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„Wir“ über „uns“ und „die Anderen“

Buchautor_innen
Michael Daxner, Hannah Neumann (Hg.)
Buchtitel
Heimatdiskurs
Buchuntertitel
Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern
Der Sammelband beschäftigt sich in erster Linie mit den die Auswirkungen des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan auf die Berichterstattung deutscher Printmedien.
Rezensiert von Rita Werth

Nach einleitenden Worten der Herausgeber_innen zur Entstehung des Buches sowie des Titelbegriffes „Heimatdiskurs“ werden Artikel aus dem Spiegel, der Süddeutschen Zeitung und anderen Tageszeitungen mit Hilfe unterschiedlicher diskursanalytischer Zugänge analysiert und ausgewertet. Je nach Themenschwerpunkt der Aufsätze untersuchen die Autor_innen Darstellungsmuster von deutschen Soldat_innen, der afghanischen Zivilbevölkerung sowie „feindlichen Taliban“. Es geht dabei immer um die Auseinandersetzung mit der Legitimation von Kriegseinsätzen, (politischen und ökonomischen) Machtinteressen und allgemeiner Deutungshoheit. Ein Aufsatz nimmt die Rolle und Intentionen deutscher Politiker_innen bei Truppenbesuchen unter die Lupe, ein weiterer reflektiert Entwicklung und Wandel des Terrorismusdiskurses. Zu guter Letzt wird noch der Fortschrittsbericht Afghanistan 2010 der Bundesregierung analysiert.

Um ein vollständiges Bild von Zielsetzung und Anspruch des Buches zeichnen zu können, möchte ich an dieser Stelle etwas weiter ausholen und nicht nur auf seine Inhalte eingehen, sondern auch Umstände und Umfeld der Entstehungsgeschichte beleuchten und erläutern.

Hinter den Kulissen... der SFB 700

Herausgegeben wurde der Band von Michael Daxner, Professor für Soziologie und Mitglied des SFB-Sonderforschungsbereich (SFB) 700 („Governance in Räumen beschränktegrenzter Staatlichkeit“) an der Freien Universität Berlin, sowie Hannah Neumann, die als Politik- und Medienwissenschaftlerin zu Kriegsberichterstattung und Konfliktsoziologie an der Freien Universität Berlin lehrt und forscht.

Seit 2006 befasst sich der SFB 700 der FU Berlin laut Selbstbeschreibung mit der Frage, wie und unter welchen Bedingungen sogenannte „Governance-Leistungen“ – also Aufgaben, die gemeinhin staatlichen Organen zugeschrieben und von ihnen ausgeführt werden, wie Sicherheit, Gesundheitsversorgung, Bildung, Infrastruktur, Rechtssystem etc. – in Gebieten mit „begrenzter Staatlichkeit“, also Kriegs- und Krisengebiete, erbracht werden und welche Probleme dabei entstehen. Forschungsziel soll dabei ein Erkenntnisgewinn über die Entstehung und Manifestierung von effektiven und legitimierten Formen von Governance in solchen Gebieten sein. Der SFB 700 ist unter anderem an das Wissenschaftszentrum Berlin sowie an die Uni Potsdam angegliedert und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Ein Teilprojekt eben dieses SFB 700 ist das C9 „Impact of Interventions in Afghanistan“. Dessen Projektleiter wiederum ist Mitherausgeber Daxner.

Die Mitwirkung einiger Wissenschaftler_innen des SFB 700 an diversen Forschungsvorhaben des Bundesverteidigungsministeriums (BMVg) brachte dem Institut von Beginn an Misstrauen und Kritik von Seiten linker Studierender sowie antimilitaristischer Gruppen ein. So wirkten beispielsweise Jan Koehler, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Daxners Team, und Christoph Zürcher, Sprecher und Leiter diverser Teilprojekte am SFB 700, an einer Studie für das BMVg mit. Vorgeworfen wurde den am SFB 700 beteiligten Wissenschaftler_innen zudem vor allem die unreflektierte Haltung bezüglich ihrer Forschung. Teile der Projekte können zur Verbesserung und Effektivierung von Interventionen und Kriegsstrategien beitragen und unterstützen damit nicht zuletzt die Installierung kolonial strukturierter, nach sogenannten westlichen Normen ausgerichteter Regierungsapparate. Mit seiner Nähe zur Politik und politischen Interessen sei am SFB 700 eine unabhängige Forschung nicht möglich, so die Kritik.

Obwohl davon ausgegangen werden kann, dass die beteiligten Wissenschaftler_innen ein anderes Verständnis bezüglich ihrer Forschungsziele haben, fehlt sämtlichen Stellungnahmen zu dieser Kritik eine klare antimilitaristische Aussage. Tatsächlich wird die Notwendigkeit von (militärischen) Interventionen an sich nicht in Frage gestellt, eine politische Thematisierung der Forschungsaufträge findet nicht oder nur einseitig statt. Auch dem vorliegenden Sammelband fehlt – trotz der durchaus kritischen Auseinandersetzung mit der Rolle von Bundeswehr, Politik und Gesellschaft – die Analyse ursächlicher Zusammenhänge.

Heimatdiskurs - Versuche selbstkritischer Reflexionen...

Der Begriff „Heimatdiskurs“ soll diskursive Praktiken und Strategien rund um die Themenfelder Legitimation, Anerkennung und Bewertung von Politik sowie Truppeneinsätzen außerhalb des nationalen Territoriums beschreiben. Dabei spielen die Strukturierung der öffentlichen Meinung in Wechselwirkung mit den Medien, Grundlagen politischer sowie ökonomischer Entscheidungen und Legitimationsmuster globaler Bündnisse oder Interventionen eine Rolle. Darüber hinaus sollte ein wissenschaftlicher Begriff erzeugt werden „der gleichwohl Ironie und Pathos einschloss“ (S. 30). Etwas verwirrend ist die Aussage, es werde sich nicht mit „Heimat“ befasst. Auch nicht klar wird, warum ausgerechnet der Terminus „Heimatdiskurs“ verwendet wird und nicht dem Sachverhalt angemessener von „Interventionsdiskurs“ oder „Kriegsdiskurs“ die Rede ist.

Auch die Tatsache, dass Diskurse machtvolle Gefüge sind, wird nicht thematisiert. Macht wird in diskursiven Praktiken sichtbar, die sich in materiellen Strukturen zeigen, Muster vielfältiger Wirklichkeitskonstruktionen formen und sich den Anstrich zeitloser Wahrheiten geben. Dass auch der Heimatdiskurs verknüpft ist mit dem Streben nach dem Erhalt machtvoller Positionen wird nur implizit erwähnt. Dennoch eignet sich das Lesen des Buches durchaus zur kritischen Auseinandersetzung mit weißen Dominanz- und Herrschaftsbestrebungen und der damit verbundenen Marginalisierung von Menschen, die aufgrund von Kolonialismus und dem Fortbestehen (post-)kolonialer Strukturen ausgegrenzt und unterdrückt werden.

In den drei Artikeln, die sich mit der Darstellung von den sogenannten Intervenierten auseinandersetzen und der Konstruktion von Fremdheit in Texten und Bildern deutscher „Leitmedien“ nachgehen, wird nachvollziehbar, wie Fremdheit im Kontext von Nationalismus, Rassismus, Migration und Flucht verstanden und hergestellt wird. Dabei wird auch auf unterschiedliche Ansätze und Aspekte von Identität eingegangen und die Kulturalisierung sozialer Begebenheiten beleuchtet.

Es wird herausgearbeitet, dass diskriminierende, einseitige Bilder geschaffen werden, in denen Menschen nicht mehr als individuell handelnde Subjekte erkennbar sind, sondern lediglich als „die Anderen“ objektiviert und vereinheitlicht werden. Der Heim(at)vorteil wird also schnell ersichtlich: Interventionen werden im Namen von Modernisierung und Emanzipation zur Notwendigkeit. Durch die Konstruktion einer kulturellen Hierarchie können deutsche Soldat_innen als Retter_innen und Helfer_innen stilisiert und Kriegseinsätze als legitimes Mittel transportiert werden.

...oder greenwashing militärischer Interventionen?

Was bei den Analysen völlig fehlt, ist die Perspektive der „Intervenierten“. Es wird zwar behauptet, in der Entwicklung des Diskurses sei zu erkennen, „dass auf die Stimmen und Bilder der Intervenierten mehr und genauer geachtet wird. Und zwar nicht einfach benevolent in Empfang nehmend, sozusagen Wissen über die aneignend, denen wir [!] als Intervenierende gegenüberstehen“ (S. 333). Auch der Selbstanspruch, die Äußerungen jener zu beachten, die sonst keine Berücksichtigung finden und in Wissenschaft und Forschung einfließen zu lassen, ist an sich gut gemeint. Der vorliegende Band bleibt jedoch selbst weit hinter diesem Anspruch zurück: Eben jene Äußerungen, die Stimme jener „Intervenierten“, um die es größtenteils im Buch geht, ihre Darstellung und Perspektive, bleiben außen vor. Wieder analysieren „wir“ uns selbst. Wieder generieren „wir“ Wissen über „unsere“ Darstellungsweise „der Anderen“. Auch sprachlich fallen die Analysen immer wieder auf ihre eigene Kritik herein. Begrifflichkeiten wie „Intervenierte“, „Intervenierende“, „westliche“ und „andere“ Kultur werden wiederholt unreflektiert verwendet und reproduzieren somit das bestehende Macht- und Diskursverhältnis.

Obwohl inhaltlich tendenziell kritisch und stichhaltig, methodisch nachvollziehbar und durchaus selbstreflexiv bleibt nach der Lektüre ein bitterer Nachgeschmack. Ebenso wie die Forschung des SFB 700 beschränkt sich die Analyse im Buch auf Symptome statt nach Ursachen zu fragen. Krieg und militärische Interventionen, die globale Ausbreitung eines neoliberalen Wirtschaftssystems und die damit verbundenen katastrophalen Auswirkungen für die Länder des globalen Südens, werden somit als Normalität vorausgesetzt und akzeptiert.

Michael Daxner, Hannah Neumann (Hg.) 2012:
Heimatdiskurs. Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern.
transcript, Bielefeld.
ISBN: 978-3-8376-2219-5.
340 Seiten. 32,80 Euro.
Zitathinweis: Rita Werth: „Wir“ über „uns“ und „die Anderen“. Erschienen in: Deutschland im Krieg. 32/ 2014. URL: http://www.kritisch-lesen.de/c/1203. Abgerufen am: 16. 11. 2018 03:09.

Zum Buch
Michael Daxner, Hannah Neumann (Hg.) 2012:
Heimatdiskurs. Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern.
transcript, Bielefeld.
ISBN: 978-3-8376-2219-5.
340 Seiten. 32,80 Euro.
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