwurf eintrug, sich zum „Sultan“ (S. 563) oder „Hohepriester“ (S. 93) der IAA aufzuschwingen. Marx und Engels, die sich mit diesem Vorgehen frontal gegen die ganze föderalistisch-pluralistische Tradition der IAA stellten, ließen von ihrem Vorgehen, trotz mehrmaliger Versuche von allen Seiten, sie zur Umkehr zu bewegen, nicht ab und provozierten damit letztlich die Spaltung der Organisation. Dass überdies der ohnehin problematische Vorstoß der Beiden unter dubiosen Umständen auf der nicht repräsentativen Londoner Konferenz (1871) zustande kam, machte die Stimmung in den Föderationen nicht besser:

„Mit den Forderungen nach Konstituierung der Arbeiterklasse als politische Partei und Eroberung der politischen Macht wurden zentrale Programmpunkte von Marx und Engels zum Ausdruck gebracht, die jedoch auf der [Londoner] Konferenz so kaum diskutiert worden waren. Besondere Schärfe enthielt Resolution IX. aber vor allem durch den Verbindlichkeitsanspruch solcher Tätigkeit für alle Mitglieder der Internationale – erst dies machte sie zum Richtungsentscheid, der dem bisherigen Strömungspluralismus ein Ende setzte.“ (S.80)

Gegen diese „Gewaltpolitik“ (Nettlau 1993, S. 126) erhoben sich nun keineswegs nur angebliche „BakunistInnen“ oder AnarchistInnen im engeren Sinn, sondern alle, die die organisatorische und ideelle Grundlage der IAA in Frage gestellt sahen, also jene „Autonomie, die man sich durch die Assoziationen gerade zu sichern hoffte“ (Weber 1989, S. 168). Erstaunlich dabei ist, und die von Eckhardt versammelten Quellen zeigen dies in aller Eindringlichkeit, wie klar sich die Beteiligten des grundsätzlichen Charakters dieser Auseinandersetzung bewusst waren. So erklärt z.B. André Léo in ihrem Artikel „Der Geist der Internationale“:

„[E]s gibt derzeit unter den Menschen einen solchen starken Drang, diesem Weg zu folgen, dem von Tradition, Erziehung und Gewohnheit, dass man nicht merkt, wohin man geht und auf welchem Irrweg man sich befindet. Wir beginnen gerade erst zu verstehen, dass die wahre Einheit nicht im Verschwinden aller zugunsten eines Einzelnen besteht, seltsame Arithmetik, verhängnisvoller Köder, der die Menschheit seit so vielen Jahrhunderten narrt! (…) Die neue Einheit ist nicht die Einheitlichkeit, sondern ihr Gegenteil; die Entfaltung aller Initiativen, aller Freiheiten, aller Vorstellungen, verbunden allein durch die Tatsache ihrer Wesensgleichheit, die ihr gemeinsames Interesse erzeugt, in dem, von sich aus und auf verschiedenen Wegen, und wären es Umwege, die freien Kräfte zusammenströmen.“ (S. 687)

Politische Streitkultur: (Auch) eine Stilfrage

Erschreckend ist jedenfalls der Stil der Auseinandersetzung, wie er von Marx und Engels eingeführt wurde. „Dort sah ich“, so der spanische Delegierte Anselmo Lorenzo über die Londoner Konferenz, „wie jener Mann [Marx], den ich in meiner Bewunderung und in meiner Achtung so hoch erhoben hatte, auf die Ebene der Gemeinheit herabsank“ (S. 58).

„[K]einerlei Neigung, unter dem Banner dessen zu dienen, der die spanische sozialistische Allianz denunziert hat“ verspürte Édouard David, und erklärte: „Wie groß sein Genie auch immer sein mag, ich kann ihm keine Achtung mehr entgegenbringen nach dem, was er vor und während des Haager Kongresses getan hat.“ (S. 591).

Schließlich:

„Es handelt sich hier [auf dem Haager Kongress der Internationale, 1872] um ein Manöver, das ich ohne zu zögern als unwürdig bezeichne seitens jener Männer [Marx und Engels], die ich für anständig zu halten pflegte (…) Vom ersten Tag an war das hier ein Zentrum gemeiner Intrigen; um ihre Anträge durchzubekommen, schrecken sie nicht davor zurück, die Internationale zu opfern. (…) M.[arx] und E.[ngels] legen eine unerhörte Taktlosigkeit an den Tag und unvergleichliche Wut gegen jedwede Opposition, ihr taktloses Spiel brachte sogar ihre Freunde auf.“ (Jules Johannard, S. 528)

Wenn man z.B. von Eckhardt bis ins Detail vorgeführt bekommt, wie Engels einen Brief voller Lügen über die Vorkommnisse innerhalb der Internationale nach Italien schreibt, weil er meint, auf die Unkenntnis des Adressaten spekulieren zu können (S.140f.), versteht man solche Reaktionen nur zu gut.

Schwer erklärbare Angst vor Bakunin

Das Handeln von Marx und Engels, das im übrigen nicht nur der Internationale, sondern vor allem auch ihnen selbst geschadet hat – es „endete in einem politischen Scherbenhaufen“, wie Eckhardt ausführt (S. 641) –, ist schwer zu erklären und scheint sich vor allem aus einer ungeheueren Angst vor Bakunin zu ergeben. Diese Angst wird durch die immer wahnhaftere Züge annehmende Vorstellung illustriert, wonach Bakunin „die Arbeiterbewegung unter russische Leitung nehmen“ wollte (MEW 32, S. 234), wobei man sich überall von blinden Werkzeugen und Spionen des Russen umzingelt sah.

Dies kann allerdings nicht erklären, warum Marx und Engels dieser angeblichen Unterwanderungsstrategie Bakunins mit einem neuen strategischen Kurs begegneten, der sie dem Großteil der IAA entfremdete. Es zeugt jedenfalls von einer entweder absurden Arroganz oder einer erstaunlichen Hilflosigkeit, wenn sie Bakunins „Phantasie-Sozialismus“ (MEW 18, S. 336) nicht anders als polemisch und in der Absicht, ihn lächerlich zu machen, entgegentraten.

Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass sich Marx und Engels auf keinem Kongress einer öffentlichen Auseinandersetzung mit Bakunin stellten. Stattdessen beriefen sie 1872 den Kongress in dem Wissen nach Den Haag, dass es Bakunin – aufgrund polizeilicher Verfolgung – nicht möglich sein werde dort hinzugelangen, um sich dann später wiederum über „Bakunins alte Unlust, in persönlicher Debatte aufzutreten“ lustig zu machen (MEW 33, S. 586).

Gelegt wurde damit der entscheidende Grund dafür, dass „die Auffächerung des Sozialismus in Sozialdemokratie, Kommunismus und Anarchismus im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts“ nicht „mit größerer Sachlichkeit und Transparenz“ abgelaufen ist (S. 667).

Die Geheimgesellschaften Bakunins

Was die ominösen Geheimgesellschaften Bakunins angeht, ist festzuhalten, dass es diese in der Form nie gegeben hat und Geheimgesellschaften als solche in der damaligen Bewegung nicht grundsätzlich verurteilt wurden. Es entbehrt dann nicht der Komik, dass gerade Marx, der „seine Anhänger straff führte“ (S. 486) und eine solche Gangart auch in der IAA durchzusetzen versuchte, Vorwürfe gegen den „autoritären“ Bakunin erhob, gleichwohl aber mit den straff und konspirativen BlanquistInnen ein Bündnis gegen die angeblichen „BakunistInnen“ einging (S. 488f). Nichtsdestotrotz ist es für die Bakuninforschung nicht ausreichend, Bakunins Faible für hierarchische Geheimgesellschaften lediglich als „Schwäche“ abzutun (S. 483), auch wenn Bakunins FreundInnen dieses Faible nicht teilten und für einen persönlichen Tick Bakunins hielten (S. 484). Wenn Bakunin jedenfalls zu Recht erklärte, dass Marx und Engels die Auseinandersetzung „personifizieren“ würden, um eine inhaltliche Diskussion „leichter umgehen zu können“ (S. 747), muss man sagen, dass er mit seinem „Tick“ ihnen dafür die Gelegenheit gegeben hat. Allerdings änderte dies nichts daran, dass der Großteil der IAA den Marxschen Vorwürfen nichts abgewinnen konnte und inhaltlich weitgehend auf Bakunins „Linie“ lag.

Fazit

Aus anarchistischer Perspektive kann man es sich leicht machen und einfach mit dem Teilnehmer des Haager Kongresses, Podolinskij, erklären:

„Faktisch haben die Zentralisten gesiegt, aber moralisch liegt der Sieg eindeutig bei den Anarchisten (…) und wirklich standen fast alle Arbeiter des Kongresses auf der Seite der Anarchisten.“ (S. 552)

Es ist meines Erachtens schwer, nach der Lektüre Eckhardts zu einem anderen Ergebnis zu kommen. Dieses Fazit ist für sich genommen nichts Neues. Schon Brupbachers Marx und Bakunin (1913), das – seinerzeit ein Skandal – dennoch vom kritischen Geist Franz Mehring für seine Marx-Biographie berücksichtigt wurde, oder die Arbeiten Max Nettlaus über die Erste Internationale haben vieles zur Aufklärung beigetragen und sich dem gängigen MEW 18-Geschichtsbild entgegengestellt.

Bisher hat sich der Marxismus immer wieder einer ernsthaften Auseinandersetzung mit solchen Arbeiten verschlossen. Beispielhaft, wenn z.B. das Historisch-Kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM) in den ersten Bänden kein einziges mal James Guillaume, der weitaus mehr als Bakunin der eigentliche Widersacher von Marx und Engels gewesen ist, auch nur erwähnt. Wie auch das angeführte Buch Brupbachers für das HKWM nicht zu existieren scheint.

Was jedenfalls die Arbeit Eckhardts im Besonderen auszeichnet, ist die Fülle der Quellen und die Arbeit am Detail. Mir ist im deutschsprachigen Raum nichts auch nur entfernt damit Vergleichbares bekannt. An diesem Buch wird niemand vorbeikommen können, der sich nicht nur ernsthaft mit der Geschichte der Auseinandersetzung zwischen Marxismus und Anarchismus, sondern auch der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts beschäftigen will. Und man wird sehen: Der Wunsch, dass „alle menschlichen Wesen in Freiheit und Würde leben können“ (Francisco Tomás, S. 585), musste nicht erst von den ZapatistInnen formuliert werden. Das aber macht Hoffnung, über alles Trennende hinweg…

Zusätzlich verwendete Literatur

MEW – Gesammelte Werke von Karl Marx und Friedrich Engels (Werkausgabe)
Nettlau, Max 1993 [1927]: Geschichte der Anarchie. Band 2. Bibliothek Thélème, Münster
Weber, Petra 1989: Sozialismus als Kulturbewegung. Droste, Düsseldorf

Michael Bakunin 2011:
Konflikt mit Marx. Teil 2: Texte und Briefe ab 1871.
Karin Kramer Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-87956-342-5.
1240 Seiten. 78,00 Euro.
Zitathinweis: Philippe Kellermann: Marx und Bakunin: zum „Urkonflikt“ von Marxismus und Anarchismus. Erschienen in: Debatten und Praxen des Anarchismus. 11/ 2011. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/952. Abgerufen am: 24. 11. 2017 15:33.

Zum Buch
Michael Bakunin 2011:
Konflikt mit Marx. Teil 2: Texte und Briefe ab 1871.
Karin Kramer Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-87956-342-5.
1240 Seiten. 78,00 Euro.
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