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Schreiben als politsches Werkzeug

Buchautor_innen
Claire Horst
Buchtitel
Alle Geschichten (er)zählen
Buchuntertitel
Aktivierendes kreatives Schreiben gegen Diskriminierung
Warum die „anderen“ Geschichten nicht nur für die wichtig sind, die sie hören, sondern auch für jene, die sie erzählen.
Rezensiert von Yener Bayramoğlu

Sait Faik Abasıyanık ist einer der wichtigsten Schriftsteller*innen der türkischen Literatur. Er erzählt in einer seiner autobiographischen Kurzgeschichten, dass er einst versuchte, mit dem Schreiben aufzuhören. Das schriftstellerische Ego, das hinter dem Schreiben steckt, störte ihn so sehr, dass er für einige Zeit tatsächlich nicht mehr geschrieben hat. Er wollte ohne Schreiben weiterleben und auf den Tod warten. Als er eines Tages eine Ungerechtigkeit zwischen den Fischern auf der Insel unweit von Istanbul miterlebt hat, spürte er wieder diesen inneren Drang zum Schreiben. Er konnte ihn nicht mehr unterdrücken.

Mit der Frage, wie kreatives Schreiben als ein strategisches Werkzeug gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung verwendet werden kann, beschäftigt sich das Buch „Alle Geschichten (er)zählen – Aktivierendes kreatives Schreiben“ von Claire Horst. Ähnlich wie Abasıyanık interessiert sich Horst dabei nicht nur für die Frage, wie man mit dem Schreiben Diskriminierung bekämpfen kann, sondern auch, wie man durch das Schreiben einen Halt im Leben finden und sich selbst in einer ungerechten Welt ermächtigen kann. Kreatives Schreiben ist für Horst außerdem eine Möglichkeit, diejenigen Geschichten zu Gehör zu bringen, von denen kaum oder nie gesprochen wird. Es ist eine mächtige Strategie, um das Ungehörte, Nichterzählte zur Sprache zu bringen. Das kann man wiederum auch als ein Mittel zur Wiedergutmachung des Lebens betrachten. Die Wunden heilen nur dann, wenn das Schweigen gebrochen ist. Horst gibt dabei praktische Beispiele, wie man durch das Schreiben die Stille brechen kann.

Nach einem kurzen theoretischen Einstieg in das Feld Antidiskriminierung richtet sie ihren Blick auf Ansätze der diskriminierungskritischen Bildungsarbeit. Danach erläutert sie unterschiedliche Methoden des kreativen Schreibens als emanzipatorischen Ansatz. Zum Schluss ist auch eine Übungssammlung zu finden. Zwischen den einzelnen Kapiteln befindet sich jeweils ein Interview mit Autor*innen, Referent*innen sowie Antidiskriminierungstrainer*innen, die kreatives Schreiben als eine Methode in ihrer Arbeit verwenden.

Im Zentrum steht dabei, wie man durch das Schreiben insbesondere in den Feldern antirassistischer Arbeit, Anti-Bias-Ansatz, Social-Justice-Education sowie der geschlechterreflektierenden Bildungsarbeit die Perspektive erweitern kann. Dabei gibt Horst wiederum praktische Beispiele, wie die Themenfelder sowie Ziele der komplexen gesellschaftskritischen Theorien in politischer Bildungsarbeit durch das Schreiben verständlicher gemacht werden können. Damit wird das Schreiben selbst zum politischen Werkzeug.

Horst ist dabei bewusst, dass der Zugang zum Schreiben sowie zur Sprache auch Hürden hat. Zugänge zum kompetenten Schreiben sind heute noch beschränkt. Viele Kinder, die sich etwa ohne legalen Aufenthaltsstatus in Deutschland aufhalten, können nur unter erschwerten Bedingungen beschult werden. Insbesondere für solche Menschen, die nicht oder kaum die Möglichkeit haben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, ist kreatives Schreiben sowohl eine Selbstermächtigungs- als auch Widerstandsstrategie.

In dem Buch geht es darum, wie man einen Raum für diejenigen Geschichten eröffnet, die bis jetzt kaum Gehör gefunden haben. Nicht alle Geschichten brauchen erzählt zu werden: insbesondere diejenigen nicht, die sich zu oft wiederholen und dabei unterdrückte Gruppen verletzen. Horsts Buch ist dabei eine wertvolle Anleitung, wie man den Fokus auf die „anderen“ Geschichten verschieben kann, die Schwierigkeiten haben, Gehör zu finden.

Claire Horst 2017:
Alle Geschichten (er)zählen. Aktivierendes kreatives Schreiben gegen Diskriminierung.
Barbara Budrich, Leverkusen.
ISBN: 9783847421108.
175 Seiten. 18,90 Euro.
Zitathinweis: Yener Bayramoğlu: Schreiben als politsches Werkzeug. Erschienen in: Neue Klassenpolitik. 47/ 2018. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1476. Abgerufen am: 20. 09. 2018 15:36.

Zum Buch
Claire Horst 2017:
Alle Geschichten (er)zählen. Aktivierendes kreatives Schreiben gegen Diskriminierung.
Barbara Budrich, Leverkusen.
ISBN: 9783847421108.
175 Seiten. 18,90 Euro.
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