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Wie Medien und Kultur Rasse produzieren

Buchautor_innen
bell hooks
Buchtitel
Black Looks
Buchuntertitel
Popkultur Medien Rassismus
Das vor mehr als zwanzig Jahren erstmals erschienene Buch bleibt ein unumgänglicher Klassiker für die Ergründung ideologischer Inhalte von Bildern in den Medien und der Popkultur.
Rezensiert von Dr. Daniele Daude

„Seit der Zeit der Sklaverei ist es den herrschenden Weißen bewußt, dass die Kontrolle über die Bilderwelt wesentlich ist, um Systeme rassistischer Beherrschung aufrecht zu halten.“ (S. 11)

„Black Looks“ ist eine Sammlung kritischer Essays über ideologische Inhalte, politische Macht, gesellschaftliche Grenzen und das Subversionspotential von Bildern in den Medien und Kulturwelten. Ausgehend von Darstellungen über Schwarzsein bzw. Weißsein in Theater, Film, Mode, Werbung, Literatur und Musikvideos zeigt hooks die unentbehrliche Funktion von Bildern in der heutigen Konstruktion von Rasse (Vgl. u.a. Mecheril/Melter 2009, Sow 2008, Husmann 2010, Guillaumin 1972, Dorlin 2006). Mediale und kulturelle Bilder sind zum einen Mittel zur Legitimierung und Bestärkung weißer Seh-, Denk- und Seinsweisen und zum anderen Instrumente der Ausblendung vielfältiger Perspektiven of color (vgl. Ha 2009). Bilder sind insofern ambivalent, als sie einerseits homogenisierte Sehgewohnheiten (re)produzieren und andererseits Alternativbilder systematisch negieren oder zum Ausnahmefall erklären. hooks beansprucht eine konsequente Dekonstruktion rassistischer Bildern in Medien und Kultur, welche allerdings nur mit einer Produktion von Alternativbildern aus Schwarzer-/of color-Perspektive einhergehen kann. Diesen politischen Kampf, um „uns selbst zu definieren − im Widerstand gegen Beherrschung und darüber hinaus“, nennt hooks „Entkolonialisierung“ (S. 13).

Bilderwelten aus Medien und Popkultur

Die Essays von „Black Looks“ thematisieren viele Aspekte der Interaktion zwischen der Erzeugung und der Rezeption medialer und kultureller Bilder. Hauptthema und Leitfaden der Sammlung ist das Zuschauen, das zugleich Voraussetzung und Implikation von kulturellen und medialen Produktionen ist. Dabei lassen sich drei Kategorien erkennen, unter denen alle Themen subsummiert werden können: 1. Analyse von weißen Mainstreambildern und ihrer politischen Funktion in „Das Einverleiben des Anderen“, „Heiße Möse zu verkaufen“ und „Brennt Paris?“. 2. Entkolonisierung und Empowerment von Subjekten of Color in „Schwarzsein lieben als Form des politischen Widerstands“, „Revolutionäre Schwarze Frauen“, „Die Wiederherstellung Schwarzer Männlichkeit“, Micheaux’ Filme, „Weißsein in der Schwarzen Vorstellungswelt“ und „,Abtrünnige‘ Revolutionäre“. 3. Entkolonisierung des weißen Feminismus und Entwicklung von Alternativen aus dem Feminismus of Color in „Eine feministische Herausforderung“, „Der oppositionelle Blick“ und „Madonna“.

Wie die thematische Aufteilung es bereits andeutet, ist das Hauptanliegen der Autorin, die Prozesse der Entkolonisierung und des Empowerments von Subjekten of Color, denn „wir können nicht darüber bestimmen, wie wir uns selbst sehen (…) und wie wir gesehen werden“ (S. 12). Daher ist das Eingreifen von People of Color in die Bilderwelt und somit die Bezwingung ihrer Umwandlung notwendig. Entscheidend dabei „wäre für uns zum einen die Art der Bilder, die wir produzieren, und zum anderen, wie wir als KritikerInnen über diese Bilder schreiben und reden. Und am wichtigsten wäre, wir würden uns der Herausforderung stellen und das ansprechen, was niemals zur Sprache gekommen ist“ (S. 13). Wenn hooks sich an erster Stelle an Zuschauer_innen of Color wendet, gelingt es ihr das kulturpolitisch erzeugte Paradigma „Betroffene“ versus Weiße beziehungsweise „sie“ gegen „wir“ zu überwinden, denn

„in Wirklichkeit geht es um Standpunkt. Von welcher politischen Perspektive aus träumen wir, sehen wir, sind wir schöpferisch tätig und bringen wir etwas im Gang? Wir, die es wagen, andere Wünsche zu haben, und uns bemühen, von der üblichen Art, Schwarzsein und uns selbst zu sehen, wegzukommen, wollen bei dem Problem Rassismus und Darstellungsweisen nicht nur den Status quo kritisieren. Es geht darum, die Bilder umzuwandeln, Alternative zu schaffen. Wir fragen uns selbst, welche Art Bilder zersetzen, schlagen kritische Alternativen vor und wandeln unsere Weltanschauung.“ (S. 13)

Von dorther stellt hooks die grundlegende Frage nach den Bedingungen einer wirkungsvollen Zusammenarbeit zwischen äußerst verschiedenen Perspektiven in der gemeinsamen Bekämpfung von rassistischen Bildern. Hier analysiert die Autorin, wie weiße Künstler_innen und Intellektuelle Rassismus produzieren und weiterhin bedienen, solange erstens keine Entkolonisierung stattgefunden hat und zweitens Perspektiven of Color nicht mit einbezogen wurden. Diese Paradigmen lassen sich in hooks´ Standard gewordenem Essay über „Madonna“ exemplarisch vorführen.

„Madonna“

Die Sängerin Madonna, so hooks, wurde vom weißen US-amerikanischen Publikum zunächst für ihr „Interesse“ am African-American Kulturerbe besonders hoch geschätzt. Während weiße Frauen in ihr ein subversives Spiel mit dem Mythos der unschuldigen blonden weißen Frau sahen, empfanden Frauen of Color eher Abscheu vor einer Figur, die sie als Gegensatz implizierte:

„Wir wußten immer schon: das Bild der unschuldigen weißen Frau, das die Gesellschaft entwirft, beruht auf dem rassistischen/sexistischen Mythos, das Schwarze Frauen nicht unschuldig sind und niemals sein können, und darauf, daß dieser Mythos ständig aufbereitet wird. Da wir in der rassistischen gesellschaftlichen Ikonographie immer als ,gefallene‘ Frauen gelten, können wir niemals, so wie Madonna, öffentlich mit dem Bild einer unschuldigen Frau, die den Sündenfall wagt, arbeiten. Für die dominante Kultur symbolisiert der Schwarze Körper immer sexuelle Erfahrung.“ (S.197)

Dies vermag eine vergleichende Analyse der Rezeption von Madonna und Tina Turner besonders anschaulich darzustellen. Der brisante Punkt bei Madonna sei jedoch die systematische Ausnutzung von historisch herauskristallisierten Symbolen des afroamerikanischen Kulturerbes. In dieser Hinsicht „interessiert“ sich die Pop-Ikone besonders für Codes von afroamerikanischen Männern: „Sie will phallische Macht und wie jede andere Gruppe in dieser von Weißen dominierten Gesellschaft, glaubt sie offensichtlich, Schwarze Männer verkörperten eine Qualität von Männlichkeit zu der weiße Männern keinen Zugang haben.“ (S. 198)

Dass Madonna Michael Jackson imitierte und sich gerne mit Schwarzen schwulen Tänzern inszenierte, wurde von weißer Rezeption als Zeichen von Weltoffenheit und Vielfältigkeit interpretiert. Vehement attackiert wurde die Sängerin wegen der Verletzung religiöser Zeichen, doch wegen ihrer wiederholten rassistischen Aussagen über ihre Crew wurde sie niemals zur Rechenschaft gezogen.

bell hooks im deutschen Kontext

Schon aufgrund der verschiedenen historischen Bedingungen, unter denen die Bevölkerungsgruppen sich in den USA und in Deutschland konstituierten, sind nicht alle Aspekte von hooks´ Reflexion auf den deutschen Kontext anwendbar. Doch auch wenn manche Strukturen teilweise differieren – etwa die politische Gewichtung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in den USA, sind institutionelle Unterdrückungsmechanismen und rassistische Alltagspraktiken in beiden Ländern allgegenwärtig. hooks´ Beitrag für den deutschen Kontext ist insofern von großer Bedeutung, da sie zum einen eine Systematik zur Entkolonisierung medialer und kultureller Bilder liefert und zum anderen konkrete Alternativen nennt, wie Kunst und Wissenschaft von Perspektiven of Color aussehen könnten (namentlich genannt seien hier exemplarisch Oscar Michaux, Pratibha Parmar, Trinh Minh-ha, Lorraine Hansberry, Stuart Hall, Manthia Diawara, Nikki Giovanni, Toni Cade Bambara, Ngugi Thiong’o).

Nicht unerwähnt soll die Bemühung des Verlags um eine gerechte Übersetzung von politischen Begriffen sein (Karin Meißenburg übersetzte aus dem Amerikanischen Englisch, Claudia Koppert lektorierte). Denn ohne Kenntnisse der hegemonialen Benennungs- und Repräsentationspraktiken im deutschsprachigen Kontext läuft hooks´ Kulturkritik einerseits und ihr Appell zur Produktion von Alternativbildern andererseits Gefahr, sich am Missbrauch von politischen Termini zu beteiligen oder gar missverstanden zu werden. In diesem Sinne wurde ein Glossar angelegt, welches zum einen einen Einblick in die getroffene Übersetzungsauswahl schafft – zum Beispiel „Afrikanisch-AmerikanerInnen“, „Rasse“ (je nach Kontext auch als „Hautfarbe“, „Volk“ oder „das Konstrukt von Rasse“ übersetzt, S. 243), „Sehgewohnheiten“ (für looking relations), „Essentialismus“, „Rekonstruktionszeit“ − und zum anderen Termini aus der US-Geschichte bündig erläutert – etwa race movies, Trail of Tears. Auch wenn das Glossar kein ausführliches sein will − so fehlen die Hauptbegriffe Schwarz und weiß − zeugt dieser Versuch davon, dass eine Reflexion über Übersetzungspraktiken von politischen Begriffen bereits über zwanzig Jahren zurückliegt.

Zusätzlich verwendete Literatur

Dorlin, Elsa (2006) : La matrice de la race. Éditions la découverte, Paris
Guillaumin, Colette (1972): L’idéologie raciste. Éditions Mouton & Co, réédition Gallimard 2002, Paris
Ha, Kien Nghi (2009): 'People of Color' als Diversity-Ansatz in der antirassistischen Selbstbenennungs- und Identitätspolitik. Online: hier
Husmann, Jana (2010): Schwarz-Weiß-Symbolik. Transcript Verlag, Bielefeld
Mecheril, Paul (u.a. Hrsg.) (2009): Rassismuskritik. Bd.1 Rassismustheorie und –forschung. Wochenschau Verlag, Schwalbach
Sow, Noah (2008): Deutschland Schwarz Weiß. Bertelsmann Verlag, München

bell hooks 1993:
Black Looks. Popkultur Medien Rassismus.
Orlanda Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-929823-14-1.
253 Seiten. 18,50 Euro.
Zitathinweis: Dr. Daniele Daude: Wie Medien und Kultur Rasse produzieren. Erschienen in: Wer macht Medien?. 27/ 2013. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1117. Abgerufen am: 20. 09. 2018 15:35.

Zum Buch
bell hooks 1993:
Black Looks. Popkultur Medien Rassismus.
Orlanda Verlag, Berlin.
ISBN: 978-3-929823-14-1.
253 Seiten. 18,50 Euro.
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